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Donnerstag, 24.09.2015

Der Rastlose

2010 endete die Internationale Bauausstellung Fürst-Pückler-Land (IBA). Ihr Chef Rolf Kuhn hat weiter viele Ideen.

Von Tilo Berger

Von 2000 bis 2010 leitete Rolf Kuhn die Geschäfte der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land (IBA). Der Großräschener See hat sich inzwischen verändert, das Wasser reicht mittlerweile bis an die Seebrücke heran. Der Professor indes hat sich nicht verändert – er steckt voller Ideen und sieht auch aus wie eh und je.
Von 2000 bis 2010 leitete Rolf Kuhn die Geschäfte der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land (IBA). Der Großräschener See hat sich inzwischen verändert, das Wasser reicht mittlerweile bis an die Seebrücke heran. Der Professor indes hat sich nicht verändert – er steckt voller Ideen und sieht auch aus wie eh und je.

© dpa/Peter Jähnel

Früh am Nachmittag packt sich Rolf Kuhn ein paar Unterlagen ein, nimmt seine Aktentasche und verlässt sein Haus, die ehemalige Alte Apotheke von Großräschen. Ein Schmuckstück. Es gibt noch Bilder, die zeigen das Gebäude als Ruine. Die Fotos stammen von Ende der 1990er Jahre, als Rolf Kuhn in die Lausitz kam. Vorher war er Bauhaus-Chef in Dessau und hätte das wohl bis zur Rente bleiben können, aber mit Anfang 50 reizte ihn noch mal etwas gänzlich Neues.

Der Wind zerzaust ihm Haar und Bart. Das störte ihn noch nie. Der Mann mit dem markanten Profil hat es nicht weit, gut hundert Meter. Nach unten muss er nicht schauen, er kennt hier jeden Stein. Rolf Kuhns Blick ist geradeaus gerichtet, 300 Meter weiter, auf eine Wasserfläche, die jeden Tag ein klein wenig wächst. Der ehemalige Braunkohletagebau Meuro wird zum Großräschener See. Auf halbem Wege zwischen seinem Wohnhaus und dem See biegt der Professor ab und betritt einen dreigeschossigen Backsteinbau. Hier war zehn Jahre lang sein Arbeitsplatz. Sein Büro befand sich in der mittleren Etage, mit einem großen Fenster in Richtung des ehemaligen Tagebaus. Von hier aus leitete der gebürtige Thüringer von 2000 bis 2010 die Geschicke der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land (IBA). Auch von diesem Gebäude gibt es noch alte Fotos. Sie zeigen ein verfallendes Haus, das viele Jahrzehnten zuvor mal der Ilse Bergbau Aktiengesellschaft als Wohnheim diente. Vorgänger der IBA war also eine andere IBA.

Heute ist das Gebäude wieder ein Wohnheim, auch in Rolf Kuhns früherem Büro stehen jetzt Betten. Bis zu 30 Personen können übernachten im ehemaligen IBA-Bürohaus, das inzwischen Studierhaus heißt. Das günstigste Bett kostet zehn Euro. Die Preise sind so gemacht, dass sie sich auch Studenten leisten können, erklärt der Professor.

Und das tun sie auch reichlich. Studenten, Praktikanten und Wissenschaftler aus aller Welt studieren in Großräschen, was sich aus einem Bergbaurevier alles machen lässt. Sie sind mittendrin im Revier und können dabei den ganzen Fundus der Lausitzer IBA nutzen: etwa 120 Pläne, 15 Diplom- und Masterarbeiten, 360 Bücher, 800  Fotos, 150 Filme oder Fernsehberichte über die Internationale Bauausstellung und ihre einzelnen Projekte. Wie die IBA-Terrassen am Großräschener See, die schwimmenden Häuser auf dem Geierswalder See, das Besucherbergwerk F 60, die Biotürme Lauchhammer und vieles mehr.

Unterwegs in aller Welt

Im IBA-Studierhaus geben sich Wissenschaftler, Praktikanten und Studenten aus aller Welt die Klinke in die Hand. Rolf Kuhn blättert in den Gästelisten: Polen, Ungarn, Italien, Südafrika...

Mit etwas Glück treffen die Gäste bei ihren Studien auch den Professor an. An einem Tag wie diesem wäre das möglich, da sitzt er am großen Konferenztisch im Erdgeschoss, sichtet Unterlagen und trinkt einen Kaffee mit viel Milch. Oft aber fliegt er um die halbe Welt, um über die Umgestaltung geschundener Landschaften zu sprechen oder mitzudiskutieren. Erst unlängst war der Wahl-Lausitzer zu Vorträgen nach Mailand eingeladen, von da aus ging es fast ohne Pause zu einer internationalen Konferenz nach China. Kaum zurück, traf er sich in Großräschen mit dem Botschafter Kolumbiens in Deutschland. In dem südamerikanischen Land wird Steinkohle in großen Tagebauen gefördert; jetzt wollen die Kolumbianer wissen, was sich aus so einer Grube machen lässt.

Rolf Kuhn nippt an seinem Kaffee. „Das Studierhaus ist schon eine Erfolgsgeschichte“, sagt er. Doch Kuhn wäre nicht Kuhn, wenn jetzt kein Aber und keine Idee kämen. Ideen hat der Mann ohne Ende, sie reichen weit über seinen 70. Geburtstag hinaus, den er Ende nächsten Jahres feiert. „Aber wir müssen unsere Möglichkeiten noch besser vermarkten.“ Als langjähriger Geschäftsführer denkt er da auch ans Geld. Rund 200 000 Euro wird das Studierhaus am Ende dieses Jahres eingenommen haben. Das hört sich viel an und ist auch das Vierfache dessen, was im ersten Studierhaus-Jahr 2012 in die Kasse floss. Und trotzdem deckt es kaum die laufenden Kosten für das wenige Personal, für Strom, Wärme, Internet und alles andere. „Wir sind auf Spenden angewiesen“, sagt Kuhn. In diesem Jahr hilft die Energieregion Lausitz, eine gemeinsame Tochterfirma der südbrandenburgischen Landkreise und der Stadt Cottbus.

Und 2016? Bisher ging es immer weiter, von Jahr zu Jahr, sagt der Professor. Aber für eine kontinuierliche Arbeit wäre mehr Planungssicherheit gut. Die wäre zum Beispiel gegeben, wenn die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg und andere Hochschulen einen festen Betrag bereitstellten und dafür das Studierhaus wie ein Institut nutzen könnten. Hier, in der eher familiären Atmosphäre am Großräschener See, könnten in kreativen Köpfen doch viel mehr Ideen sprießen als in einem nüchternen Hörsaal. Die IBA-Erben haben für die Weiterbildung schon einige Lehr-Module vorbereitet – Lehr- und Informationsmaterial, das ein Vortragender nur noch in die Hand nehmen muss und loslegen kann. Ein Modul beschäftigt sich mit schwimmender Architektur, eines mit Siedlungen im Revier, eines mit dem Thema Wasser. Ein weiteres Weiterbildungs-Modul zum Thema Boden ist in Vorbereitung. „Das wollen wir international anbieten“, kündigt Kuhn an.

Schwimmende Jugendherberge

International soll es auch in einer schwimmenden Jugendherberge zugehen, die Kuhn auf dem Großräschener oder Sedlitzer See vorschwebt – auf jeden Fall in der Nähe des Kanals, der die beiden Gewässer miteinander verbindet. Die Idee dazu gab es schon während der IBA-Zeit, doch damals fehlte das Wasser. Von italienischen Studenten gibt es Entwürfe für Wohnsiedlungen an gefluteten Tagebauen, und junge Leute aus Osnabrück machten sich Gedanken über den Cottbuser Ostsee. So wird einmal der größte künstlich angelegte See im ganzen Land Brandenburg heißen. Im Moment beißen hier noch die Bagger des Tagebaus Cottbus-Nord zu, Ende dieses Jahres läuft die Kohleförderung aus.

Die Nachmittagssonne taucht den Großräschener Süden in spätsommerliche Wärme. Rolf Kuhn hat seinen Kaffee ausgetrunken, bringt die Milch zum Kühlschrank, packt seine Aktentasche und geht wieder hinaus, der Alten Apotheke entgegen. Dort wartet Ehefrau Tamara, die längst weiß, dass ihr Mann auch im Ruhestand nicht viel kürzer treten wird.