Freitag, 16.11.2012
Der Mann, der die Welt rettete
Raketenalarm in der Sowjetunion. Es droht der Dritte Weltkrieg. Bis Stanislaw Petrow merkt, dass es ein Fehlalarm ist. Jetzt wird der 73-Jährige mit dem Dresden-Preis geehrt.
Stanislaw Petrow hat in seiner Moskauer Wohnung noch einmal seine Uniform angezogen. Als Ingenieur im Dienst der Sowjetarmee rettete er in der Nacht zum 26. September 1983 den Frieden. Auch wenn er kein Held sein will, am 17. Februar 2013 wird er in der Semperoper mit dem Dresdner Friedenspreis geehrt. Foto: Mauritius
Es gibt sie noch, die UdSSR. 30 Kilometer nördlich von Moskau hat sie überlebt, wenn auch nur auf einem Straßenschild. Die Straße des 60. Jahrestages der UdSSR am Rand von Frjasino ist ein mehrere Hundert Meter langer Plattenbaukoloss, der sich anschickt, es dem einstigen Riesenland nachzutun. Er ist dabei, zu zerfallen.
Als Stanislaw Petrow hier einzog, waren die Häuser neu, die Sowjetunion hatte noch ein paar Jahre, und der gerade pensionierte Offizier erwartete von der Zukunft nicht mehr viele Überraschungen. Er irrte. 20 Jahre später stecken in seinem Briefkasten Zeitungen des einstigen Klassenfeinds mit dem Wort „Held“ in der Titelzeile und seinem Foto darunter.
Hinter Petrows Platz auf der kunstledernen Sitzbank hängt eine große blaue detailreiche Sternenkarte, der einzige Schmuck in der kargen Küche. Aber die Karte ist mehr als Dekoration. Denn das Weltall – oder wie er sagt:der Kosmos – ist Teil seiner Geschichte. „Wir glaubten, wir wissen alles über den Kosmos. Aber das werden wir nie“, sagt Petrow und beginnt zu erzählen von dem Tag vor 29 Jahren, als sein Glaube in die Berechenbarkeit des Weltalls erschüttert wurde. Eine Laune der Sterne hätte an jenem Tag das Ende der Welt bedeuten können, und er, diensthabender Kommandeur einer streng geheimen Raketenüberwachungsstation nahe Moskau, hatte eine Entscheidung zu treffen.
Am Abend des 25. September 1983 tritt der damals 44-jährige Ingenieur im Range eines Oberstleutnants der Sowjetarmee wie gewohnt seine zwölfstündige Schicht an – mitten in einem dichten Wald, 80 Kilometer von Moskau entfernt. Die nächsten Wohnhäuser sind so weit entfernt, dass auch die zweimal täglich vor dem großen Betongebäude auf der Lichtung intonierte Nationalhymne niemanden neugierig machen kann. Jede Schicht beginnt mit einem Fahnenappell. So auch an diesem Tag.
Mitten im Forst gibt es einen Parabolspiegel mit einem Durchmesser von 25 Metern und vier baumhohen Antennen. „Die Sputniks waren 36000 bis 40000 Meter entfernt“, sagt Ingenieur Petrow. Die Sputniks, das waren sowjetische Spionagesatelliten, die amerikanische Raketenstützpunkte beobachteten.
Wenn er lacht, sieht der weißhaarige Mann mit dem fast weißen Schnurrbart jünger aus als 73, wenn er ernst wird, wirkt er deutlich älter. Auf die Frage, ob man denn genaue Informationen über diese US-Stützpunkte hatte, lacht er. „Natürlich wussten wir alles.“ Sechs Basen seien es gewesen mit insgesamt 1000 Raketen. Und es sieht aus, als rechne er im Kopf nach, um ja keine zu vergessen.
Die 140 Mitarbeiter dieser geheimen Einheit der Sowjetarmee machen 24 Stunden lang nichts anderes, als in abgedunkelten Räumen auf Bildschirme zu schauen und zu hoffen, dass sich nichts bewegt, was sich nicht bewegen sollte, eine Rakete zum Beispiel. Wie es auf der anderen Seite des Atlantiks amerikanische Armeeangehörige in einer ähnlichen Überwachungseinrichtung auch tun. Dass Petrow in dieser Nacht das Kommando hat, ist Zufall. Ein glücklicher Zufall. Denn der Offizier ist in erster Linie Ingenieur, Systemanalytiker, Techniker. Heute räumt er ein: „Ja, wahrscheinlich hätte ein Militär an meiner Stelle anders entschieden. Militärs wollen kämpfen. Das ist ihr Job.“ Als sich Stanislaw Petrow kurz vor Mitternacht mit seinem Assistenten zum Tee setzt, glaubt er noch, dass er in dieser Schicht das Gleiche tun würde wie in den Hunderten zuvor – darauf warten, dass nichts passiert. „Ich werde nie vergessen, wie spät es war. Die Uhr zeigte 0:15 Uhr“. Plötzlich leuchtet in der Kommandozentrale an der Wand in großen roten blinkenden Buchstaben das Wort „Start“ auf. Dazu Sirenen, laut und anhaltend. „Der Alarm war so laut, er hätte Tote wecken können“, sagt Petrow.
Es ist passiert.
„Start“ bedeutet, dass eine amerikanische Rakete gezündet wurde. 15 Sekunden braucht der Satellit, um nach einem Abschuss die Meldung an die Überwachungsstelle Moskau zu senden. Und er hat es getan. Ein paar Sekunden ist Petrow wie gelähmt. Dann gibt er Order, sofort das gesamte System zu überprüfen, ob es irgendwo eine Unregelmäßigkeit gibt.
Aber nichts. Es wird kein technischer Fehler gefunden. Alles läuft normal, außer dass soeben ein Atomkrieg begonnen zu haben scheint. Und die Wahrscheinlichkeitsanzeige, ob der Angriff echt ist, steht auf höchst. „Sie verstehen: höchst. Höher geht nicht“, sagt Petrow. „Ich war mir nicht sicher. Einerseits funktionierte das System reibungslos. Deshalb musste die ballistische Meldung stimmen. Andererseits fehlte die visuelle Bestätigung.“
Auf einem riesigen Display werden ständig die von den Satelliten übermittelten Daten aktualisiert. Petrow kann das gesamte Territorium der USA sehen. In der Mitte verläuft diffus die Tag-Nacht-Grenze, die sie die Terminator-Linie nennen. Sie wird in dieser Nacht eine wichtige Rolle spielen. Die Tag-Nacht-Grenze liegt zu diesem Zeitpunkt genau über jenem Stützpunkt, von dem der Raketenabschuss gemeldet wurde. Hell und Dunkel changieren in ein diffuses Grau. Was bleibt, ist Nebel. „Ernstfall oder Fehlalarm, es stand 50 zu 50“, sagt Petrow.
Zwei Minuten sind vergangen, seit der Alarm ausgelöst worden ist. Der diensthabende Kommandeur muss den Generalstab informieren. Aber bevor er das tut, trifft er eine Entscheidung, von der er auch in den nächsten, noch dramatischeren Minuten nicht mehr abweichen wird. „Ich wollte nicht schuld sein am 3. Weltkrieg“, sagt Stanislaw Petrow heute rückblickend.
Er nimmt also den Hörer ab, wählt die Geheimnummer und sagt: „Hiermit melde ich einen Fehlalarm.“ Der General am anderen Ende antwortet: „Verstanden. Machen Sie weiter!“
Noch bleiben etwa 20 Minuten, bis eine reale Rakete irgendwo in Moskau einschlagen würde. Zu wenig Zeit, um die Bevölkerung zu warnen. Und ein Abwehrsystem, das ankommende Flugkörper hätte zerstören können, ist erst in der Erprobung. Das Einzige, was noch hätte getan werden können, war der Gegenschlag. Etwa fünf Minuten brauchte es, um noch vor der eigenen Zerstörung die Antwort auf den Weg zu schicken.
Plötzlich, zweieinhalb Minuten nach dem ersten Alarm, blinkt wieder die rote Schrift auf: Start. Eine zweite Rakete.
„Meine Knie haben so gezittert, dass ich nicht mehr von meinem Stuhl aufstehen konnte.“ Nach der erneuten Systemprüfung, die das gleiche Ergebnis bringt, alles normal, ruft er wieder den Generalstab an.
Die gleichen Worte: „Hiermit melde ich einen Fehlalarm.“
Die gleiche Antwort: „Verstanden. Machen Sie weiter.“
Es steht immer noch 50 zu 50. Und immer noch schrillen die Sirenen durch den Überwachungsraum. Dann kommen die Raketen im 40-Sekunden-Takt, drei innerhalb von zwei Minuten. Nun leuchtet in großer blinkender Schrift das Wort „Raketenangriff“. Doch Petrow bleibt dabei: Fehlalarm. Der nächste Anruf, der gleiche Text. Alle starren auf die Bildschirme mit dem Radar. Würde dort doch eine Rakete auftauchen, oder gar fünf oder noch mehr? Als nichts kommt, steht er auf und bedankt sich bei den Kollegen. Es ist vorbei. Das, was den Anfang des 3. Weltkriegs hätte bedeuten können, hat nicht länger gedauert als eine halbe Stunde.
29 Jahre später in seiner Moskauer Wohnung versucht Stanislaw Petrow seine Rolle in jener Nacht zu erklären. Er spricht von Hähnen. „Ich habe damals gedacht, es ist wie mit den Hähnen. Wenn einer anfängt zu krähen, fallen die anderen ein, auch wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ich war in einem furchtbaren Zustand.“
Es kann kein Zufall sein, dass dies ausgerechnet im Jahr 1983 geschieht, dem Jahr der größten Angst, dass die Waffen, die geschaffen wurden, nicht mehr beherrschbar sein könnten. Und wegen dieser Angst, die auch die Künstler umtreibt, kommt es in dieser Nacht zu einer bizarren Gleichzeitigkeit. Denn Kinozuschauer in New York oder Berlin sehen auf der Leinwand zur gleichen Zeit nahezu das Gleiche, das in der Nähe von Moskau gerade in Wirklichkeit geschieht. Den schrillen Alarm, die rasenden Tabellen auf dem Display, die roten Leuchtschriftwarnungen, die Panik der durcheinanderlaufenden Mitarbeiter, die Rettung in letzter Sekunde. Es läuft der Spielfilm „Wargames“, in dem es auch um einen Fehlalarm in einer Raketenüberwachungszentrale geht – allerdings einer amerikanischen. Als der Film aus ist, haben die Kinobesucher keine Ahnung, dass in diesen Minuten nicht nur die Filmhelden, sondern auch sie gerade noch einmal davongekommen sind.
Um vier Uhr morgens am 26. September 1983 trifft der Stellvertreter des Generalstabschefs in der sowjetischen Überwachungszentrale ein. Es wird eine Kommission gebildet, die Untersuchung dauert zwei Tage. Petrow wird gerügt, weil er in jener halben Stunde das Protokoll nicht gründlich geführt habe. Die Ursache des Fehlalarms wird erst später gefunden. Eine kosmische Irritation, eine seltene Konstellation von Satellit, Sonne und Erde, ein Lichtblitz, den der Sputnik missverstanden hat.
1984 verlässt Stanislaw Petrow die Sowjetarmee. Lange denkt er nicht mehr an jene Nacht. Bis 1993 jener General, der ihn damals wegen des Protokolls getadelt hatte, ein Interview gibt. Er erzählt von der streng geheimen Überwachungsstation im Wald und auch von dem Vorfall, von dem bis dahin nur wenige Beteiligte wussten. In Russland nimmt man auch danach wenig Notiz von dem Mann, der von nun an im Westen als Held gilt. Ausländische Zeitungen berichten, und plötzlich kommt in der Straße des 60. Jahrestages der UdSSR in Frjasino bergeweise Post an aus allen Teilen der Welt. Alle mit ähnlichem Text: „Danke, dass Sie die Welt gerettet haben.“
Seither wiederholt auch Stanislaw Petrow immer wieder die beiden zwei Sätze, die er in jedem Interview sagt, damit sie ja nicht vergessen werden: „Ich bin kein Held. Ich habe nur meine Arbeit getan.“