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Montag, 23.10.2017

Der Karpatenbär bangt um seinen Kragen

Rumänien hebt das Jagdverbot für Braunbären wieder auf. Die Ausholzung der Wälder lässt Mensch und Wildtier sich immer häufiger ins Gehege kommen.

Von Thomas Roser

Ein Braunbär in den Karpaten: Angeblich ist er in Rumänien zu einer Bedrohung für den Menschen geworden.
Ein Braunbär in den Karpaten: Angeblich ist er in Rumänien zu einer Bedrohung für den Menschen geworden.

© evolve/photoshot

Im Heimatland des Bären ziert der populäre „urs“ Bierflaschen und Stadtwappen. Doch nun soll es Rumäniens Symboltier nach einem knappen Jahr des Jagdverbots wieder an den Kragen gehen. Egal, wie viele Protestdemonstrationen organisiert würden, sie werde 140 Bären zum Abschuss freigeben, verkündete Umweltministerin Gratiela Gavrilescu Ende August entschlossen. „Der Bär attackiert Häuser und Menschen: Er ist zu einer echten Bedrohung für die Bevölkerung geworden.“

Eigentlich gilt der Karpatenstaat als das Bäreneldorado des Kontinents. 3 000 bis 7 000 der Sohlengänger sollen nach Schätzungen von Umwelt- und Jagdverbänden noch immer die Wälder der Karpatenschluchten durchstreifen. Außerhalb Russlands leben nirgendwo in Europa so viele Bären wie in Rumänien.

Bis zu 20 000 Euro blättern ausländische Jagdtouristen für einen selbst erlegten Bär auf den Tisch. Ohne Flinte nehmen friedliebende Bärenhäscher Meister Petz vom Hochsitz aus wesentlich günstiger ins Feldstecher-Visier: Das Ausspähen der Bären an mit Schokomüsli präparierten Baumstümpfen ist zu einer der populärsten Touristenattraktionen Transsylvaniens geworden.

Doch eine zu große Nähe zum Bär lässt die Sympathie für ihn merklich schrumpfen. Klagen über vom Bär gerissene Schafe und ausgeplünderte Bienenstöcke sind zwar nichts Neues. Doch nicht nur Mensch und Wildtier, sondern auch Tierschützer, Schäfer und Jäger kommen sich immer häufiger ins Gehege. Die Politik bleibt von deren Lobby-Anstrengungen nicht unberührt. Mal wird von Bukarest ein Jagdverbot verkündigt, dann wieder ein verstärkter Abschuss angekündigt.

Schäfer, Waldanrainer und Jäger machen eine zu große Population für vermehrte Bär-Attacken verantwortlich. Umweltschützer wiederum sehen im verstärkten Ausholzen der Karpatenwälder den Grund, dass sich Bär und Menschen immer näher auf den Pelz rücken: Schon seit Jahren werden in den Außenbezirken von Brasov (Kronstadt) immer wieder Bären gesichtet, die nach Einbruch der Dunkelheit Mülleimer und Container plündern.

Allein in der Karpatenprovinz Harghita ist die Zahl registrierter Bärenattacken im ersten Halbjahr 2017 von 40 auf 73 gestiegen, sieben Menschen mussten sogar ärztlich behandelt werden. Umweltaktivisten machen dafür jedoch auch den gestiegenen Schafbestand verantwortlich: Unerfahrene Schäfer würden mit ihren Herden immer häufiger auf Waldwiesen ziehen; zudem seien Hirtenhunde für die Begegnung mit dem Bär kaum mehr geschult. Gleichzeitig zweifeln sie die hohen Bestandszahlen der Jagdverbände und des Ministeriums an: Bei deren wenig wissenschaftlicher Zählweise würden die wandernden Tiere oft mehrmals gezählt.

Doch das Anlegen unterirdischer und damit bärensicherer Müllcontainer kostet Geld. Und auch die von Tierschützern propagierte Umsiedlung sogenannter „Problembären“ gilt als merklich aufwendiger als deren einträglicher Abschuss. Derzeit hat der Karpaten-Urs in Bukarest eine schlechte Konjunktur. Ihm steht wohl ein unruhiger Jagdherbst bevor.

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