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Freitag, 03.11.2017

Der Typ für die dreckigen Tore

Eislöwen-Neuzugang Tim Miller gehört zu den harten Profis und gilt als Spieler, der sich auf keine Position festlegen lässt.

Von Maik Schwert

Der Mann sieht eigentlich ganz brav aus, wie er da so sitzt in der letzten Reihe auf der Zuschauertribüne in der Energieverbund-Arena. Auf dem Spielfeld ist Tim Miller anders: leidenschaftlich und offensiv.
Der Mann sieht eigentlich ganz brav aus, wie er da so sitzt in der letzten Reihe auf der Zuschauertribüne in der Energieverbund-Arena. Auf dem Spielfeld ist Tim Miller anders: leidenschaftlich und offensiv.

© Sven Ellger

Er versteht bloß Bruchstücke, wenn die Leute deutsch reden, und das Beste, was Tim Miller in dieser Sprache sagen kann, ist: „Schön, Sie kennenzulernen.“ Das brachte ihm seine Freundin bei, da deren Familie kein Englisch spricht. Er verliebte sich in die Studentin, als der gebürtige US-Amerikaner von 2014 bis 2016 bei den Fischtown Pinguins Bremerhaven in der Deutschen Eishockey-Liga 2 spielte. Sie lebt in Hannover und besucht ihn an diesem Wochenende in Dresden.

Der 30-Jährige empfängt mit den Eislöwen am Freitag die Kassel Huskies und gastiert am Sonntag beim SC Riessersee. Seit der Zeit bei den Pinguins, seinem ersten Klub außerhalb Nordamerikas, hat er den deutschen Pass. Das Auswanderermuseum in Bremerhaven half ihm bei der Suche nach Vorfahren. Die Großeltern kommen aus Deutschland, der Vater auch – beste Voraussetzungen für die Staatsbürgerschaft. Die Müllers stammen aus Rüsselsheim. Das weiß der Angreifer jetzt.

In der Zeit bei den Pinguins erfuhr er noch mehr: „Ich habe in Bremerhaven mal Barbecue auf dem Balkon gemacht. Da riefen Nachbarn die Polizei, weil es so qualmte. Seitdem verzichte ich aufs Grillen.“ Dafür kocht der Linksschütze umso lieber – einfache Sachen, Fleisch, Gemüse: „Eine schöne Küche ist daher das Wichtigste beim Einrichten des Appartements.“

Auch in Eishockey-Dingen lernte er in der Zeit bei den Pinguins einiges dazu. Bis dahin eilte ihm der Ruf voraus, gern mal die Fäuste fliegen zu lassen. „Ich bekam dazu schon viele Fragen und muss klarstellen: Meine Strafen beruhen nicht auf Fights. Ich erhielt sie für Checks gegen Kopf und Nacken.“ In Nordamerika wäre der 1,85-m-Mann für derartige Fouls nicht bestraft worden. In Bremerhaven erfuhr er im Gespräch beim Disziplinarausschuss, dass solche Checks in Deutschland verboten seien und Profis geschützt werden müssten. „Seitdem achte ich darauf. Ich bin kein Fighter.“ Miller ergreift mit Worten Partei für Mitspieler – Glück für ihn, dass Englisch die Eishockey-Sprache ist.

Hinter ihm liegt eine anstrengende Zeit seit seiner Ankunft am vergangenen Mittwoch. „Die ersten Tage waren mit verschiedenen Terminen vollgepackt.“ Er musste zu Ärzten, die ihn durchcheckten, und Behörden, die ihm Lizenzen erteilten. Da sei wenig Zeit zum Kennenlernen der Mannschaftsgefährten geblieben. „Das sind klasse Jungs, die es mir leicht machen.“ Das Team habe ihn prima aufgenommen.

Einige Vereinskollegen kennt der Stürmer schon aus der Vergangenheit. Mit Matt Siddall, der am Wochenende wie Harrison Reed und Petr Macholda ausfällt, spielte er in Nordamerika zusammen. Marius Garten und Tomas Schmidt standen 2014/2015 bei den Fischtown Pinguins Bremerhaven unter Vertrag und wechselten anschließend nach Dresden. Mit ihnen will Miller nun die Eislöwen zu Erfolgen führen – so wie am Sonntag beim 5:1-Heimsieg gegen die Löwen aus Frankfurt am Main mit einem Tor und einer Vorlage. „Ich bin eher der Typ für dreckige Treffer.“ Er spekuliert gern auf Abpraller und hält im zweiten Versuch noch mal den Schläger dran.

Miller weiß, dass er noch nicht bei 100 Prozent ist. „Ich muss erst zu meiner Spielform finden.“ Cheftrainer Franz Steer bestätigt das: „Fakt ist, dass er mehr Zeit braucht, um seine beste Leistung abrufen zu können.“ Er schätzt seine Variabilität in der Offensive und seine Leidenschaft auf dem Eis. Miller sei ein harter Spieler – einer, der dahin geht, wo es wehtut, und einer, der sich auf keine Position festlegen lässt. „Ich setze das um, was mir der Trainer vorgibt“, sagt Miller. Die Punktspielpause durch das Vier-Länder-Turnier vom 10. bis 12. November in Augsburg nutzt er, um weiter an seiner Form zu arbeiten und den Rückstand aufzuholen.

„Davor haben wir zwei schwere Spiele“, sagt Steer. Bei den Kassel Huskies sei Neuzugang James Wisniewski als Verteidiger mit Spielmacherqualitäten der Dreh- und Angelpunkt. Der SC Riessersee musste zuletzt Nachwuchstalente an München abgeben. Das Problem kennen die Dresdner derzeit nicht. Den Eislöwen fehlt in dieser Saison ein Kooperationspartner aus der DEL. Dafür haben sie erfahrene Profis wie Miller.

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