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Samstag, 23.02.2013

Die Angst vor der Glatze

Anne Hathaway über die Trennung von ihren Haaren, die Oscar-Chancen für „Les Misérables“ und arbeitslose Hollywoodstars.

Nein, eine zweite Beyoncé wird nicht mehr aus Anne Hathaway. Dennoch überrascht sie mit ihren Gesangskünsten. Foto: Universal
Nein, eine zweite Beyoncé wird nicht mehr aus Anne Hathaway. Dennoch überrascht sie mit ihren Gesangskünsten. Foto: Universal

Als Teenager wurde Anne Hathaway über Nacht mit „Plötzlich Prinzessin“ zum Mädchen-Idol, doch es dauerte nicht lange, bis sie sich in Hollywood als ernsthafte Schauspielerin etablierte. Mit „Der Teufel trägt Prada“, „Alice im Wunderland“ oder „Brokeback Mountain“ begeisterte sie ein Millionenpublikum. Im vergangenen Jahr war die 30-Jährige nicht nur in „The Dark Knight Rises“ zu sehen, sondern heiratete, im echten Leben, auch ihren Kollegen Adam Shulman. Für ihre Darstellung der Fantine in der Leinwandadaption des Musicals „Les Misérables“ gab’s für Hathaway schon einen Golden Globe. Nun gilt sie auch bei den Oscars als Favoritin.

Miss Hathaway, „Les Misérables“ ist für acht Oscars nominiert. Hat Sie dieser Erfolg für ein Musical überrascht?

Angesichts der Leidenschaft, die wir in den Film gesteckt hatten, wusste ich schon, dass wir etwas sehr Besonderes geschaffen hatten. Aber natürlich kann man nie sicher sein, ob sich das auch auf das Publikum überträgt. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass zumindest ein gewisser Teil der Zuschauer den Film lieben würde. Nicht umsonst ist das Musical ja auf der Bühne so erfolgreich. Trotzdem hätte ich mir das, was nun passiert ist, in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Musicals liebt man oder man hasst sie. Was gilt für Sie?

Ich liebe Musicals, keine Frage. Das ist sozusagen meine erste große Liebe gewesen! Meine Mutter ist Musical-Darstellerin, deswegen war meine Kindheit geprägt von diesem Genre. Von Sondheims „Into the Woods“ hatte ich ein Tape, das ich rauf- und runterspielte bis es kaputt ging. Aber ich liebte auch „My Fair Lady“, „Cabaret“ und jede Menge anderer Musicals.

Ihre Mutter spielte ja selbst mal in einer Produktion von „Les Misérables“ mit. War das ein besonderer Anreiz, die Rolle der Fantine zu übernehmen?

Weder noch. Natürlich ist es eine besondere Motivation gewesen, aber das war sicher nicht der Grund, bei diesem Projekt dabei zu sein. Abgeschreckt hat es mich aber auch nicht. Wobei ich dazusagen muss, dass ich mir anfangs eigentlich gar nicht vorstellen konnte, „I Dreamed a Dream“ zu singen oder Fantine zu spielen. Das schien mir etwas für Erwachsene zu sein. Bis ich mir dann mal eingestanden habe, dass ich auch schon erwachsen bin.

Haben Sie Ihre Mutter denn für die Rolle um Rat gefragt?

Den hat sie mir natürlich unaufgefordert gegeben, schließlich ist sie meine Mutter! Aber ich wusste das zu schätzen, denn sie hat mich nach Leibeskräften unterstützt und motiviert.

Wann haben Sie selbst zum ersten Mal realisiert, dass Sie singen können?

Als Kind war ich ziemlich angetan von meinem Gesang. Da hielt ich mich für eine zweite Beyoncé! Erst ein verhängnisvoller Nachmittag mit meinem Kassettenrekorder belehrte mich eines Besseren. Heute bin ich mir gar nicht so sicher, dass ich wirklich gut singen kann. Allerdings wusste ich, dass ich unbedingt diese Rolle singen wollte. Und dass es Wege gab, das zu schaffen und mir die passende Technik dafür anzueignen. Dank etlichen Monaten Training mit verschiedenen Lehrern und viel Konzentration habe ich es auch einigermaßen hinbekommen.

Sie stapeln tief. Woher haben Sie diese emotionale Tiefe genommen?

Ganz ehrlich: Das ist einfach mein Job. So etwas zu spielen, diese Emotionen heraufzubeschwören – damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Allerdings war die Szene, in der ich „I Dreamed a Dream“ singe, tatsächlich etwas Besonderes, das ich so noch nie erlebt hatte. Normalerweise fühlt man sich, wenn man ganz intensiv bei der Sache ist und die Szene wirklich verinnerlicht hat, irgendwann richtig gut, weil man sich fallen lässt. Doch dieses Mal fühlte ich mich mit jedem Mal, wenn wir die Szene wiederholten, schlechter. Ich glaube, das lag daran, dass ich in diesem Film nicht nur eine bestimmte Figur verkörpere, sondern diese Frau stellvertretend für die tragische Tatsache steht, dass in unserer Welt bestimmte Menschen und vor allem Frauen ausgebeutet und missbraucht werden.

Ist es Ihnen schwergefallen, sich für die Rolle von Ihren Haaren zu trennen?

Oh ja, und wie. Das fand ich – wider Erwarten – schlimmer als zum Beispiel all das Gewicht, das ich verlieren musste. Eigentlich dachte ich immer, dass ich im Bezug auf solche Äußerlichkeiten total hart im Nehmen bin. Aber als dann der Rasierer zum Einsatz kam, verwandelte ich mich in ein heulendes Häufchen Elend. Irgendwie war das wohl die Furcht vor dem Unbekannten, denn natürlich würde ich mit den kurzen Haaren für eine ganze Weile leben müssen. Sobald ich dann alles überstanden hatte, war die Angst aber wie weggeblasen. Inzwischen liebe ich die Frisur und habe auch in all der Zeit nie eine Perücke getragen.

Bei den Oscars gelten Sie als Favoritin als beste Nebendarstellerin.

Da bin ich abergläubisch und sage mal lieber nichts zu. Ich war schon mal nominiert, ging leer aus, und mein Leben ging trotzdem weiter. Ganz wundervoll sogar. Ich weiß also, dass es nicht den Weltuntergang bedeutet, wenn ich am Sonntag nicht gewinne. Und sollte ich es doch tun, dann weiß ich auch, dass es nicht der schönste Moment meines Lebens sein wird. Denn das war meine Hochzeit im vergangenen Jahr. Sich zwischen diesen beiden Polen zu bewegen, ist eine gesunde Sache.

Geben einem solche Preise aber nicht auch enormes Selbstvertrauen?

Unter rein technischen Gesichtspunkten sicher. An Tagen, an denen man besonders hart mit sich selbst ins Gericht geht und mit der eigenen Arbeit fürchterlich unzufrieden ist, ist es nicht schlecht, eine schöne Auszeichnung im Regal stehen zu haben. Die zeigt einem immerhin, dass man einmal richtig lag und die Leute mochten, was man getan hat. Aber das ist eine eher oberflächliche Herangehensweise.

Stimmt es, dass Sie derzeit eine Pause eingelegt haben, weil die Arbeit an „Les Misérables“ so anstrengend war?

Nicht wirklich. Zwar arbeite ich derzeit wirklich an keinem neuen Film, aber das ist nicht freiwillig. Ich habe nur einfach keinen Job. Früher hätte mich das in Panik versetzt, denn als Schauspieler fühlt man sich schnell verloren, wenn man über einen größeren Zeitraum keinen Job hat. Aber ich gewöhne mich daran und lerne es zu genießen, statt sofort das Ende meiner Karriere zu befürchten.

Das Interview führte Patrick Heidmann.

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