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Samstag, 20.05.2017

Der Physik-Baron

Manfred von Ardenne gilt als einer der letzten Universalgenies. Der Wissenschaftler starb vor 20 Jahren.

Von Lars Kühl

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Baron Manfred von Ardenne war zeitlebens ein Vollblutwissenschaftler. Seine Forschungsergebnisse erzielte er dabei in den unterschiedlichsten Gesellschaftssystemen.
Baron Manfred von Ardenne war zeitlebens ein Vollblutwissenschaftler. Seine Forschungsergebnisse erzielte er dabei in den unterschiedlichsten Gesellschaftssystemen.

© Giso Löwe

  • Baron Manfred von Ardenne war zeitlebens ein Vollblutwissenschaftler. Seine Forschungsergebnisse erzielte er dabei in den unterschiedlichsten Gesellschaftssystemen.
    Baron Manfred von Ardenne war zeitlebens ein Vollblutwissenschaftler. Seine Forschungsergebnisse erzielte er dabei in den unterschiedlichsten Gesellschaftssystemen.
  • Auf dem Weißen Hirsch ließ er eine öffentliche Sternwarte bauen.
    Auf dem Weißen Hirsch ließ er eine öffentliche Sternwarte bauen.

Schule passte nicht so richtig in seinen Karriereplan. Deshalb verließ der junge Manfred von Ardenne 1923 als 16-Jähriger sein Berliner Gymnasium ohne Abschluss. Viel lieber konzentrierte sich der am 20. Januar 1907 in Hamburg geborene Spross einer Baronfamilie auf die Weiterentwicklung von Radiotechnik. Die Naturwissenschaften hatten es ihm früh angetan – besonders die angewandte Physik ließ den Forscher zeitlebens nicht mehr los. Als von Ardenne am 26. Mai vor 20 Jahren starb, konnte er sage und schreibe rund 600 Erfindungen und Patente für sich verbuchen.

Unmittelbar vor seinem Tod überarbeitete er seine Autobiografie „Erinnerungen“. „Hochsommerwetter mit Fernsicht im Mai – das ist auch im milden Dresden eine Seltenheit. Ich sitze im Garten vor unserem Haus.“ Die meisten Einwohner kannten sein Wohnschloss mit Privatobservatorium am Loschwitzer Elbhang, wo er schon zu DDR-Zeiten ein herrschaftliches Leben führte, Privilegien genoss und sogar Hausangestellte beschäftigte. Für die Öffentlichkeit hatte der Hobbyastronom 1956 an der Plattleite die „Volkssternwarte“ bauen lassen. Vor allem viele Schüler beobachteten darin seither den Sternenhimmel. 2007, aus Anlass von Ardennes 100. Geburtstag wurde das Gebäude mit Kuppel und historischem Refraktor denkmalgerecht saniert. Heute finden dort wieder Vorführungen des Teleskops statt.

Verständnis für Canaletto

Das hätte sich der Baron sicher so gewünscht, als er 1997 seine „Erinnerungen“ fortschrieb, nicht ohne ein Urteil über „sein“ Dresden abzugeben. „Von hier, von meinem schönsten Grundstück auf dem Weißen Hirsch, blicke ich hinunter in das Elbtal und weiter auf die berühmte Silhouette der Stadt. Sie erscheint fast wie einst. An diesem warmen Sonnentag mit Föhn-Wetterlage sieht ohnehin alles wie verzaubert aus. In einem solchen Augenblick begreift man, dass Canaletto, als er 1746 mit 26 Jahren aus Venedig nach Dresden kam, von dem Ort ergriffen war“, formuliert der 90-Jährige altersweise. Er ist froh und überzeugt, dass seine Wahlheimat auf dem Weg zurück zur Barockstadt, zur Stadt der Künste, zur Gartenstadt ist – er wird recht behalten, auch wenn Elbflorenz heute noch viel mehr darstellt. Das wusste damals auch von Ardenne: „Dresden ist auch die Stadt, in der sich die wissenschaftlich-technische Revolution dokumentiert.“ Dazu hat er selbst entscheidend beigetragen.

Zunächst widmete sich der Physikgenius der Radio- und Fernsehtechnik. Sein Studium an der Universität Berlin, das er trotz fehlenden Abiturs beginnen durfte, brach von Ardenne nach vier Semestern wieder ab, um sich ganz seinen Forschungen zu widmen. Kaum volljährig, gründete er mit 21 Jahren das Forschungslaboratorium für Elektronenphysik in Lichtenberg. Dort gelang ihm 1930 die weltweit erste Fernsehübertragung mit einer Bildröhre.

Nachdem Physiker die Kernspaltung entdeckt hatten, war von Ardenne von den Möglichkeiten fasziniert. Er führte viele Experimente dazu dadurch. Rasch erkannte er eine mögliche, militärische Bedeutung. Was in Zeiten, als die Nationalsozialisten den Zweiten Weltkrieg angezettelt hatten, besonders heikel war. Allerdings geht man heute davon aus, dass die Initiative, eine deutsche Atombombe herzustellen, nicht von ihm ausging. Seine Forschungserfolge blieben aber in anderen Ländern nicht verborgen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten deutsche Arbeitskräfte helfen, die Sowjetunion wieder aufzubauen. Von Ardenne gehörte zu einer Gruppe Techniker und Wissenschaftler, die zwangsverpflichtet worden war, die Atombombe vor Ort mit zu entwickeln. Allerdings wurde ein von ihm erarbeitetes Verfahren bei der Produktion der ersten funktionierenden, sowjetischen Nuklearwaffe nicht eingesetzt. Später gelang es dem sozialistischen Staat trotzdem, mit seinen Forschungsergebnissen die USA im nuklearen Wettrüsten bei der Wasserstoffbombe zu überflügeln. Von Ardenne erhielt dafür den Stalinpreis.

1954 kehrte er in die DDR zurück. Das Universalgenie, bisweilen in einem Atemzug mit Albert Einstein oder Max Planck genannt, bekam den Auftrag, in Dresden auf dem Weißen Hirsch ein Forschungsinstitut aufzubauen, das fortan seinen Namen trug. Das Geld von der sowjetischen Auszeichnung half ihm dabei. Mit rund 500 Mitarbeiten entstand nach und nach die größte privatwirtschaftliche Forschungseinrichtung aller Ostblock-Staaten. Außerdem lehrte von Ardenne als Professor an der TU Dresden. Zu Beginn der 1960er-Jahre fing er an, medizinischen Fragen nachzugehen. So gewann er unter anderem neue Erkenntnisse in der Krebsforschung.

Mitten in den Wendetagen wurde Manfred von Ardenne am 26. September 1989 kurz vor dem Mauerfall zu Dresdens Ehrenbürger ernannt. Zwar hatte der Wissenschaftler die politischen Umwälzungen nach eigenem Bekunden „herbeigesehnt“, für seine privates Forschungsinstitut bedeutete die Kündigung fast aller Verträge mit staatlichen Volksbetrieben ein wirtschaftliches Fiasko. Nach der Aufteilung seines Unternehmens und der Anpassung an die neuen marktwirtschaftlichen Gegebenheiten endete im Mai 1997 ein Leben für die Wissenschaft – überschüttet von Auszeichnungen –, das in der Kaiserzeit seine kindlichen Anfänge nahm, sich in der Weimarer Republik als Jugendlicher etablierte, während der NS-Zeit fortsetzte, bei der Internierung in der Sowjetunion und später in der DDR manifestierte, bevor es in der Bundesrepublik ausklang.