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Samstag, 29.06.2013

Deutsche Firma bringt Licht in den Dschungel

Im armen Laos macht ein deutscher Unternehmer Licht für Bewohner abgelegener Dörfer bezahlbar. Das Solarstrom-Modell macht jetzt auch in anderen Ländern Schule.

Von Christiane Oelrich

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Eine aufgeladene Taschelampe leuchtet  neben einer brennenden Kerosinlampen in einem Haus im Dorf Bong Nam im Süden von Laos. Ein deutscher Unternehmer macht hier Licht für Bewohner abgelegener Dörfer bezahlbar.
Eine aufgeladene Taschelampe leuchtet neben einer brennenden Kerosinlampen in einem Haus im Dorf Bong Nam im Süden von Laos. Ein deutscher Unternehmer macht hier Licht für Bewohner abgelegener Dörfer bezahlbar.

© dpa

  • Eine aufgeladene Taschelampe leuchtet  neben einer brennenden Kerosinlampen in einem Haus im Dorf Bong Nam im Süden von Laos. Ein deutscher Unternehmer macht hier Licht für Bewohner abgelegener Dörfer bezahlbar.
    Eine aufgeladene Taschelampe leuchtet neben einer brennenden Kerosinlampen in einem Haus im Dorf Bong Nam im Süden von Laos. Ein deutscher Unternehmer macht hier Licht für Bewohner abgelegener Dörfer bezahlbar.
  • Ein Solarpanel steht vor dem Haus eines Dorfbewohners von Bong Nam in  Laos.
    Ein Solarpanel steht vor dem Haus eines Dorfbewohners von Bong Nam in Laos.
  • Dorfbewohner sitzen neben aufladbaren Taschenlampen.
    Dorfbewohner sitzen neben aufladbaren Taschenlampen.

Pakse. Für Keo Noy war der Tag früher mit Einbruch der Dunkelheit gelaufen. Strom war für die 300 Einwohner in ihrem Dorf Bong Nam im laotischen Dschungel lange ein Traum. Spärliches Licht gab es abends nur aus gefährlichen Kerosinlampen. Die Tage sind aber vorbei. Keo hellt ihre Holzhütte heute mit einem Strahler auf. Der Saft kommt aus einer solarbetriebenen Ladestation.

Dahinter steckt ein ungewöhnliches Konzept, das neben der Produktion erneuerbarer Energie ohne Abfallprodukte Arbeitsplätze im Dorf und einen nachhaltigen Wirtschaftskreislauf schafft: Die Dorfbewohner betreiben die Ladestation in Eigenregie, die Familien zahlen für das Aufladen ihrer Strahler einen kleinen Betrag. Mit dem Geld werden Lichtmeister gezahlt, die Ladestation und Solarkollektor in Ordnung halten. Der Rest dient als Rücklage für Reparaturen oder den Austausch etwa der Batterien.

„Ich komme mindestens dreimal in der Woche zum Aufladen“, sagt Keo. „Wir können uns die Abende ohne Licht kaum mehr vorstellen. Früher haben wir abends manchmal noch beim Licht der Kerosinlampen abgewaschen, aber eigentlich sind wir immer früh ins Bett“, sagt die 40-Jährige und Mutter von sieben Kindern zwischen zwei und 21 Jahren. Heute machen die Kinder abends bei Licht ihre Hausaufgaben.

Die Elektrifizierung der Welt ist nach Meinung der Vereinten Nationen der Schlüssel auf dem Weg aus der Armut. 1,4 Milliarden Menschen - 20 Prozent oder ein Drittel der Weltbevölkerung - haben keinen Strom. Viele arme Länder brauchen noch Jahre, um entlegene Regionen an ein Stromnetz anzuschließen. Wie Laos.

Keo Noys Dorf liegt 200 Kilometer östlich der Kleinstadt Pakse im dünn besiedelten Süden des Landes. 52 Familien wohnen hier am Rande des Dschungels. Ein paar Jungen kicken einen zerbeulten Ball zwischen den Hütten hin und her. Viele der Erwachsenen sind auf den Feldern.

Die Holzhütten auf Stelzen stehen auf rötlichem Lehmboden. Sie sind karg ausgestattet. Pöey, etwa 50 Jahre alt, steht in der Tür mit einer langen Bambuspfeife und betrachtet Besucher neugierig. In ihrer Hütte gibt es ein paar Regale an der Wand und eine Stange für Kleider, mittendrin ist ein offenes Feuer. Geschlafen wird auf Matten auf dem Fußboden. Tagsüber werden sie aufgerollt. Es ist ziemlich dunkel. „Mein Strahler ist in der Ladestation“, sagt sie.

Viel Geld ist in Bong Nam nicht zu machen, die Einwohner leben von der Hand in den Mund. Sie verkaufen Eier oder Gemüse, wenn die Ernte gut war. Dieses Dorf und ähnliche stehen bei der Elektrifizierung auf der Prioritätenliste der Regierung nicht gerade oben.

Deshalb sind kleinere, lokale und bezahlbare Lösungen gefragt. „Nachhaltige Energie ist der goldene Faden, der Wirtschaftswachstum, soziale Fairness, das Klima und die Umwelt verbindet und der Welt zur Blüte verhilft“, sagt UN-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Das Konzept mit Strahlern und Aufladestation hat Andy Schroeter entwickelt. Der Elektro-Ingenieur ist gebürtiger Hamburger, die Pico-Strahler kommen von der Firma Phocos aus Ulm. Schroeter kam 1995 mit seiner Frau nach Laos, die als Entwicklungshelferin tätig war. Bei Reisen durch das Land sah er die bitterarmen Dörfer ohne Strom. 2000 gründete er seine Firma Sunlabob.

Schroeter hat mit vielen Leuchten experimentiert. Die ersten Prototypen sehen wie Grubenlampen in Bergwerken aus. Heute kommen leuchtend orangefarbene Strahler etwa in Form überdimensionaler Taschenlampen zum Einsatz. Feuchtes Dschungelklima, Regengüsse, Hinfallen - das Gehäuse ist dicht, der Strahler unverwüstlich. „Wunderschön“, sagt Keo Noy. Sie hat am Design nichts auszusetzen.

Es gibt andere Solarlampen auf dem Markt. Leuchten für relativ wenig Geld. Allerdings sind die billigen Modelle oft nicht dschungelgeeignet. Kaputte Lampen landen im Abfall. Dann muss Nachschub her.

Sunlabobs Strahler kosten 48 Euro. Das garantiert zwar Unverwüstlichkeit, ist für arme Dörfler aber nicht zu bezahlen. Deshalb brauchen die Sunlabob-Projekte eine Initialspende. Im Fall von sieben Dörfern gab die deutsche Botschaft in der Hauptstadt Vientiane 10 000 Euro für sieben Ladestationen mit je 50 Strahlern. Dafür gehören Aufladestation und Strahler dem Dorf, der Einzelne zahlt nur für das Licht. Auch am Geschäftsmodell hat Schroeter lange gebastelt. „Wir wollten zeigen, dass auch mit den Ärmsten nachhaltige Geschäftsmodelle entwickelt werden können.“

Keo Noy, die die Familienfinanzen verwaltet, spart durch die Strahler richtig Geld. Das Aufladen ist billiger als früher die Kerosinlampen. „Einmal laden kostet 1000 Kip“ - umgerechnet keine zehn Cent, sagt einer der Lichtmeister, Nyot Many. Das gibt 55 Stunden Licht. „Früher haben wir Kerosin gekauft, den Liter für 10 000 Kip - das reichte für etwa 13 Stunden.“

Keo Noy steckt das gesparte Geld in die Ernährung ihrer Familie: „Ich kaufe jetzt Fischsoße. Und Geschmacksverstärker“. Das weiße Pulver gilt hier als Luxusprodukt. „Ein bisschen Geld lege ich auch zurück, wenn mal jemand krank wird“, sagt sie.

Für den Lichtmeister rechnet sich das Geschäft auch. In seinem Haus steht die kleine Ladestation. Zwei Strahler sind gerade angeschlossen. „Im Dorf gibt es 50 Strahler, die laden wir etwa 350 mal im Monat auf“, sagt er. Macht 350 000 Kip, fast 35 Euro im Monat. Die Hälfte teilt er sich als Salär mit drei Kollegen, die abwechselnd die Ladestation bedienen. Der Rest kommt in die Rücklagen, über die Buch geführt wird. Jeder im Dorf hat Einblick in das rote Ringbuch.

Laos liegt in Südostasien zwischen Thailand und Vietnam und gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die kommunistische Regierung schafft es nur langsam, die 6,3 Millionen Menschen aus der Armut zu bringen. 1992 lebten 45 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze, 2008 waren es noch 27 Prozent. Die Regierung will bis 2015 etwa 85 Prozent der Menschen mit Strom versorgen. Sie gibt mit Unterstützung der Weltbank ärmeren Familien zinslose Darlehen, damit sie sich selbst ans Stromnetz anschließen können. Doch müssen sie dafür in der Nähe einer Leitung wohnen. Und sie sitzen später auf den Schulden.

Schroeters Konzept hat sich bewährt. Sunlabob-Stationen in ähnlicher dörflicher Eigenregie gibt es auch schon in Uganda und Tansania. In Mikronesien installierte die Firma 70 Dorf-Ladestationen mit 3 500 Strahlern. Sunlabob hat schon Preise der Weltbank und des UN-Entwicklungsprogramms UNDP gewonnen. Das Unternehmen mit 70 Mitarbeitern ist profitorientiert, wenn auch mit sozialer Ader.

Es baut auch Solar-Stationen für die Weltbank oder die Asiatische Entwicklungsbank (ADB), oder für Konzerne, die sich in der Umgebung ihrer Fabriken oder Bergwerke mit einem Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung sozial engagieren wollen. „Corporate Social Responsibility“ heißt das auf Neudeutsch. In der Nähe von Bong Nam finanzierte die ADB zum Beispiel eine Sunlabob-Solarstation, die für die Gesundheitsstation Strom für eine Tiefkühltruhe liefert.

„Wir können jetzt Impfstoff lagern“, sagt der Arzt, Kham Many. „Wenn ich früher Serum angefordert habe, kam es in Kühltaschen und ich musste es in zwei Tagen aufbrauchen. Kinder konnten erst geimpft werden, wenn die nächste Ladung kam. Heute halten wir alles Nötige auf Vorrat.“ Er sehe viel weniger Kranke, sagt er. Das liege am Impfen, aber auch an den Solarstrahlern: „Früher kamen viel mehr Leute mit Husten“, sagt er. „Vom Rauch der Kerosinlampen.“

Davon kann Keo Noy ein Lied singen. „Weil das Licht der Lampen so spärlich war, musste man sich entscheiden: entweder man geht ganz nah ran und bekommt eine schwarze Nase und fängt an zu husten, oder man sieht nicht viel.“ Gefährlich waren die Lampen auch. „Mein Haus ist vor vier Jahren abgebrannt“, sagt Lichtmeister Am Mawn. Seine Kinder waren allein zu Hause. Dann ist plötzlich die Kerosinlampe umgekippt. „Sie sind aber alle noch rausgekommen“, sagt er. (dpa)

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