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„Der Stallduft wird fehlen“

Matthias Görbert wurde jetzt als dienstältester Landstallmeister Deutschlands in den Ruhestand verabschiedet. Es ist für ihn auch ein Abschied von Moritzburg.

07.10.2017
Von Sven Görner

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Matthias Görbert mit Quando Unico, dem Prämienhengst und Preisrekordler der hannoverschen Körung 2016. Dieser ist im gemeinsamen Besitz der Sächsischen Gestütsverwaltung und des privaten Gestüts Sprehe.

© Peter Tendler

Moritzburg. Umzugskartons stapelten sich schon vor der letzten Hengstparade auf dem Gang zum Büro von Matthias Görbert. „In 32 Jahren sammelt sich einiges an“, sagt der 65-Jährige. Auch ein paar Bilder, die in den vergangenen Jahren die Wände seines Zimmers in der ersten Etage des historischen Gebäudes an der Moritzburger Schlossallee schmückten, hatte der Gestütschef bereits durch andere ersetzt. Das war vor drei Wochen.

Inzwischen hat der dienstälteste Landstallmeister Deutschlands nicht nur sein Büro, sondern auch die Dienstwohnung auf der gleichen Etage geräumt. Denn mit seinem Abschied als Leiter der Sächsischen Gestütsverwaltung – der 31. Oktober ist offiziell sein letzter Arbeitstag – sagt Matthias Görbert auch Moritzburg adieu. „Unser neues Zuhause ist eine Wohnung in Dresden, am Rand der Heide“, verrät er. „Dort hat man immer genug Auslauf. Und ich kann Rad fahren. Das war auch in den letzten Jahren schon mein Ausgleich zur Arbeit.“

Und was ist mit Pferden? Kommt er nach über 40 Jahren – Matthias Görbert hatte 1973 als Gestütswärter im damaligen Moritzburger Hengstdepot angefangen – ohne diese schönen Tiere aus? „Ich muss kein eigenes Pferd haben. Es gibt viele andere Dinge, die die Welt bereithält“, sagt der scheidende Gestütschef. Nicht zuletzt die fünf Enkel. „Die brauchen auch ihre Zeit.“

Und ganz muss der erfahrene Pferdeexperte ja auch nicht auf die geliebten Vierbeiner verzichten. „Im November werde ich die Holsteiner-Körung kommentieren und für das nächste Jahr habe ich schon eine Anfrage als Wertungsrichter zur Landesschau in München.“

Etwas wird Matthias Görbert aber wohl dennoch vermissen, nachdem er so viele Jahre direkt über den Boxen der Pferde gewohnt hat: „Den morgendlichen Rundgang durch die Ställe und den Stallduft.“ Bei diesem Ritual, das früh um sechs begann, „habe ich vieles organisieren und mit den Mitarbeitern absprechen können“, ergänzt der promovierte Tierzüchter.

Rückblickend sagt Matthias Görbert: „Ich bin froh, dass ich solch eine gute Ausbildung genießen konnte. Und vor allem bin ich meiner Vorgängerin Frau Dr. Steiner dankbar, die mich motiviert und gefördert hat.“ Nachdem er während seines Fernstudiums in der Zuchtleitung in Dresden gearbeitet hatte, übernahm der gebürtige Altenburger 1985 die Leitung in Moritzburg.

Die Wende sieht Matthias Görbert als einen Glücksumstand. „Damit eröffneten sich plötzlich die Möglichkeiten, selbst gestalten zu können.“ Allerdings habe die Auflösung des damaligen Kombinats Tierzucht, zu dem auch das Moritzburger Hengstdepot gehörte, zunächst viel Verunsicherung mit sich gebracht. „Ich habe im Sommer 1990 meine Abberufungsurkunde bekommen. Dabei gab es weder einen Nachfolger, noch war klar, wie es überhaupt weitergeht“, erinnert sich Matthias Görbert. „Ich habe mich daraufhin freiwilliger einer geheimen Abstimmung der Mitarbeiter gestellt.“ Er wurde von rund 72 Prozent gewählt. „Das hat geholfen, damit es auch in der Treuhandzeit weiterlief.“

Dass der Moritzburger Wallach Safran im März 1990 beim Weltcupfinale der Springreiter auf sich aufmerksam machte, half nicht minder. „Wir konnten ihn für 300 000 D-Mark an einen internationalen Springstall verkaufen und davon drei Monate lang Lohn bezahlen.“ Mit der Übernahme durch den Freistaat im April 1992 kehrte dann Ruhe ein und es kam eine beispiellose Entwicklung in Gang.

„Ab 1993 bis jetzt wurde fast immer gebaut. Dabei ging es nicht nur um den Erhalt der historischen Anlagen, sondern immer auch um das Tierwohl“, sagt Matthias Görbert. „Zu sehen, wie Schritt für Schritt ein tolles Niveau geschaffen wurde, nachdem über viele Jahre an den Gebäuden nichts passieren konnte, hat uns immer wieder beflügelt.“

Die politische Wende machte es auch erforderlich, dass sich die Pferdezucht und der Pferdesport in Sachsen neu organisieren mussten. Matthias Görbert erinnert sich, dass sich die beiden neuen Landesverbände zunächst an unterschiedlichen Orten ansiedeln wollten. „Dabei bestand die historische Chance, alles in Moritzburg zu bündeln.“ Das gelang schließlich mit dem Haus des Pferdes, nur wenige Hundert Meter vom Gestüt entfernt.

Dort haben nun nicht nur die beiden Verbände, sondern auch der Verein zur Förderung von Pferdezucht und Pferdesport in Sachsen und der Verlag Sachsens Pferde ihr Zuhause gefunden. Und noch eine erfreuliche Episode brachte die Wende für die Pferdezucht mit sich: Dank einer Volksabstimmung kam der Landkreis Torgau wieder zurück nach Sachsen. Und damit auch das nach dem Wiener Kongress 1815 an Preußen verlorene ehemalige Sächsische Hofgestüt Graditz. „Damit kam das Landgestüt Moritzburg in die einmalige Lage, eine eigene reproduktive Herde zu haben, um selbst Junghengste aufziehen zu können“, sagt Matthias Görbert.

Wie etwa Freiherr von Stein, der in diesem Jahr als Dritter des Bundeschampionats der besten vierjährigen Reitpferdehengste über die Landesgrenzen hinaus auf sich aufmerksam machte. Für die hohe Qualität des Moritzburger Hengstbestandes sprechen aber auch der Titelgewinn des Schweren Warmbluts Valenzio bei der Weltmeisterschaft der jungen Fahrpferde im vergangenen Jahr oder der Erfolg von Kaltblut Urmel, der im Frühjahr als bester Hengst seiner Rasse prämiert wurde.

Ist es Matthias Görberts Vorgängerin zu verdanken, dass die Zucht des Schweren Warmbluts in Moritzburg erhalten blieb, so ist es sein Verdienst, diese Zucht gemeinsam mit dem Verband und den Züchtern zeitgemäß ausgebaut und den Einsatz dieser bedrohten Rasse im internationalen Fahrsport gefördert zu haben.

„Das Landgestüt Moritzburg ist ein lebendiges Kulturgut Sachsens und Vorreiter in der Pferdezucht“, sagt Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) in seiner Ansprache zur Verabschiedung. „Dr. Matthias Görbert hat es in über drei Jahrzehnten mit geprägt und in die Spitzenklasse der deutschen Zuchtgestüte geführt. Ich bin ihm für seinen leidenschaftlichen und engagierten Einsatz sehr dankbar.“

Mit seiner Nachfolgerin Dr. Kati Schöpke hat der scheidende Gestütchef bereits eng zusammengearbeitet. Dank ihrer zweieinhalbjährigen Assistenzzeit. „Das war sehr gut. Es hilft, neue Ideen zu entwickeln, wenn man mit jemandem darüber reden kann, der etwas davon versteht.“