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Dienstag, 08.01.2013

Der Ungeliebte geht

Mitten im Überlebenskampf verlässt Chef Hartmut Mehdorn die kriselnde Air Berlin. Das neue schmerzhafte Sparprogramm soll jemand anderes leiten.

Von Theresa Münch und Philipp Heinz

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Wolfgang Prock-Schauer war bisher für Strategie und Planung verantwortlich. Foto: dapd
Wolfgang Prock-Schauer war bisher für Strategie und Planung verantwortlich. Foto: dapd
  • Wolfgang Prock-Schauer war bisher für Strategie und Planung verantwortlich. Foto: dapd
    Wolfgang Prock-Schauer war bisher für Strategie und Planung verantwortlich. Foto: dapd
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Für Air Berlin kommt es dicke. Der kampfbereite Sanierer Hartmut Mehdorn tritt ab und hinterlässt eine kriselnde Airline – nur wenige Stunden, nachdem der erneut verschobene Start am neuen Hauptstadtflughafen bekannt wurde. Air Berlin hatte auf das Drehkreuz gesetzt, jetzt ist die Zukunft ungewiss. Trotzdem habe Mehdorns Rückzug nichts mit der Hiobsbotschaft zu tun, versichert Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft. Der Überlebenskampf der Airline dürfte noch einmal härter geworden sein.

„Ich gehöre zu den kleinen Dicken, die was aushalten“, hatte Reizfigur Hartmut Mehdorn zum Antritt 2011 verkündet. Er rettete Air Berlin über das vergangene Jahr. Jetzt aber tritt der ausgewiesene Sanierer mit 70 Jahren plötzlich ab. Gibt er auf? Fest steht: Der sonst so kampfbereite Mehdorn übergibt das Unternehmen zu einem kritischen Zeitpunkt.

Air Berlin fliegt seit Jahren in der Verlustzone. Den letzten Nettogewinn gab es 2007. Im Jahr 2011, als das Minus auf den Rekordwert von 272 Millionen Euro kletterte, kam Mehdorn für eine Rettungsmission: Als Chef der Deutschen Bahn hatte er aus operativ 1,5 Milliarden Euro Verlust einen Gewinn von 2,5 Milliarden Euro gemacht. Jetzt sollte er die Fluggesellschaft gesundschrumpfen. Doch die Voraussetzungen sind denkbar schlecht: Europa gilt dem Luftfahrtverband IATA mit Wirtschaftsflaute, hohen Kerosinpreisen und der deutschen Flugsteuer als Problemzone Nummer eins. „Wir haben keine Wahl, wir müssen da jetzt durch“, lautete Mehdorns Maxime.

Der Neue ist stiller

Gerade konnte der Manager („Diplomat wollte ich nie werden“) erste Erfolge ernten. Sein großer Coup, der Einstieg der arabischen Fluggesellschaft Etihad als Großaktionär, brachte einen dicken Kredit. Durch den Wegfall unrentabler Strecken und die geschrumpfte Flotte verbesserte sich das operative Ergebnis in neun Monaten um 170 Millionen Euro. 2012 sollte es einen Gewinn geben. Doch das reicht nicht, um Air Berlin zu retten. Alles müsse auf den Prüfstand, das werde schmerzhaft werden, kündigte Mehdorn an – Personalabbau nicht ausgeschlossen.

Ausgerechnet in dieser Situation sagt der Chef: „Jetzt ist die richtige Zeit für den Führungswechsel.“ Das schmerzhafte Sparprogramm „Turbine“ will er nicht mehr leiten. Stattdessen soll der neue Mann auf dem Pilotensitz, Strategie-Vorstand Wolfgang Prock-Schauer, den Turnaround schaffen. Ein Rücktritt sei das nicht, heißt es bei Air Berlin. Mehdorn galt offiziell nur als Übergangslösung, sein Vertrag läuft 2013 aus. Trotzdem kommt der Schritt überraschend. Berühmt, aber auch berüchtigt wurde Mehdorn zwischen 1999 und 2009, als er dem letzten großen Staatsunternehmen der Bundesrepublik, der Deutschen Bahn, vorstand. Dorthin hatte ihn der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) geholt, mit dessen Zustimmung Mehdorn das Unternehmen als Global Player in die Gewinnzone führte. Treffen der beiden wurden gerne so beschrieben, dass Mehdorn mit einer Flasche Wein unterm Arm im Kanzleramt klingelte und sich bei Vier-Augen-Abendessen die Zustimmung zu Projekten holte. Dass bei dem schließlich gescheiterten Vorhaben des Börsengangs einige Grundsätze der Nachhaltigkeit hinten angestellt wurden, zeigte sich erst später. Mehdorns Hauptmerkmal, das ihn viele Sympathien besonders in der Politik gekostet hat, ist aber die Direktheit, mit der er Ziele benennt und durchzusetzen versucht. Mit der Datenschutz-Affäre, die ihn den Titel – er nannte es seinen neuen Vornamen – „Bahnchef“ kostete, kam der Vorwurf des Herrschens nach Gutsherrenart hinzu.

Mehdorns Nachfolger, der 56-jährige Prock-Schauer, ist erst seit Herbst bei Air Berlin – das Unternehmen bezeichnet ihn als „anerkannten Airline-Experten“. Als er kam, horchte die Branche auf – der Österreicher könnte zu Höherem berufen sein. Doch sein letzter Sanierungsversuch bei der Lufthansa-Beteiligung British Midland (bmi) scheiterte: Die Airline kam nicht aus den roten Zahlen und wurde verkauft. Sein Meisterstück hat Prock-Schauer jedoch schon längst bei der indischen Fluglinie Jet Airways abgeliefert. Er übernahm 2003 die kleine und nicht sonderlich effiziente Fluglinie mit Sitz in Mumbai. Er sanierte sie, brachte sie 2005 an die Börse und baute das Auslandsgeschäft aus. Dabei bewies der 56-Jährige, dass er auch in fremden Kulturen zurechtkommt. All diese Eigenschaften sollten ihm, dem Branchenkenner, bei seiner Herkulesaufgabe in Berlin zugutekommen.

Mit dem Wechsel an der Spitze werden die Probleme für Air Berlin nicht gerade kleiner. Etihad-Chef James Hogan sitzt seit 2012 im Aufsichtsrat der Airline. Prock-Schauer wird bei ihm wohl wenig zu sagen haben. Dazu die Pannen am Hauptstadtflughafen, wo Air Berlin sein Drehkreuz aufbauen wollte. Schon nach der dritten Verschiebung hatte die Airline „geschätzte Mehrkosten und sonstige Schäden in zweistelliger Millionenhöhe“ beklagt.

Von Hartmut Mehdorn war man in solchen Situationen auch mal ein Wortgewitter gewohnt. Der neue Mann an der Spitze trägt das Herz weniger auf der Zunge und erklärt nur trocken: „Air Berlin steht vor großen Herausforderungen.“ (dpa/dapd)

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Wolfgang Barthel

    Ob H. Mehdorn je das große Glück für Air Berlin war sei dahimgestellt. So wie bei der DB ist er auch bei diesem Luftverkehrsunternehmen nur als knallharter Sparer und weniger als fähiger Sanierer aufgefallen. Mehdorn kann eben sein Shareholder Value Denken nicht ablegen und nicht begreifen, dass mit rigorosen Personalabbau und Lohndumping ein Unternehmen langfristig nicht gesunden kann.

  2. Wendisch

    Er sollte es mal mit ehrlicher Arbeit versuchen. 100.000 € Gehalt pro Jahr ist noch zuviel. Diese Manager sind doch die Verursacher der Kostenexplosionen und damit der Wirtschafts- und Schuldenkrise

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