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Mittwoch, 12.07.2017

Der nach dem Wolf schaut

Die Königsbrücker Heide war einmal ein Truppenübungsplatz. Jetzt zeigt Steffen Pietsch Besuchern die inzwischen entstandene Wildnis.

Von Nicole Preuß

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Steffen Pietsch hat einen Lieblingsort am Rand der Königsbrücker Heide. Der Rastplatz in der Nähe des alten Kriegsgefangenenfriedhofs Schmorkau erzählt schon durch seine Ausstattung von der wechselvollen Geschichte der Heide. Der Behälter im Vordergrund war zu Kaiserszeiten eine Pferdetränke, wurde von den Sowjets zum Betonmischen genutzt und nun wieder zur Deko aufgestellt. Foto: Matthias Schumann
Steffen Pietsch hat einen Lieblingsort am Rand der Königsbrücker Heide. Der Rastplatz in der Nähe des alten Kriegsgefangenenfriedhofs Schmorkau erzählt schon durch seine Ausstattung von der wechselvollen Geschichte der Heide. Der Behälter im Vordergrund war zu Kaiserszeiten eine Pferdetränke, wurde von den Sowjets zum Betonmischen genutzt und nun wieder zur Deko aufgestellt. Foto: Matthias Schumann
  • Steffen Pietsch hat einen Lieblingsort am Rand der Königsbrücker Heide. Der Rastplatz in der Nähe des alten Kriegsgefangenenfriedhofs Schmorkau erzählt schon durch seine Ausstattung von der wechselvollen Geschichte der Heide. Der Behälter im Vordergrund war zu Kaiserszeiten eine Pferdetränke, wurde von den Sowjets zum Betonmischen genutzt und nun wieder zur Deko aufgestellt. Foto: Matthias Schumann
    Steffen Pietsch hat einen Lieblingsort am Rand der Königsbrücker Heide. Der Rastplatz in der Nähe des alten Kriegsgefangenenfriedhofs Schmorkau erzählt schon durch seine Ausstattung von der wechselvollen Geschichte der Heide. Der Behälter im Vordergrund war zu Kaiserszeiten eine Pferdetränke, wurde von den Sowjets zum Betonmischen genutzt und nun wieder zur Deko aufgestellt. Foto: Matthias Schumann
  • TöpfereiKönigsbrück war einst ein bedeutendes Töpferzentrum. Heute gibt es nur noch einen Vertreter der Zunft in der Stadt. Jens Frommhold führt die 165 Jahre alte Töpferei an der Weißbacher Straße bereits in fünfter Generation. Foto: René Plaul

    Töpferei

    Königsbrück war einst ein bedeutendes Töpferzentrum. Heute gibt es nur noch einen Vertreter der Zunft in der Stadt. Jens Frommhold führt die 165 Jahre alte Töpferei an der Weißbacher Straße bereits in fünfter Generation. Foto: René Plaul
  • FreibadDas Freibad wurde vom Sturm Paul kaum in Mitleidenschaft gezogen, doch der Parkplatz schon. Fünf Tage lang musste das Bad geschlossen bleiben. Nun hat es wieder geöffnet. Kinder lieben die 40 Meter lange Wasserrutsche.Fotos: Matthias Schumann

    Freibad

    Das Freibad wurde vom Sturm Paul kaum in Mitleidenschaft gezogen, doch der Parkplatz schon. Fünf Tage lang musste das Bad geschlossen bleiben. Nun hat es wieder geöffnet. Kinder lieben die 40 Meter lange Wasserrutsche.Fotos: Matthias Schumann
  • ModellbauDas Alte Leipziger Rathaus steht in Königsbrück zumindest in Miniatur. Die Mitarbeiter des Architekturmodellbaus haben markante Bauwerke entlang der Via Regia im Maßstab 1:25 nachgebaut. Geöffnet Dienstag bis Freitag, 10 bis 16 Uhr.

    Modellbau

    Das Alte Leipziger Rathaus steht in Königsbrück zumindest in Miniatur. Die Mitarbeiter des Architekturmodellbaus haben markante Bauwerke entlang der Via Regia im Maßstab 1:25 nachgebaut. Geöffnet Dienstag bis Freitag, 10 bis 16 Uhr.

Eine Frage hat Steffen Pietsch schon oft gehört. Der Mitarbeiter der Naturschutz- gebietsverwaltung Königsbrücker Heide führt Besucher durch eines der größten Naturschutzgebiete Sachsens. Ein Wolfspaar hat sich vor sechs Jahren auf dem 7 000 Hektar großen Gelände angesiedelt und jedes Jahr Welpen aufgezogen. Und ja, Steffen Pietsch hat die Wölfe in dem Gebiet auch schon gesehen. „Doch selbst für uns, die wir hier arbeiten, ist das eher ein seltener Anblick“, sagt der Forstwirt. „Die Tiere sind scheu und zurückhaltend.“ Mehr Glück hat der 56-Jährige mit Wildschweinen, die sich gern am Rand der Busstrecke suhlen. Immer mal wieder kann er mit den Besuchern Kraniche beobachten. Manchmal sieht er in den Brunftzeit-Wanderungen auch Rotwild. Diese Begegnungen sind trotzdem nicht unbedingt häufig. „Ein Zoo ist das hier nicht. Wer Tiere sehen will, muss ins Wildgehege nach Moritzburg fahren“, sagt er.

Die Königsbrücker Heide soll mit anderen Gegebenheiten punkten. Das Sturmtief „Paul“ hat zwar vor einigen Wochen im Naturschutzgebiet viele Bäume umgeknickt und teilweise entwurzelt. Doch nur die Wege, die die Besucher nutzen dürfen, werden in dem Naturschutzgebiet beräumt. Die letzten Arbeiten sollen in dieser Woche abgeschlossen werden. Schaden kann der Sturm in der Heide nicht anrichten. Die Naturschützer sagen sogar, er habe das Gebiet mit einem Schlag noch wilder gemacht. Steffen Pietsch arbeitet seit zehn Jahren in der Naturschutzgebietswacht. Er ist so etwas wie ein Ranger, obwohl er die Bezeichnung nicht mag. „Die Ranger in den USA haben mehr Befugnisse als wir“, sagt er. Sie dürfen zum Beispiel auch schon mal einen Pilzsucher abstrafen, der sich unerlaubt im Naturschutzgebiet aufhält. Steffen Pietsch und seine Kollegen reichen die Daten in solchen Fällen an das Landratsamt weiter.

Sie übernehmen die Führungen durch das Naturschutzgebiet im Frühling und Sommer und kümmern sich um Pflegearbeiten im Rest des Jahres. Generell greifen die Fachleute aber nur in ausgewählte Pflegezonen in geringem Maß ein, um besonders seltene Lebensräume wie Moore, Heiden und Feuchtwiesen zu erhalten. Die Natur der Königsbrücker Heide soll sich nämlich auf drei Vierteln der Fläche weitgehend unbehelligt entwickeln. Die Sandwüsten, die die Panzer des Truppenübungsplatzes einst hinterließen, wurden zu Wiesen mit anspruchslosen Gräsern, Heideflächen und schließlich zu Wäldern. Der Prozess wird von Wissenschaftlern begleitet. Sie wollen erforschen, wie sich Wildnis entwickelt und haben in der Königsbrücker Heide eine der seltenen Gelegenheiten dazu. Steffen Pietsch und seine Kollegen helfen, die Wildnis trotzdem in den Randgebieten erlebbar zu machen, indem sie zum Beispiel kleinere Bäume und Büsche abholzen, damit das violett blühende Heidekraut erhalten bleibt. Dazu kommen Kontrollen und Wartungsarbeiten.

Der Haselbergturm muss zum Beispiel wöchentlich inspiziert werden. Steffen Pietsch steigt die 156 Stufen zum höchsten zugänglichen Punkt der Königsbrücker Heide hinauf. Er kann von dort die Heide überblicken und bis zum Dresdner Fernsehturm sehen. Der Forstwirt mit dem beigefarbenen Käppi ist schon sein ganzes Leben lang Forstfachmann und hat vorher in einem privaten Unternehmen gearbeitet. „Ich finde die Weite des Gebietes beeindruckend. Es gibt keine Straßen, die die Fläche zerschneiden und die Artenvielfalt ist entsprechend groß“, sagt er.

Die Militärs haben zur Größe einiges beigetragen. Der Kaiser kaufte das karge Land nördlich von Königsbrück schon vor 1907 und ließ Kasernen, ein prachtvolles Offizierskasino, Wachgebäude und vor allem Zäune bauen.

Die Nationalsozialisten übernahmen später den Truppenübungsplatz, die Sowjets nutzten ihn weiter und stationierten dort unter anderem Atomraketen. Einer der Atomsprengkopfbunker ist an dem Besucherpfad zum Haselbergturm noch zu sehen und wird heute als Abstellmöglichkeit von den Naturschützern genutzt. Die Raketen brachten die Sowjets wieder nach Russland. Es blieben Munition, andere Kampfmittel und zum Beispiel die Bunker auf dem Gelände. Steffen Pietsch und seine Kollegen müssen immer noch den Kampfmittelbeseitigungsdienst rufen, bevor sie abseits der Wege arbeiten dürfen. Zu groß ist die Gefahr, dass noch Granaten im Boden liegen. Und die Experten finden jedes Jahr genug.

Die Besucher können eine Bustour buchen, aber die Wildnis in den Randgebieten auch allein auf ausgewiesenen Wegen erkunden. Der Haselbergturm gehört zum Beispiel zum Turmpfad. Es gibt aber auch den Heidepfad mit dem Zochauer Heideturm, den Biberpfad mit dem See der Freundschaft, den Pfad am alten Dorf, der an bäuerliche Lebensweise erinnert, und natürlich den 54 Kilometer langen Radrundweg um das Naturschutzgebiet. Familien erfahren zudem einiges in der multimedialen Ausstellung im Besucherzentrum in Königsbrück. Kinder lassen dann gern auf Knopfdruck Wölfe heulen oder den Hirsch röhren. Videosequenzen zeigen einiges über die Tiere und auch die Pflanzen im Naturschutzgebiet.

Einer der Lieblingsplätze des Ohorners Steffen Pietsch ist und bleibt aber der Rastplatz in der Nähe des Kriegsgefangenenfriedhofs in Schmorkau. Die Mitarbeiter haben eine alte Pferdetränke aus den Anfangszeiten des Truppenübungsplatzes, die von den Russen zum Betonanrühren verwendet wurde, dort wieder aufgestellt. Eine Wasserpumpe und eine Wanderhütte vervollständigen das Bild. Ein Paar mit zwei Kindern fährt auf Fahrrädern vorbei. Der Bus der Naturschutzgebietsverwaltung schlängelt sich am Forstfahrzeug vorüber. Der Verkehrslärm der nahen B 97 ist zu hören. Es kommt einiges zusammen – in der Königsbrücker Heide.