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Montag, 31.12.2012

Der große Knaller

Früher durchkämmte Tino Oehmig vor Silvester jede Drogerie nach Feuerwerk. Heute schießt er die dicksten Bomben ab.

Von Jörg Stock

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Tino Oehmig (44) arbeitet eigentlich auf dem Bau. Im Zweitberuf ist er Pyrotechniker. F.: M. Förster (4)
Tino Oehmig (44) arbeitet eigentlich auf dem Bau. Im Zweitberuf ist er Pyrotechniker. F.: M. Förster (4)
  • Tino Oehmig (44) arbeitet eigentlich auf dem Bau. Im Zweitberuf ist er Pyrotechniker. F.: M. Förster (4)
    Tino Oehmig (44) arbeitet eigentlich auf dem Bau. Im Zweitberuf ist er Pyrotechniker. F.: M. Förster (4)
  • Mit dieser Lizenz darf er kindskopfgroße Bomben abfeuern.
    Mit dieser Lizenz darf er kindskopfgroße Bomben abfeuern.
  • Das Geschoss hat ein Kaliber von 150 Millimetern und wird aus Batterien gestartet.
    Das Geschoss hat ein Kaliber von 150 Millimetern und wird aus Batterien gestartet.
  • Die Zündung passiert meist elektrisch mit speziellen, in Koffern eingebauten Geräten.
    Die Zündung passiert meist elektrisch mit speziellen, in Koffern eingebauten Geräten.

Das ist ein Zünder. Zwei dünne, schwarze Drähtchen, die in einem roten Knubbel von der Größe eines Streichholzkopfs enden. Hab’ ich mir anders vorgestellt. Irgendwie größer. Wie das funktioniert? Statt einer Antwort klappt Tino Oehmig einen orangen Koffer auf. Aus den vielen Anschlussbuchsen wählt er Kanal 3, schiebt die Zünderdrähte unter die Klemmen, tritt zurück und greift zur Fernbedienung. „Puff!“ Der Feuerpunkt ist winzig. Aber seine Kraft reicht, um eine kindskopfgroße Kugelbombe zweihundertvierzig Meter hoch in den Himmel zu schießen.

Wer zu Tino Oehmig will, muss in Heidenau am Schild „Pyromanio-Feuerwerke“ von der B 172 abbiegen und beherzt bis ans Ende des holprigen Stichs rollen. Pyromanio – das klingt nach triebhafter Kokelei. Ein wenig stimmt das auch. Tino Oehmig mochte schon immer effektvolle Brände. Doch ist bei ihm – im Gegensatz zum gemeinen Feuerteufel – alles legal, denn er ist staatlich geprüfter Pyrotechniker.

Silvester war stets ein spezieller Anlass für Tino Oehmig. Zu DDR-Zeiten stand er beim Feuerwerksverkauf vier Uhr morgens an einer der Heidenauer Drogerien und wartete stundenlang, bis der Laden aufmachte. Danach wurden die anderen Geschäfte im Umkreis abgeklappert, nach Harzern, Blitzknallern und Raketen Marke Kosmosschweif. Anders ging es nicht, sagt er, wenn man „was Ordentliches“ haben wollte.

Kaliber wie eine Haubitze

Was Ordentliches hat Tino Oehmig jetzt zur Genüge. Als examinierter Feuerwerker darf er die stärksten Ladungen kaufen. Was das für Geräte sind, kann man sich ausmalen beim Anblick der Abschussrohre im Lager. Die in Holzrahmen zusammengefassten Batterien haben Kaliber von bis zu 150 Millimetern. Viel mehr hat selbst die Bundeswehr nicht zu bieten. Ihre Panzerhaubitze 2000 schießt mit 155 Millimetern, aber nur aus einem Rohr.

Ironie des Schicksals: Zum Angucken seiner Explosionen hat Silvesterfan Oehmig kaum noch Zeit. Veranstaltet er eine Knallerei, muss er am Startpunkt bleiben, das Abfeuern überwachen und aufpassen, dass niemand in die Gefahrenzone rennt. Den Spaß haben andere. Das soll auch so sein. „Der Himmel wird zur Bühne“, ist Oehmigs Wahlspruch. Und sein Lohn ist – wie bei jedem Schauspieler – wenn es den Leuten gefällt.

Und wie wird man ein Schauspieler des Himmels? Der 44-jährige Tino Oehmig startete ganz bodenständig. Er lernte Gießer im VEB Stahl- und Walzwerk Gröditz. Bald wechselte Oehmig zum Heidenauer Möbelbau, dann zum Gerüstbau. Jetzt ist er im Innenausbau beschäftigt. Seine Pyrotechnikerlaufbahn begann vor sechs Jahren nebenbei.

Wer Feuerwerke der Klasse IV abbrennen will, muss zunächst Lehrjunge sein. Vor der Fachkundeprüfung hat der Anwärter bei 26 Großfeuerwerken nachweislich mitzutun. Einen Lehrherrn zu finden, war gar nicht so einfach. Die lokalen Fachleute hatten wohl keine Lust, die eigene Konkurrenz heranzuziehen, sagt Oehmig. Schließlich fand er in Pyrodrachen-Chef Tino Braune aus Leipzig seinen Meister.

Von da an war Tino Oehmig viele Wochenenden in der Leipziger Gegend unterwegs, brachte Abschussanlagen in Stellung, legte Leitungen, zündete. Mehr als ein Jahr ging ins Land, bis er genügend Praxis für den Lehrgang nachweisen konnte. Dann meldete er sich bei der Dresdner Sprengschule an. Sein Gesellenstück ging an der Heidenschanze am Plauenschen Grund in die Luft.

Die Kosten für seine Ausbildung will Tino Oehmig nicht näher beziffern. Viel Geld sei es jedenfalls gewesen, sagt er. Allein der Lehrgang kostet aktuell fast tausend Euro. Dabei ist die Lizenz zum Knallen keineswegs eine Gelddruckmaschine. Das musste auch Oehmig bald erkennen. Er hatte sich den Einstieg ins Geschäft leichter vorgestellt. Statt Vollzeitgewerbe zu sein, wie geplant, ist die Feuerwerkerei bis heute ein Nebenjob geblieben.

Angriff vom Knüppelmann

Für Neulinge ist es schwierig, an lukrative Aufträge zu kommen. Die anderen Feuerwerker der Gegend sind schon länger im Geschäft und haben feste Beziehungen zu den Veranstaltungsmachern aufgebaut. Die Claims sind abgesteckt. Bisher ist es Tino Oehmig zum Beispiel nicht gelungen, beim Volksfest seiner eigenen Stadt zu ballern, trotz mehrerer Bewerbungen, was ihn gehörig wurmt.

Es hilft also nur Mundpropaganda und – bei Feuerwerken automatisch mit dabei – die Schauwerbung. Wem die Knallerei gefällt, der fragt vielleicht nach dem Urheber, denkt Oehmig. So will er sich ins Gespräch bringen. Seine ersten großen Feuerwerke schoss Tino Oehmig im Torgauer Gebiet ab, durch ganz private Kontakte. Er ballerte zum Torgauer Brauereifest und drei Jahre hintereinander bei einer großen Silvesterfeier in Belgern. Inzwischen hat er auch in Pulsnitz Fuß gefasst, wo er die Feuerwerke zum Stadtfest und zum Pfefferkuchenfest startete. Auf der Dresdner Vogelwiese ließ er zum Frühlingsfest die Raketen steigen.

Privatleute überlegen sich genau, ob sie ein Feuerwerk veranstalten lassen. Ein kleines Hochzeitsfeuerwerk kostet bereits dreihundert Euro. Da greift mancher lieber zu einer fertigen Batterie und zündet selbst. Ins Schwelgen gerät Feuerwerker Oehmig, wenn er an diese üppige Verlobung in Großsedlitz denkt. Dort durfte er für mehrere tausend Euro Bomben in die Nacht schießen. Der angehende Bräutigam war wohl aus der Schweiz.

Bei aller Schönheit: Feuerwerk ist gefährlich. Gab es schon einmal einen Zwischenfall? Nichts Ernstes, sagt Tino Oehmig, zumindest, was die Sprengmittel angeht. Einmal, er hatte grade ein Geburtstagsfeuerwerk entfacht, stürmte ein Mann aus der Nachbarschaft mit einem Knüppel auf ihn los. Er fühlte sich von der Knallerei in seiner Ruhe gestört. Oehmig konnte den Angreifer entwaffnen, die Polizei rückte an. Während der Rangelei drückte Oehmig fleißig den Startknopf für seine Ladungen. Was sollte er tun? Die Show musste weitergehen.

Die Show geht auch heute weiter. In Nesselwang im Allgäu wird Tino Oehmig die staatlich anerkannte Kurluft ein wenig zum Brennen bringen. Für Ehefrau Jacqueline ist es nichts Neues, den Jahreswechsel ohne ihren Mann zu feiern. „Ich hab’ mich dran gewöhnt“, sagt sie.

www.pyro-deluxe-feuerwerk.de