Mittwoch, 09.01.2013

Der unglaubliche Fall des Dr. Frankenstein

Ein angeklagter niederländischer Arzt arbeitete unbehelligt an deutschen Krankenhäusern. Ein Protokoll des Versagens.

Von Stefan Becker

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Dunkle Vergangenheit: Ein angeklagter Arzt durfte unerkannt an der Heilbronner Klinik Gesundbrunnen arbeiten.Foto: dpa
Dunkle Vergangenheit: Ein angeklagter Arzt durfte unerkannt an der Heilbronner Klinik Gesundbrunnen arbeiten.Foto: dpa

Die Liste der Vorwürfe ist lang: schwere Körperverletzung in mindestens 21 Fällen, Urkundenfälschung und Unterschlagung werden dem niederländischen Neurologen Ernst J. S. vergeworfen. Gründe genug, ihn nicht mehr als Mediziner arbeiten zu lassen – so sollte man meinen. Hier beginnt der Skandal nach dem Skandal: Bis zum vergangenen Freitag war eben jener 67-jährige Mediziner jahrelang in deutschen Krankenhäusern als Honorararzt beschäftigt. Zum Schluss an der Klinik Gesundbrunnen in Heilbronn.

Von niederländischen Medien wurde Ernst J. S. schon vor Jahren „Dr. Frankenstein“ getauft, da er unter anderem Patienten nach manipulierten Tests bewusst Fehldiagnosen stellte und dafür unnötige Medikamente verschrieb. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft in einem der größten medizinischen Strafprozesse in der Geschichte der Niederlande.

Der Anwalt Yme Drost kennt den dubiosen Doktor schon seit dessen unrühmlichem Ausscheiden aus einem Krankenhaus in Enschede. Ursprünglich sei der Neurologe eine Koryphäe im Umgang mit den Krankheiten Alzheimer, Parkinson und Multiple Sklerose gewesen, sagt Drost. Doch ein Autounfall 1990 habe das Leben des Arztes verändert. Er wurde laut Drost selbst medikamentenabhängig und rutschte ab in eine kriminelle Existenz. Unter anderem soll er auch mehr als zehn unnötige Gehirnoperationen veranlasst haben, die ein befreundeter Chirurg vornahm.

All dies sei bereits ab 2001 nach und nach ans Licht gekommen, sagt Drost, doch die Klinik habe ihren Mitarbeiter bis 2005 gedeckt. Selbst dann noch, als sich die ersten Patienten wegen offensichtlicher Fehldiagnosen meldeten. So habe sich etwa ein Ex-Polizist als vermeintlicher Alzheimer-Patient in sein Schicksal gefügt und habe Hab und Gut verkauft, bevor er sich dann in Amsterdam doch noch eine zweite Meinung einholte. Und siehe da: Sein Gehirn war vollkommen normal und die Diagnose-Bilder eine offensichtliche Fälschung.

Als der Doktor dann 2005 seine Zulassung als Arzt in den Niederlanden niederlegt, besorgt er sich umgehend die nötigen Papiere für Deutschland. Hier registriert er sich online bei diversen Personalagenturen, die sich auf die Vermittlung von medizinischem Personal spezialisiert haben. So einfach geht das anscheinend.

Vergangenes Jahr stellte die Berliner Agentur „Doctari“ den Kontakt nach Heilbronn her, sagt deren Geschäftsführer Christoph Siegmann. Der Niederländer hatte sich unter einem alten Namen registrieren lassen und Teile seiner Biografie offensichtlich weggelassen. Laut den Aussagen der Klinikleitung in Heilbronn legte er dennoch die obligatorischen Papiere vor, unter anderem seine deutsche Approbation aus dem Jahr 2006 sowie eine Facharzturkunde.

Lange ging der Schwindel gut. Erst vor wenigen Tagen setzte die Heilbronner Klinik den Neurologen vor die Tür. Geschäftsführer Thomas Jendges sagte der Zeitung „Heilbronner Stimme“, Ernst J. S. habe in seinem Haus nur als Assistenzarzt gearbeitet und „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ keinem Patienten einen Schaden zufügen können. Dennoch leitete die Staatsanwaltschaft inzwischen erste Vorermittlungen ein. Mittlerweile hätten sich drei Patienten gemeldet, die von Komplikationen berichteten, heißt es.

Unterdessen hat Anwalt Yme Drost in den Niederlanden bereits für 80 Mandanten Schadensersatz-Ansprüche gegenüber Ernst J. S. geltend gemacht. „Als sich die ersten drei Mandanten meldeten, dachte ich mir, da kann doch etwas nicht stimmen“, sagt er. Das war 2005. Er hakte bei der Klinik in Enschede nach – ohne Erfolg. Daraufhin ging er zu den Medien – und kurze Zeit später erzählten ihm 30Ex-Patienten ihre Krankengeschichten. Schnell vermutete Drost einen kriminellen Hintergrund und sprach wieder bei der Klinik vor. Als er auch diesmal kein Gehör fand, wandte er sich 2007 an die Staatsanwaltschaft, doch erst zwei Jahre später wurden Ermittlungen zu einem Strafprozess aufgenommen. Im Frühjahr soll der Prozess beginnen. Die mögliche Höchststrafe für die Summe aller Vergehen könnte bei zwölf Jahren Gefängnis liegen.

Auf zivilrechtlichem Weg erkämpfte Yme Drost inzwischen 265.000 Euro für einen Mann, der heute im Rollstuhl sitzt. Ernst J. S. soll bei ihm einst zu Unrecht Multiple Sklerose diagnostiziert und behandelt haben. Dabei hätte dem Patienten mit seinen Beschwerden an der Halswirbelsäule leicht geholfen werden können, wie ein Gutachten zeigte. Eine andere Frau habe sich sogar wegen einer Fehldiagnose das Leben genommen, sagt Drost.

Während die Behörden in Holland ermittelten, praktizierte Ernst J. S. in Deutschland und wechselte nach Belieben die Kliniken, als ihm holländische Journalisten in Nordrhein-Westfalen auf die Spur kamen. Unter anderem arbeitete er zwischen 2010 und 2011 auch für Kliniken in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz, wie gestern bestätigt wurde.

„Das ist alles völlig bekloppt“, sagt Yme Drost. Immerhin eines hält er den deutschen Behörden zugute: „Schon nach einem Tag hat die Staatsanwaltschaft in Heilbronn die Vorermittlungen aufgenommen – allein das hat bei uns Jahre gedauert.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

  1. Siegfried Schäfer

    Hoffentlich vergißt die Staatsanwaltschaft nicht, auch mal bei der Klinikleitung vorbeizuschauen. Vielleicht wird hier einiges vertuscht.

  2. Günter

    Mich wundert gar nichts mehr.Wer Postboten mit gefälschten Papieren als Oberarzt arbeiten lässt,kann doch einen Arzt mit gefälschten Papieren erst recht beschäftigen.Merkt denn niemand,dass in diesem Staat irgendetwas faul ist.

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