erweiterte Suche
Montag, 16.05.2016

Die Angst vor der nächsten Bausünde

Die Entscheidung zum Palais Riesch am Dresdner Neumarkt steht kurz bevor. Ex-Baubürgermeister Gunter Just befürchtet eine moderne Fassade.

Von Lars Kühl

Bild 1 von 5

So könnte die Fassade des Palais Riesch in der Nähe des Neumarkts aussehen (zweites Gebäude von links).
So könnte die Fassade des Palais Riesch in der Nähe des Neumarkts aussehen (zweites Gebäude von links).

© Anja Schneider

  • So könnte die Fassade des Palais Riesch in der Nähe des Neumarkts aussehen (zweites Gebäude von links).
    So könnte die Fassade des Palais Riesch in der Nähe des Neumarkts aussehen (zweites Gebäude von links).
  • Gunter Just war als Baubürgermeister kein Freund der Traditionalisten. Heute kämpft er für den originalen Wiederaufbau am Neumarkt.
    Gunter Just war als Baubürgermeister kein Freund der Traditionalisten. Heute kämpft er für den originalen Wiederaufbau am Neumarkt.
  • Geschossbauten, hier an der Wehlener Straße, sehen für Just alle gleich aus.
    Geschossbauten, hier an der Wehlener Straße, sehen für Just alle gleich aus.
  • Mit dem Zwingerforum am Postplatz kann Just ebenso nichts anfangen.
    Mit dem Zwingerforum am Postplatz kann Just ebenso nichts anfangen.
  • Wo früher eine DDR-Platte die Einmündung von der Haupt- zur Heinrichstraße versperrte, flankieren heute zwei neue Blöcke die Zufahrt. Für Just ist das eine Bausünde des gleichen Ungeistes.
    Wo früher eine DDR-Platte die Einmündung von der Haupt- zur Heinrichstraße versperrte, flankieren heute zwei neue Blöcke die Zufahrt. Für Just ist das eine Bausünde des gleichen Ungeistes.

Geht es um den Neumarkt, vergisst Gunter Just seine eigene Vergangenheit. Der Baubürgermeister a. D., inzwischen 80 Jahre alt, ist zum Bewahrer geworden. Als er von 1994 bis 2001 das Sagen hatte, legte er sich noch oft selbst mit den Traditionalisten an. Heute ist Just Mitglied der Gesellschaft Historischer Neumarkt (GHND) und kämpft in vorderster Front, dass an Dresdens zugkräftigstem Platz möglichst viel zumindest original „aussieht“. Aktuelles Beispiel ist der Disput um die Fassade des Palais Riesch.

Dem Investor, der das gesamte Quartier hinter dem Polizeipräsidium zwischen Landhaus- sowie Rampischer Straße und damit eine der letzten Lücken am Neumarkt bebaut, wirft Just vor, die Dresdner nicht zu verstehen. Die CG-Gruppe aus Berlin hatte sich gegen eine Rekonstruktion entschieden. Ein erster, moderner Fassadenentwurf war von vielen aber abgelehnt worden, deshalb erarbeiten zehn Architektenbüros bis zu diesem Donnerstag Alternativen. Ihre Aufgabe: Den früheren, barocken Palaischarakter in irgendeiner Form mit aufnehmen, damit ein Kompromiss zwischen historischer Bedeutung und modernen Anforderungen gefunden wird.

Die erweiterte Gestaltungskommission „Kulturhistorisches Zentrum Dresden“ entscheidet sich dann in ihrer Sitzung am 26. Mai für den Siegerentwurf, der erst am 2. Juni der Öffentlichkeit bekannt gegeben wird. Ginge es nach der GHND, würde Gunter Just in diesem Experten-Gremium sitzen. Seine Teilnahme soll das Stadtplanungsamt aber abgelehnt haben. Alter und neuer Baubürgermeister an einem Tisch – das wollte man wohl nicht.

Trotzdem sagt Just unverblümt, was er von der Herangehensweise der CG-Gruppe hält. „Wenn es darum geht, Erinnerung über Architektur zu bewahren – und dies betrachte ich als die eigentliche Intention des gesamten Neumarktgebietes – muss die bauliche Substanz – im Falle Riesch also das hinter der Fassade – nicht zwingend original sein.“ Das deckt sich mit den Plänen des Investors, der ein Wohn- und Geschäftshaus vorsieht. Allerdings schließt solch eine zeitgenössische Nutzung eine historisch nachempfundene Fassade aus Sicht der Berliner aus, weil die Geschosshöhen im Palais Riesch früher ganz andere waren und heutige Anforderungen an den Lichteinfall nicht erfüllt werden.

Doch einmal im Schwall, holt Just zum Rundumschlag aus – und liefert die Erklärung für die berühmt-berüchtigte Historienverliebtheit der Dresdner gleich mit. „Die vielen gestalterischen Kahlschläge unserer Stadt, die zunächst auf das Konto totalitärer Baupolitik sozialistischer Prägung und anschließend auf die forcierte Nachwende-Modernisierung gingen, sind verantwortlich dafür, dass das gefühlsbetonte Verhältnis zu älterer und vormoderner Architektur so markant zugenommen hat.“

Das, was heute als modern durchgeht, erfüllt für Just nicht, was die Architektur-Vorreiter für sich beanspruchen: Das Zwingerforum am Postplatz sei seelenlos, aus dem DDR-Block an der Hauptstraße habe man eine „zweigeteilte Platte des gleichen Ungeistes“ gemacht, die nun den geöffneten Zugang zur Heinrichstraße flankiert. Die massenhaften Staffelgeschossbauten seien mit ihren Flachdächern stupide und sehen alle gleich aus. Weiß wäre vielerorts zum bestimmenden Anstrich geworden. „Nach dem Grundsatz: Je läppischer der Entwurf, desto gleißender das Unvermögen übertünchen!“ Sogar die Worte „städtebaulicher Müll“ fallen, wenn Just über die ausgewiesenen Standorte für Eigenheime spricht. Wirkliche Modernität spricht er jedenfalls allen Objekten ab.

Dabei gebe es sie in Dresden, moderne Bauwerke, die gelungen sind: der Sächsische Landtag, die Messebauten, das St. Benno-Gymnasium, die Gläserne Manufaktur oder die Synagoge, vor allem aber viele Gebäude auf dem TU-Campus und in der Universitätsklinik. Und nicht zuletzt am nördlichen Ende der Prager Straße – ein wenig Eigenlob darf nicht fehlen, denn das Wöhrl-Plaza hat Just selbst als Architekt entworfen, zusammen mit seinem Sohn.

Das sind für ihn gelungene Beispiele, wo die Stadt ihr Gesicht verändern durfte. Nur am Neumarkt soll möglichst vieles wieder so werden, wie es einmal war, sagt Just. Der Wunsch nach Rekonstruktionen sei die „Sehnsucht“ der Generation, die die Bausünden von der DDR-Zeit bis heute erlebt hat. „Die Mehrheit der Dresdner will unser kulturhistorisches Zentrum um die Frauenkirche bewahren, vor modernistischen, vor moralisch kurzlebigen Angeboten von Architekturverkäufern.“