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Dienstag, 05.10.2004 Autoindustrie

Der neue Bentley – aus Sachsen

Von Peter Weißenberg

Wer gegenwärtig eine Stelle beim britischen Luxusauto-Hersteller Bentley sucht, der kann in dessen englischen Richtlinien für Bewerber den Satz finden: „Gutes Deutsch ist ein Vorteil“. Inzwischen könnte der genaue Beobachter hinzufügen: „Sächsische Lautfärbung kein Hindernis“.

Denn die britische Tochter des VW-Konzerns wird gerade wieder im Verborgenen ein Stückchen sächsischer. In Zwickau wird derzeit nach SZ-Informationen bereits die Produktion von fertig lackierten Karosserien für eine viertürige Limousine vorbereitet – und geliefert werden soll ein Teil der Jahresproduktion ab Anfang 2005 nach Dresden. Dort nämlich wird, wie die SZ in den vergangenen Tagen berichtete, das Modell wie auch der VW Phaeton in der Gläsernen Fabrik zusammengebaut werden.

Sowohl VW-Konzernchef Bernd Pischetsrieder als auch sein Statthalter bei der Tochtermarke Bentley, Franz-Josef Paeffgen, haben bestätigt, dass über eine Produktion des neuesten Produktes der Edelmarke in der Dresdner Fabrik „nachgedacht“ wird – diese Information scheint indes deutlich untertrieben. Denn an Dresden geht kein Weg vorbei. Schon länger überlegen die VW-Konzernstrategen, wie die schwach ausgelastete Fabrik besser beschäftigt werden könnte. Dabei stand lange auch der Geländewagen Touareg zur Debatte, dessen Top-Version – mit dem Zwölfzylinder-Motor aus dem Phaeton – gerade in Paris vorgestellt wurde. Doch der Bentley bietet mehr Produktionsvorteile.

Das rund 140 000 Euro teure Produkt, für das sich VW in mehreren Ländern bereits den Namen „Flying Spur“ (Fliegender Sporn) hat sichern lassen, ist nämlich unter dem sächsischen Blech weitgehend baugleich mit dem Phaeton. Daher stammen auch viele Zulieferteile aus den gleichen Werken, können also gemeinsam zugestellt werden.

Die rund 800 Beschäftigten der Fabrik in Dresden werden zudem kaum Schwierigkeiten mit dem Einbau von Motor, Getriebe oder Fahrwerk haben, weil sie die wesentlichen Handgriffe bereits seit Jahren am VW-Bruder einüben konnten. Seit Monaten wird der neue Bentley mit dem Phaeton-Blechkleid getarnt sogar auf öffentlichen Straßen getestet. Das fertige Auto wird allerdings eher dem Zweitürer Continental GT ähneln, dessen Karosserie ebenfalls aus Zwickau kommt. Die in den vergangenen Tagen in anderen Medien gezeigten Bilder entsprechen nicht der tatsächlichen Gestalt. Sie ist links zu sehen.

Gegenwärtig werden im Dresdner Werk nur rund 25 Fahrzeuge pro Tag montiert – möglich wären 150 Autos. Auf diesem Stand wären die Jobs der Mitarbeiter mittelfristig gefährdet. Das Bentley-Stammwerk in Crewe ist dagegen fast ausgelastet.

Der britische Markt übrigens wird auch weiter nur aus dortiger Produktion beliefert. Komplette Bentleys „Made in Saxony“ – die will Marken-Lenker Paeffgen den Lords und Ladys lieber nicht zumuten.