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Montag, 13.11.2017

Der Fünfjahresplan ist zurück

Dynamo präsentiert den Mitgliedern blendende Zahlen und möchte 2021 in die Bundesliga aufsteigen.

Es wäre noch Platz gewesen, wenn auch nicht für alle 21044 Mitglieder. Gekommen in die Ballsportarena sind am Samstag gut 800, also knapp vier Prozent.
Es wäre noch Platz gewesen, wenn auch nicht für alle 21 044 Mitglieder. Gekommen in die Ballsportarena sind am Samstag gut 800, also knapp vier Prozent.

© Christian Juppe

Für eine gute Stimmung wird viel getan. Punkt 11.11 Uhr reichen fleißige Helfer am Tag des Faschingsbeginns Pfannkuchen. Einer ist zwar mit Senf statt Marmelade gefüllt, doch der Unglücksrabe wird mit einem handsignierten Trikot entschädigt. Letztlich ist er also ein Gewinner. Und die Profimannschaft verteilt auch noch das neue Leitbild in Buchform – kostenlos wohlgemerkt. Im Fanshop kostet das kleine Schwarze stolze zehn Euro.

Blick in die Mitgliederversammlung

Dabei wären Stimmungsaufheller gar nicht nötig gewesen bei dieser Mitgliederversammlung von Dynamo Dresden, die nach fast rekordverdächtig schnellen fünf Stunden beendet wird – und das komplett ohne verbale Entgleisungen. Die vorgelegten Zahlen sind für die Insider dynamischer Bilanzen völlig ungewohnte: Keine Schulden, keine Verluste – alles positiv. Wäre da nicht die sportlich prekäre Lage.

Die Zweitliga-Mannschaft wurde inzwischen bis auf Tabellenplatz 15 durchgereicht, das 0:3 zuletzt in Kiel war der vorläufige Tiefpunkt und die Stimmung unter den Anhängern auch schon mal besser. Die Vereinsoberen baten deshalb den derzeit verletzten Kapitän, ein Grußwort an die gut 800 Mitglieder in der neuen Dresdner Ballsporthalle zu richten. Der kurze Auftritt von Marco Hartmann ist der emotionalste an diesem Tag.

Es sei vom Kopf her nicht einfach, die Leistung abzurufen, wenn die Ergebnisse ausblieben, man in der Tabelle abrutsche und der Druck wächst, erklärt er. Mit eindringlichen Worten fordert Hartmann die Unterstützung der Fans ein. „Wir haben uns als Mannschaft zusammengesetzt, darüber gesprochen, was gerade schiefläuft. Wir versprechen, dass wir alles dafür tun werden, damit es wieder besser wird. Wir auf dem Platz entscheiden über die Reaktionen auf den Rängen. Wir müssen das Feuer entfachen. Fakt ist aber auch: Wir können nur mit euch gemeinsam gewinnen.“ In einer Woche soll nun gegen Kaiserslautern endlich der zweite Heimsieg gefeiert werden.

Die zwölf Leitsätze der SGD

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Die SG Dynamo Dresden hat am Sonnabend auf einer Versammlung der Vereinsmitglieder das folgende aus zwölf Leitsätzen bestehende neue Leitbild vorgestellt:

1: Wir sind eine Gemeinschaft.

Wir sind die Sportgemeinschaft Dynamo Dresden. Unsere Urkraft liegt im Zusammenhalt, erwachsen aus Erfolgen, Niederlagen und Umbrüchen. Unser Wappen tragen wir mit Stolz. Unser Auftritt ist geschlossen – auf dem Rasen, auf den Rängen, überall und zu jeder Zeit.

2: Dynamo ist Dresden, Dresden ist Dynamo.

Gegründet am 12. April 1953 im Filmtheater Schauburg in Dresden, sind unsere Farben Schwarz und Gelb wie die Farben unserer Stadt. Das Herz unseres Vereins schlägt im Stadion auf der Lennéstraße 12.

3: Wir sind die Nummer eins im Osten.

Die SGD ist und bleibt ein eingetragener Verein, der von seinen Mitgliedern demokratisch und satzungstreu geführt wird. Unsere große und stetig wachsende Zahl macht uns zur Nummer eins im Osten. Wo wir sind, ist „Dynamoland“.

4: Wir bleiben unabhängig.

Durch nachhaltiges und strategisches Wirtschaften wahren wir unsere Souveränität und schaffen Werte für unseren Verein. Hingabe, Professionalität und Innovation zeichnen unsere Arbeit aus.

5: Wir sind bescheiden, fleißig und ehrgeizig.

Bescheidenheit, Fleiß und Ehrgeiz sind unsere Grundtugenden. Wir sind zuverlässig, treu und aufrichtig. Selbstbewusst, rau und authentisch. Leidenschaftlich, kreativ und lautstark. Respektvoll, menschlich und fair. Wir sind Idealisten mit realistischen Zielen.

6: Wir sind Bundesligist.

Wir etablieren uns in der 2. Bundesliga, auf die Bundesliga als Ziel arbeiten wir hin. Wir spielen mutigen und attraktiven Fußball. Für jede unserer Mannschaften schaffen wir die Voraussetzungen, um in der höchstmöglichen Spielklasse zu bestehen.

7: Wir sind ein Ausbildungsverein.

Wir unterstützen unsere Nachwuchsspieler nach Kräften, sich zu selbständigen, verantwortungsvollen Persönlichkeiten zu entwickeln und ihr fußballerisches Potenzial voll auszuschöpfen. Wir fördern die schulische und berufliche Ausbildung unserer Talente.

8: Wir sind der Verein mit den besten Fans.

Mit unseren Choreographien, Sprechchören und Gesängen mehren wir den Ruhm der SGD und peitschen unsere Mannschaft nach vorn. Ob in Dresden oder auswärts – wir sind da in großer Zahl. Wir leben unsere Leidenschaften und respektieren unsere Fancharta.

9: Wir gestalten gemeinsam.

Zusammen gestalten wir das dynamische Vereinsleben, ein jeder nach seinen Möglichkeiten. Probleme und Meinungsverschiedenheiten lösen wir im aktiven Dialog. Gemeinsam schaffen wir einen Treffpunkt für alle Schwarz-Gelben – unsere Vereinsheimat.

10: Wir sind engagiert und vielfältig.

Wir Schwarz-Gelben helfen einander und nehmen unsere gesellschaftliche Verantwortung wahr – nach innen und nach außen. Dynamo ist offen für jeden, der unsere Werte anerkennt: Menschen aller Schichten, Hautfarben und Kulturen kommen in unseren Farben zusammen.

11: Wir leben unsere Tradition.

Meisterschaften und Pokalsiege, Europapokal und Dresdner Kreisel; Abstiege, Lizenzentzug und Schuldenlast – unseren Erfahrungsschatz geben wir von Generation zu Generation weiter, unsere Geschichte erfüllen wir mit Leben. Vergangene Leistungen und ihre Protagonisten halten wir in Ehren.

12: Wir haben einen Traum.

Das 100. Spiel im Europapokal wird ein Teil unserer Geschichte sein. Unserem Traum wollen wir Tag für Tag einen Schritt näher kommen.

Das ist das Nahziel. Auch Ralf Minge geht auf die derzeit prekäre Lage ein. Der Sportvorstand sieht die Situation „als Herausforderung und nicht als Bedrohung“. Zudem gebe es im Fußball keine lineare Entwicklung. Weitaus brisanter sind aber die mittelfristigen Vereinsziele, die er eher beiläufig auf die Videowand projizieren lässt. Überschrieben sind die als Fünfjahresplan, 27 Jahre nach dem Ende der DDR feiert der bei Dynamo sein Comeback. Vor dem Mauerfall entsprangen die Vorgaben mehr der Fantasie als der Realität – ein Schelm, wer da Parallelen erkennt.

Minge nennt die fünf Etappen „Meilensteine“, die beiden wichtigsten: 2019/20 soll das neue Trainingszentrum im Ostra-Sportpark fertig sein, für die Saison 2020/21 ist die Rückkehr in die Bundesliga geplant. Der letzte Punkt lässt aufhorchen. Noch nie war vorher öffentlich die Rückkehr in die Bundesliga mit einem Termin verknüpft worden.

Konkret geht Minge auf diese Etappe nicht ein, er erklärt lediglich, dass die Zeitschiene „nicht in Stein gemeißelt“ sei und man immer nachjustieren müsse. „Wir tun gut daran, uns in Demut zu üben, wollen uns in den nächsten drei Jahren stabilisieren, um dann vielleicht den nächsten Schritt zu machen“, erklärt er und ergänzt, dass die Ziele mit den anderen Gremien abgestimmt seien.

Gedacht wird an diesem Tag sogar noch weiter. Ein zwölf Punkte umfassendes Leitbild wird den Mitgliedern nach knapp zweijähriger Entstehungsphase in einem Video und in Buchform präsentiert. Das scheint gerade Mode zu sein. Einen Tag zuvor hatte Düsseldorf bei seiner Versammlung die Fortuna-DNA vorgelegt. Bei Dynamo gipfelt die gebündelte Selbstdarstellung im Satz: „Das 100. Spiel im Europapokal wird ein Teil unserer Geschichte sein.“ Momentan steht man bei 98. Überschrieben ist dieser Punkt mit „Wir haben einen Traum“. Dies ist auch der neue Claim, also der Werbeslogan oder Leitsatz von Dynamo. „Im Herzen vereint“ hat damit ausgedient – die Gremien, die ganz zum Schluss noch gewählt werden, dagegen nicht.

Ritter bleibt Präsident

Die Mitglieder des Präsidiums, des Ehren- und Jugendrates werden allesamt in ihrem Amt bestätigt – es gibt allerdings jeweils auch nur einen Gegenkandidaten. Andreas Ritter, bereits seit sieben Jahren im Amt, bleibt Präsident, Diana Schantin und Michael Winkler seine Stellvertreter.

Es ist alles rundum harmonisch an diesem Tag, der mit einem Rückblick auf die alten, die schlechteren Zeiten begonnen hatte. Die Sportwerbe GmbH, die im Zuge der Kölmel-Darlehen gegründet worden war, ist nach kompletter Rückzahlung der Schulden überflüssig. Die Mitglieder beschließen einstimmig die Liquidation der Gesellschaft – quasi als Schlusspunkt unter diese wenig ruhmreiche Phase. „Das ist ein historischer Tag“, findet Minge. Einer, an dem es sogar Pfannkuchen gibt.

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Leipziger Dynamo

    Hallo Herr Klein, es wäre schön, wenn Sie die richtigen Zahlen weitergeben. Aufgrund der Verzögerungen im Baugenehmigungsverfahren kann das Trainingszentrum erst Mai 2020 fertig gestellt werden.

  2. 555

    Also ich hab geschluckt, als ich für 2020/21 eine angepeilte Rückkehr ins Oberhaus an der Videoleinwand gesehen habe. Nicht so sehr, weil die derzeitige sportliche Lage alles andere als in diese Richtung zeigt, als vielmehr wegen der ebenso durch Ralf Minge aufgezeigten Nichtlinearitäten in der Entwicklung. Wenn man sich die Zahlen für die erhaltenen TV-Geldanschaut, wo Ingolstadt allein 9 Mio. Euro mehr an Einnahmen erhält, dann weiß man, welcher Kraftakt es ist, sich allein in die oberen Regionen der 2. Liga zu schieben. Viel Glück gehört dazu, dass man immer wieder Teams zusammenstellt, die nominal (also vom Budget her) nicht mithalten können, es aber durch eine herausragende Mannschaftsleistung und Spielanlage trotzdem tun. Im letzten Jahr gaben wir das erlebt, in diesem Jahr kehrt dann doch wieder Realität ein. Glück ist nicht buchbar!!!

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