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Mittwoch, 09.04.2003

Der Ungerührte

Von unserem Korrespondenten Markus Günther, Washington

Auf die Frage des chinesischen Reporters ist noch keiner gekommen: „Wohin werden sich die amerikanischen Truppen zurückziehen, wenn der Angriff zusammenbricht und sie von der irakischen Armee in die Flucht geschlagen werden?“ Typen wie Rumsfeld oder Schwarzkopf hätten über diese Frage herzlich gelacht oder versucht, den Fragesteller mit einem zynischen Kommentar lächerlich zu machen. Doch derlei Sperenzien erlaubt sich Vincent Brooks, 44, nicht. Er nimmt jede Frage ernst, oder tut wenigstens so, und gibt eine militärisch-nüchterne Antwort: „Wir liegen mit unserem Vormarsch genau im Plan. Es gibt keinen Grund, über die Dinge zu spekulieren, die Sie andeuten.“

Mann mit eisernen Nerven

Der Brigadegeneral ist das prominenteste Gesicht des Irak-Krieges. Als Sturmgeschütz an der Propagandafront steht er im Hauptquartier der US-Truppen in Doha (Katar) Tag für Tag vor der internationalen Presse und berichtet über den Stand des Krieges. Tommy Franks, dem Oberkommandierenden der amerikanischen Truppen am Golf, fehlt die Begabung, wortreich und gelassen im Kreuzfeuer der Fragen zu stehen. Deshalb hat er die Aufgabe an jemanden mit eisernen Nerven delegiert. Die Journalisten im Hauptquartier, die allen Unkenrufen zum Trotz beharrlich kritische Fragen stellen, gehen den General hart an, haben ihn aber noch nie in Verlegenheit bringen können. Im Pentagon ist man mit der Arbeit von Brooks hochzufrieden. Das mag daran liegen, dass er sich streng ans Manuskript hält, das PR-Strategen des Generalstabs für ihn vorbereiten. Es liegt wohl auch daran, dass Brooks sich in jeder Situation bestens darauf versteht, die Botschaften zu vermitteln, die der militärischen und politischen Führung wichtig sind. „Das hier ist ein Podium der Wahrheit“, sagte Brooks, konfrontiert mit dem Vorwurf systematischer Falschinformation, vor Tagen in der täglichen Pressekonferenz. Gelächter im Saal ließ ihn ungerührt. Alles, so Brooks, was die eigenen Soldaten nicht gefährde, werde man der Öffentlichkeit mitteilen und den „irakischen Lügen“ maximale Transparenz und Ehrlichkeit entgegensetzen. Vielleicht nur ein Lippenbekenntnis, doch die ernste, sachliche Art, mit der Brooks solche Dinge behauptet, wirkt bestechend. Der Zwei-Meter-Mann hatte am Ende seiner Schulzeit gute Chancen, als Basketballspieler Karriere zu machen; er entschied sich für die militärische Laufbahn. Schon sein Vater war Soldat, als Generalmajor einer der erfolgreichsten Afroamerikaner in den US-Streitkräften. Bis auf einen Stern hat Vincent Brooks nun zum Vater aufgeschlossen. Der Jesuitenschüler aus Kalifornien gilt als ehrgeizig und diszipliniert, ist bei seinen Kollegen dennoch sehr beliebt.

Schon in West Point, der elitären Militärakademie, wurde er 1979 zum Führer des 4 000 Mann starken Kadettenkorps gewählt, als erster Schwarzer in der 177 Jahre alten Akademie-Geschichte. Pentagon- Oberen fiel er als Kommunikationstalent auf. Als Tommy Franks im vorigen Jahr miterlebte, wie Brooks in einer erregten Diskussion mit Ruhe und Beharrlichkeit seine Argumente vortrug, forderte er ihn für die heikle Aufgabe in Katar an. Wenn Franks’ Schlachtplan Erfolg hat und die Medienarbeit weiterhin so reibungslos läuft, steht Brooks der Weg nach ganz oben offen.

Schon wird er mit Colin Powell verglichen, der als erster Schwarzer Generalstabschef wurde.