erweiterte Suche
Samstag, 22.02.2014

Der Wahnsinn des Günter O.

Nach dem Mord an der früheren Kamenzerin Madeleine W. in Essen setzt sich langsam ein tragisches Puzzle zusammen.

Von Hayke Lanwert und Pirkko Gohlke

Trügerisches Idyll: Experten der Spurensicherung nehmen die Kleingartenanlage in Essen auseinander. Foto: dpa/Stephan Witte
Trügerisches Idyll: Experten der Spurensicherung nehmen die Kleingartenanlage in Essen auseinander. Foto: dpa/Stephan Witte

© dpa

Zart violett sprenkeln Krokusse diesen Garten, und nebenan klappert ein Windspiel hölzern bei jedem Luftzug. Doch von einem Frühlingsidyll ist die Szenerie in dem Schrebergarten im Essener Stadtteil Borbeck weit entfernt. Dort, gleich neben der blauen Hütte, häuft sich noch die Erde, unter der die 23-jährige Madeleine W. begraben lag. Erde, Beton, Erde und wieder Beton. Ihr eigener Stiefvater, der 47-jährige Günther O., steht unter dem dringenden Verdacht, sie getötet zu haben. Er und sein 21-jähriger Sohn wurden wegen Mordverdachts festgenommen.

Die Tat schockiert die Menschen im Ruhrgebiet – doch auch im sächsischen Kamenz ist die Bestürzung groß. Erst 2009 zog die Familie aus Sachsen nach Gelsenkirchen um. Bekannte und Verwandte leben heute noch in Kamenz.

Doch wer ist dieser Günther O. eigentlich? Langsam verdichten sich die Informationen über ihn zu einem konkreten Bild. Vor vielen Jahren soll er nach einem Banküberfall in Österreich auf der Flucht in Essen untergetaucht sein, berichtete die Bild-Zeitung, wurde aber dort festgenommen. Nach dem Absitzen der Haftstrafe zog er 1991 nach Sachsen. In Hoyerswerda lernte er Birgit kennen, die gerade Madeleine zur Welt gebracht hatte. Die beiden verliebten sich. 1992 kam ihr Sohn Daniel zur Welt. Zwei Jahre später heirateten sie und wohnten eine Zeit lang auf der Kamenzer Grenzstraße. 2009 dann der Umzug nach Essen. Bis zu seiner Festnahme arbeitete Günter O. als Platzwart beim Fußballverein DJK Eintracht Borbeck.

Marcel B., ein langjähriger Freund der Familie, beschreibt ihn als Menschen, der durchaus aggressiv werden kann. Er habe Madeleine wie „Scheiße behandelt“, ihr viel verboten. Madeleine habe um alles bitten müssen. Günter O. sei rechtsradikal, ein „Waffenfanatiker“. In seiner Wohnung habe er Waffen gelagert, von denen er, Marcel B., jedoch nicht wisse, ob es sich um echte oder um Attrappen handele. Als Motorrad-Fahrer habe O. Kontakt zu den Borbecker Bandidos, trage deren Jacke.

Hans-Jürgen Mangartz, der Vorsitzende des Kleingartenvereins Borbeck, lernte Günter O. kennen, als dieser im Juni 2013 die Parzelle mit der blauen Hütte auf seinen Namen umschreiben ließ. „Er machte einen sehr ungepflegten Eindruck“, erinnert sich Mangartz. Und der Obmann des Vereins, Josef Fallen, begegnete O. auch später noch einmal. „Bei dem bekam man Angst!“ Den Nachbarn im Kleingarten fiel er vor allem auf, „weil er gerne laut und mit viel Alkohol feierte“.

Irgendwann nahmen die Dinge einen entsetzlichen Lauf. Vor etwas mehr als einem Jahr zeigte Madeleine W. ihren Stiefvater wegen sexuellen Missbrauchs an. Zweimal hatte sie versucht, vor ihm zu fliehen. Einmal vergeblich, später fand sie Unterschlupf in einem Frauenhaus und wagte sich zur Polizei.

Ihre zweijährige Tochter, das ist per Vaterschaftstest nachgewiesen, ist das Kind ihres Stiefvaters. Längst prüft die Staatsanwaltschaft, ob Günter O. Madeleine bereits als Jugendliche sexuell missbraucht hat. Doch zu einem Prozess kam es bislang nicht. „Stattdessen drehte Günter völlig durch, suchte krankhaft nach Madeleine“, sagt Marcel B., der Freund der Familie. Günter O. sei völlig vernarrt in seine zweijährige Tochter. „Er wollte Madeleine aus dem Weg schaffen, um die Kleine für sich zu haben“, erklärt er. Zum letzten Mal lebend gesehen wurde Madeleine, als sie ihre Tochter in die Kita brachte. Nun kommt das Kind in eine Pflegefamilie.

Was genau während der Tat geschah, liegt noch im Dunkeln. Die Polizei, die mit großem Aufwand nach Madeleine gesucht hat, fand die Tote geknebelt und an Händen und Füßen gefesselt in dem 1,30 Meter tiefen Erdloch auf der Parzelle der Kleingarten-Anlage Hesselbach I und II. Fest steht: Am Tag ihres Verschwindens traf sie sich mit ihrem Stiefvater und dem Halbbruder. Gemeinsam fuhren sie nach Essen.

„Wir ermitteln weiter mit Hochdruck gegen die beiden Verdächtigen“, erklärte die Essener Oberstaatsanwältin Birgit Jürgens inzwischen. Nicht aber gegen Madeleines Mutter Birgit. Die Ehefrau des 47-Jährigen werde nicht verdächtigt.

Warum es nach der Anzeige von Madeleine bislang nicht zu einem Verfahren gekommen ist, dazu wollte sich Birgit Jürgens „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht äußern. Auch das Missbrauchsverfahren gegen Günter O. laufe weiter.

Seit Donnerstag untersuchen Rechtsmediziner nun Hautproben der Getöteten. Mithilfe von aufwendigen Laboruntersuchungen wollen die Ermittler herausfinden, ob Madeleine noch lebte, als sie vergraben und einbetoniert wurde. Diese Untersuchungen können allerdings mehrere Wochen dauern, so ein Polizeisprecher.

Noch am Abend vor seiner Festnahme hinterließ Günter O. auf Facebook eine rätselhafte Nachricht: „Ich weis nicht warum ich weiß nicht weshalb aber eins must du wissen ich liebe dich (...) ich weiß ich kein mensch ist berfeckt...“. (WAZ, dpa, hbe)

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 22:00 Uhr abgegeben werden.