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Montag, 21.08.2006

„Der Junge kann doch nichts dafür“

Aids. Vor fünf Jahren hat die Pflegemutter Sabine Müller einen infizierten Jungen aufgenommen.

Von Christina Wittich

Lautes Geschrei tönt aus dem Kinderzimmer. „Lass das“, ruft die eine Jungenstimme. „Der Tony will jetzt mit mir spielen“, ruft die andere. Dann ein kurzes Gerangel, es scheppert, einer der Jungs heult kurz auf. „Jetzt ist aber gut“, ruft eine Frauenstimme. Sabine Müller (Namen von der Redaktion geändert) hält den kleinsten der Rabauken am Arm fest und mahnt ihn: „Der Tony kann doch selbst entscheiden, mit wem er spielen will.“

Wie die Orgelpfeifen stehen die drei Jungen nun da. Besagter Tony in der Mitte. Er hat einen Kratzer an der Wange, da wo ihn der Spielzeuglaster gestreift hat. Dennis windet sich derweil an der Hand seiner Pflegemutter: „Ich hab mich beim Tony schon entschuldigt, weil ich ihm meinen Laster aus Versehen an den Kopf geworfen habe.“ Sabine Müller sieht ihn so streng wie möglich an. Dann greift der Fünfjährige zum bewährten Mittel: Ein zucker süßes Lächeln, die braunen Augen strahlen, sie lässt los, und Dennis stürmt mit seinem 13-jährigen Pflegebruder Tom und Tony, der der Sohn von Freunden ist, zurück ins Kinderzimmer.

Hin und wieder verletzt Dennis nicht nur sich, sondern auch andere beim Toben. Oder er bekommt Nasenbluten. Das ist nicht selten bei Kindern in seinem Alter. Aber es ist etwas Besonderes bei jemandem wie ihn. Bereits im Mutterleib hat der Junge sich mit dem Immunschwäche-Virus HIV infiziert. Die daraus folgende Krankheit Aids ist bei ihm noch nicht ausgebrochen. Weil er alle zwölf Stunden jeweils drei Medikamente schluckt, ist derzeit keine Viruslast nachweisbar. Zwei der Medikamente sollen verhindern, dass der Virus sich vermehrt, das dritte, dass er an die T-Helferzellen andockt. Dass man ihn nicht mehr nachweisen kann, heißt nicht, dass der HI-Virus aus Dennis’ Blut verschwunden ist. Es bedeutet nur, dass bei den regelmäßigen Untersuchungen nicht mehr als 40 Viren pro Milliliter Blut gemessen werden. Derzeit funktioniert sein Immunsystem wie das anderer Kinder seines Alters.

Weltweit 40 Millionen infiziert

Der zarte Junge ist eines von wahrscheinlich fünf infizierten Kindern in Sachsen. Insgesamt leben rund 825 Menschen im Freistaat mit dem Virus. In Deutschland geht das Robert-Koch-Institut von etwa 49 000 Infizierten aus, ungefähr 300 von ihnen sind Kinder. Weltweit rechnet die Uno mit mehr als 40 Millionen Infizierten. Tendenz steigend – auch in Deutschland.

Hierzulande sind die Zahlen der Neuinfektionen seit 2001 wieder angestiegen. „Man könnte sagen, wir haben uns von der Diktatur der Angst entbunden“, sagt Holger Sweers von der Deutschen Aids-Hilfe. „Wie bei anderen Katastrophen haben sich die Menschen darauf eingestellt und gelernt, mit der Bedrohung zu leben.“ In den entwickelten Industrienationen gibt es mittlerweile Medikamente, die den Ausbruch der Krankheit Aids verzögern und die Viruslast dauerhaft so weit senken, dass der HIV kaum mehr nachweisbar ist – wenn sich keine Resistenzen bilden. HIV als lebenslange chronische Infektion – das nimmt der Krankheit den Schrecken und macht vor allem diejenigen leichtsinnig, die nicht ständig damit konfrontiert sind. Zwar gilt Aids immer noch als das Leiden homosexueller Männer. Mittlerweile ist aber auch die Zahl der Neuinfektionen bei Heterosexuellen wieder angestiegen. Als besonders gefährdet gelten vor allem Arme und Frauen.

Vor knapp sechs Jahren hatte Dennis Mutter ungeschützten Verkehr mit einer Discobekanntschaft. Ihre Geschichte hat die Leipzigerin irgendwann einmal Sabine Müller, der Pflegemutter ihres Sohnes, erzählt. „Der Name, den der Mann ihr genannt hat, stimmte nicht und sie hatte keine Adresse von ihm“, sagt die 37-Jährige. „Der ist wie vom Erdboden verschwunden.“ Dennis hat zwei ältere Brüder. Schon mit denen sei die Mutter überlastet gewesen. Dass sie den Virus in sich trägt, wusste die Frau bis zur Geburt des dritten Kindes nichts.

Zur Adoption freigegeben

Viel zu früh, viel zu klein, viel zu schwach und mit einer Last von 64 000 HI-Viren pro Milliliter Blut kam der Junge in Leipzig zur Welt. Dass er überleben würde, glaubte anfangs niemand. Seine Mutter gab ihn zur Adoption frei. Nur: „Dennis wollte niemand, weil die Ärzte sagen mussten, dass er infiziert ist.“ Ein halbes Jahr lang kümmerten sich die Schwestern in der Klinik um das Kind. Bald hieß es: Wenn sich kein Elternpaar für ihn findet, muss Dennis ins Heim.

Sabine Müller war damals bereits Pflegemutter eines geistig behinderten Jungen – Tom. Durch Zufall erfuhr sie von dem Baby. Der Junge kann doch nichts dafür, habe sie damals gedacht. Also nahm sie das kleine Geschöpf vor fünf Jahren zu sich nach Hause. Der Kontakt zur leiblichen Mutter besteht. „Sie hat schwere Schuldgefühle“, sagt die Alleinerziehende. „Aber sie bemüht sich und schickt mal einen Brief oder ein Päckchen.“ Sabine Müller hofft, dass Dennis’ Mutter am 24. September zum Bundespositiventreffen in Leipzig kommt. Bei ihrem Sohn zu Hause war sie noch nicht.

Die kleine Familie lebt in der Nähe von Chemnitz. Wo genau, möchte die 37-Jährige nicht sagen – aus Angst, ihr Pflegesohn könnte erkannt und auf einmal anders als bisher behandelt werden.

Die Wohnung im Dachgeschoss ist nicht groß. Im Flur hängen Fotos von Tom und Dennis. Spielzeug liegt im schmalen Kinderzimmer, im Flur und im Wohnzimmer verstreut. Die Krankheit ist Teil des täglichen Lebens: Ein Aids-Aufklärungsbuch für Kinder auf dem Wohnzimmertisch, Desinfektionsmittel steht griffbereit in der Küche. Auf dem Balkon sitzen flauschige Kaninchen im kleinen Verschlag, eine Schildkröte blinzelt aus dem Aquarium. Vorräte an Essen stapeln sich in der Küche. Aber nur Tom nascht süß-saure Apfelringe aus einer Tüte auf dem Schrank. Er gibt dem kleinen Bruder welche. Dennis sammelt sie in der Backentasche. Er isst nicht gern. Sabine Müller: „Entweder ist es eine Essstörung, wie sie bei Frühchen manchmal vorkommt, oder es liegt an den Medikamenten.“

Schlechte Erfahrungen

Zweimal am Tag zieht die gelernte Erzieherin vier Spritzen auf. Den Instrumenten fehlt die Nadel. Sie machen es dem Kind nur leichter, die tägliche Medizin zu schlucken. „Mein Blut ist krank“, antwortet Dennis, wenn man ihn fragt, warum er die Medikamente nimmt. Was genau er hat, will ihm seine „zweite Mutti“ später, vielleicht, wenn er zehn ist, in Ruhe erklären. Derzeit bereitet sie ihn Schritt für Schritt darauf vor.

Kaum jemand, der die Familie kennt, weiß, dass der Junge den Virus in sich trägt. Der Grund dafür sind schlechte Erfahrungen: „Mein Cousin lässt seine Kinder nicht mit Dennis spielen, und von Kindergärten habe ich nur Absagen bekommen, als die wussten, dass Dennis infiziert ist.“ Dann fand sich doch noch eine Tagesstätte, die dem Jungen nach der ersten Absage einen Platz anbot. Die Erzieher waren von Anfang an im Bilde. Trotzdem gab es Probleme. Nachdem Gerüchte vom aidskranken Kind aufgekommen waren, das andere anstecken würde, organisierte Frau Müller eine HIV-Informationsveranstaltung für die Eltern – jedoch ohne sich preiszugeben. Danach wollte niemand mehr sein Kind abmelden. Aber: „Eine Mutter hat mir gesagt, sie möchte gar nicht wissen, wer es ist, weil sie nicht weiß, ob sie ihm dann noch unvoreingenommen begegnen könnte.“