Montag, 07.01.2013

Der fremde Sohn

Familie Gaulke ist seit Kurzem zu viert. Sie hat den kleinen David bei sich aufgenommen.

Von Jana Ulbrich

Ein Familienmitglied mehr: René, Antje und Pascal Gaulke haben den zweijährigen David bei sich aufgenommen. Gaulkes aus Ottendorf-Okrilla sind eine von 113 Pflegefamilien im Kreis Bautzen, die derzeit 167 Pflegekinder betreuen.Foto: Willen gr. Darrelmann
Ein Familienmitglied mehr: René, Antje und Pascal Gaulke haben den zweijährigen David bei sich aufgenommen. Gaulkes aus Ottendorf-Okrilla sind eine von 113 Pflegefamilien im Kreis Bautzen, die derzeit 167 Pflegekinder betreuen.Foto: Willen gr. Darrelmann

Autos gucken ist das Größte! David guckt und guckt. Stundenlang könnte er jetzt hier so stehenbleiben und gucken. René Gaulke nimmt den Zweijährigen liebevoll bei der Hand. „Komm, wir gehen wieder zur Mama.“ Die steht ein paar Meter weiter drüben. David rennt los und streckt ihr die kleinen Ärmchen entgegen. Antje Gaulke lächelt. Wie der Kleine sich freuen kann. Pascal, der Zehnjährige, beobachtet das alles noch ein bisschen mit Abstand. So von heute auf morgen einen kleinen Bruder zu bekommen – als ob das so leicht wäre: Wenn jetzt noch einer Mama und Papa zu Mama und Papa sagt. Wenn sie jetzt noch einen genauso liebevoll in den Arm nehmen. Wenn er, der Zehnjährige, jetzt den Platz am Tisch, die Zeit mit den Eltern und sogar noch Oma und Opa mit dem Zweijährigen teilen soll. Aber Pascal sieht die Sache ganz locker. Er hat den kleinen David ja auch gewollt. Er durfte ja mitentscheiden. Und jetzt ist er eben der große Bruder.

Seit sechs Wochen sind die Gaulkes aus Ottendorf-Okrilla zu viert. Es war ein Anruf vom Jugendamt: Wir haben da einen kleinen Jungen, der dringend eine Pflegefamilie braucht. Antje und René Gaulke müssen nicht lange überlegen. Schon seit mehr als einem Jahr sind sie auf diesen Moment vorbereitet. Die 36- und der 41-Jährige sind ausgebildete Pflegeeltern. Sie haben sich ganz bewusst dafür entschieden, einem fremden Kind im Notfall ein neues Zuhause zu geben. Sieben Wochen lang haben sie extra für diese Aufgabe Seminare in Dresden besucht.

Und dann, ein Jahr später, ist es tatsächlich ernst: „Wir brauchten keine Bedenkzeit“, sagt Antje Gaulke und schiebt die Mütze wieder hoch, die David gerade ins Gesicht gerutscht ist. „Da, da“, schreit der Junge auf einmal und zeigt aufgeregt auf das große Müllauto, das gerade um die Ecke biegt. Viel mehr als „da-da“ kann der Zweijährige noch nicht. Seine leiblichen Eltern waren und sind nicht in der Lage, sich richtig um ihn und seine drei Geschwister zu kümmern. Alle vier leben jetzt in Pflegefamilien.

David soll dauerhaft bei den Gaulkes bleiben. Das ist von Anfang an so vereinbart. Sie wollen ihn annehmen als ihren Sohn, sagen Antje und René. Auch wenn seine leiblichen Eltern das Recht haben, den Jungen aller drei Wochen für eine Stunde treffen zu dürfen. Antje und René wissen, dass sie das akzeptieren müssen. Sie wissen auch, dass sie formal rechtlich nicht Davids Erziehungsberechtigte sind. Die Vormundschaft über den Jungen liegt in den Händen einer Mitarbeiterin des Jugendamts. Sie wird den Antrag auf den Kindergartenplatz unterschreiben und später auch den für die Schulaufnahme. Sie wird alle wichtigen Entscheidungen für Davids Leben treffen müssen. Aber das ist für die Gaulkes nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist, dass David jetzt glücklich ist. Dass er endlich eine richtige Familie hat und Eltern, die ihn lieben wie ein eigenes Kind.

Antje und René haben den Kleinen vom ersten Augenblick an ins Herz geschlossen. „Das ist jetzt unser Sohn“, sagt Antje. „Und wir sind seine Eltern. Das ist ganz einfach so im Kopf.“ Und es sieht auch ganz einfach so aus. Wer die Familie beim Auto-Gucken-Spaziergang im Wohngebiet trifft, würde nicht glauben, dass David da erst vor sechs Wochen hineingeboren wurde. So selbstverständlich gehen die vier miteinander um. Und David ist seinem großen Bruder Pascal sogar ziemlich ähnlich: der runde Kopf, die kurzen, blonden Haare, die wachen Augen, der verschmitzte Blick – einzig: Davids Augen sind braun, die der anderen in der Familie blau.

Das große Müllauto hat es dem Kleinen angetan. Fasziniert schaut er zu, wie es vorbeirattert. David ist schon viel ruhiger geworden, seit er bei den Gaulkes lebt. Er ist längst nicht mehr so hippelig und aufgeregt wie am Anfang. Er hat gelernt, wie man bunte Duplo-Bausteine geschickt übereinanderstapelt und wie schön es ist, Weihnachtslieder zu hören. Er lernt gerade, aufs Töpfchen zu gehen und keine Angst mehr haben zu müssen, womöglich irgendwo alleine gelassen zu werden. Er tritt nicht mehr ängstlich über die Schwelle der hübschen Neubauwohnung, er stürmt wie selbstverständlich hinein, wenn er vom Spaziergang nach Hause kommt. Nur nachts, da kommt die Angst manchmal noch zurück, da braucht David immer eine Hand zum Festhalten, um einschlafen zu können.

Antje Gaulke hat Elternzeit genommen, so wie sie das auch bei einem eigenen Kind getan hätte. Sie und ihr Mann arbeiten beide als Köche in einem Hotel. René arbeitet meistens abends, um tagsüber so viel Zeit wie möglich für seine Jungs zu haben. Zwei fordern ihn jetzt mehr als einer. Und der zweite fordert ihn gerade ganz besonders. „Da-Da“, quietscht David vergnügt. René hebt ihn hoch auf seine Schultern. Die Eltern verstehen ihren Sohn auch ohne Worte.

Ihren Sohn! Haben sie keine Angst, dass sie ihn eines Tages wieder verlieren könnten? Dass er sich vielleicht eines Tages für seine leibliche Familie entscheidet? Auch wenn sie den Jungen jetzt offiziell in Dauerpflege haben? Antje und René Gaulke werden still. Auch darüber haben sie immer wieder gesprochen in den Seminaren für Pflegeeltern. „Er wird das selbst entscheiden, wenn er alt genug ist“, sagt René dann mit fester Stimme. Er wird David eines Tages ja auch erklären müssen, wer Mutti und Vati sind, die ihn aller drei Wochen sehen dürfen. Er wird ihm erklären, warum er einen anderen Nachnamen hat. Er wird ihm auch den Kontakt zu seinen leiblichen Geschwistern ermöglichen. Vor allem aber wird er ihm ein guter Vater sein. Und das ist das Wichtigste.

167 Pflegekinder leben gegenwärtig im Kreis Bautzen in Pflegefamilien. „Grundsätzlich ist die Vollzeitpflege zeitlich befristet“, erklärt Bautzens Jugendamtsleiter Hans-Jürgen Klein. Oberstes Ziel der Behörden müsse deswegen auch stets die Rückkehr der Kinder zu den leiblichen Eltern sein. Antje und René Gaulke wissen das. Sie wissen aber auch, dass das nicht immer machbar ist.

Autos gucken macht müde. Und Pascal, der große, hat jetzt auch überhaupt keine Lust mehr aufs Spazierengehen um die Häuserblocks. Er will jetzt lieber das Modellflugzeug zusammenbauen, das er zu Weihnachten bekommen hat. Sein Papa wird ihm noch ein bisschen helfen dabei, ehe er zur Arbeit muss. David auf seinen Schultern ist eingeschlafen. An seinem 18. Geburtstag wird die Pflegschaft offiziell enden. Für Antje und René Gaulke ist diese Vorstellung gerade ganz weit weg.Auf ein Wort