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Donnerstag, 03.05.2018

„Die allermeisten sind überfordert, ständig Nein zu sagen“

Arzt Eckart von Hirschhausen über die wahren Ursachen von Fehlernährung.

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Der Arzt Eckart von Hirschhausen (50) studierte Medizin und arbeitet als Komiker, Auto und Moderator.
Der Arzt Eckart von Hirschhausen (50) studierte Medizin und arbeitet als Komiker, Auto und Moderator.

© dpa

Ein Bündnis aus 15 Ärzteverbänden und Krankenkassen, allen voran der TV-Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen, fordert in einem Offenen Brief die Bundesregierung auf, endlich wirksame Maßnahmen gegen die Fehlernährung umzusetzen. Von Hirschhausen will dabei besonders dem Zucker den Kampf ansagen. Warum das so wichtig ist und wie er es selbst mit dem Zucker hält, erklärt er im Interview.

Fehlernährung – was ist das für Sie, was steht bei Betroffenen im Kühlschrank?

Limonaden, Fruchtjoghurts, Fertigprodukte, Frühstücksflakes – die Liste ist lang, aber eines ist allen gemeinsam: Sie enthalten so viel Zucker, dass sie keine Lebensmittel, sondern Süßigkeiten sind. Zucker ist schädlich. Das wusste man eigentlich schon lange, jetzt ist es wissenschaftlich noch klarer bewiesen. Vielen ist nicht klar, dass die leeren Kalorien von einer einzigen Dose Cola pro Tag auf Dauer schon den Unterschied zwischen Normalgewicht und Fettleibigkeit machen können.

Warum soll es eigentlich nicht möglich sein, auf die Flaschen und Dosen das draufzuschreiben, was drin ist? Und warum soll es nicht auch möglich sein, den Schaden, den das Zeug anrichtet, für uns als Gesellschaft in den Preis mit einzurechnen? Jedes Kind sollte schon im Kindergarten lernen, was ihm guttut und was nicht. Dann könnten die Kinder das auch ihren Eltern weitersagen!

Sie sprechen sich für ein Eingreifen der Politik aus. Warum jetzt? Was könnte sich dadurch für die Menschen zum Guten ändern?

Was gab es in meiner Jugend an der Tankstelle? Benzin! Und wie kam man zur Schule? Zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Wo hat man am Nachmittag gespielt? Draußen, Fußball oder Räuber und Gendarm. Heute gibt es an jeder Tankstelle rund um die Uhr alles, was viel Kalorien, Fett, Zucker und Salz hat. Die Kinder und Erwachsenen sind doch heute nicht dümmer oder willensschwächer als vor 30 Jahren – aber sie sind viel dicker, weil wir anders leben.

Wenn sich also die Rahmenbedingungen komplett verändert haben, ist es Unsinn, immer nur an die Eigenverantwortung zu appellieren, wenn das offensichtlich nicht reicht. Dicke sind nicht selber schuld an ihrem Übergewicht, die allermeisten Menschen sind überfordert, ständig und überall Nein zu sagen zu Zuckerschrott.

Haben Sie selbst eine Schwäche für ein ungesundes Nahrungsmittel?

Sie sollten mich nie mit einer Tafel Marzipan-Schokolade alleine in einem Raum lassen, da kann ich für nichts garantieren. Wer nicht genießt, wird ungenießbar!

Sie haben kürzlich mit sogenanntem Intervallfasten erfolgreich abgenommen. Worauf beruht Ihrer Meinung nach der Erfolg?

Im Neandertal gab es keine fünf Mahlzeiten am Tag. Da rannte das Mittagessen manchmal noch zwei Tage vor uns her. In dieser Zeit wurde unser Körper programmiert. Der Körper braucht Pausen, um von Nahrungszufuhr auf Nahrungsverwertung umzuschalten. Wenn wir ständig und überall etwas vor uns hin mampfen, weiß der Körper gar nicht, wann er mal Zeit hat, die Zellen zu entrümpeln, Fett aus den Polstern zu verbrennen und alte Eiweiße loszuwerden. Deshalb braucht es zwölf bis 16 Stunden Pausen, und glauben Sie mir – in den acht Stunden, die übrig bleiben, wird man durchaus satt. (dpa)

Das Gespräch führte Gisela Gross

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. kari

    Nun die Leute sind sicher nicht dümmer, aber viel fauler und bequemer. Würde mehr selbst zubereitet, statt ständig Fertigfraß (Fruchtjopghurt, Fertigmüsli, Fertigpizza, sonstige Tielkühl- und andere Fertigerichte und Nachspeisen, Fertigsoßen etc…) zu konsumieren, wären die Kinder und Erwachsenen auch weniger fett.

  2. Rolf

    Der Weg zur Schule ist genauso ein schlechtes Beispiel, wie der Weg zur Arbeit. Beides war früher fußläufig zu erreichen, heute nicht mehr. Gerade Schulen wurden massiv geschlossen. Die übrigen nehmen Kinder aus "der halben Welt" an und lehnen oft genug die aus der unmittelbaren Nachbarschaft ab. Was würde ich geben zwei mal am Tag eine viertel bis halbe Stunde zur Arbeit und wieder zurück laufen zu dürfen.

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