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Mittwoch, 27.01.2016

Der Fall Lisa F. und russische Medien

Moskau macht mit der Flüchtlingskrise unter Russlanddeutschen Propaganda. Manche Berichte sind frei erfunden.

Von Friedemann Kohler und Klaus-Helge Donath, Moskau

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Hunderte Russlanddeutsche demonstrierten am Sonntag in Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg) gegen Gewalt und für mehr Sicherheit in Deutschland.
Hunderte Russlanddeutsche demonstrierten am Sonntag in Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg) gegen Gewalt und für mehr Sicherheit in Deutschland.

© dpa

  • Hunderte Russlanddeutsche demonstrierten am Sonntag in Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg) gegen Gewalt und für mehr Sicherheit in Deutschland.
    Hunderte Russlanddeutsche demonstrierten am Sonntag in Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg) gegen Gewalt und für mehr Sicherheit in Deutschland.
  • „Ich hoffe sehr, dass es keine Wiederholung der Fälle geben wird, wie den mit unserem Mädchen Lisa, dessen Verschwinden aus irgendeinem Grund sehr lange verschwiegen wurde“, sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow.Lawrow fordert Aufklärung
    „Ich hoffe sehr, dass es keine Wiederholung der Fälle geben wird, wie den mit unserem Mädchen Lisa, dessen Verschwinden aus irgendeinem Grund sehr lange verschwiegen wurde“, sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow.Lawrow fordert Aufklärung

Wissen russische Medien mehr als die deutsche Polizei? „Russische Deutsche überfallen Flüchtlingsheim in Deutschland“, berichtete das Moskauer Sensationsblatt Sowerschenno Sekretno (Streng geheim) vergangene Woche. Weil die deutschen Behörden hilflos seien gegen Flüchtlinge, hätten etwa 400 russischstämmige Männer zur Selbsthilfe gegriffen und mit Baseballschlägern ein Heim in Bruchsal bei Karlsruhe aufgemischt.

Wenn die Geschichte einen wahren Kern haben sollte, ist er um das Hundertfache aufgebauscht worden. Nach Polizeiangaben haben vier Männer am 16. Januar im Nachbarort Karlsdorf-Neuthard ein Fenster in einer Flüchtlingsunterkunft eingeworfen, Sachschaden 300 Euro.

Oder der Fall einer 13-jährigen Russlanddeutschen aus Berlin: Das Mädchen war kurz als vermisst gemeldet worden. Es sei von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden, behauptete die Nachrichtensendung Westi. Demnach sei das Mädchen 30 Stunden lang als „Sexsklavin“ festgehalten und missbraucht worden. Im russischsprachigen Internet schlug die Sache hohe Wellen. Und es nützte nichts, dass die Berliner Polizei über Tage geduldig klarstellte: „Fakt ist – nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung.“

Doch das ficht Russlands Außenminister Sergej Lawrow nicht an. Auf der Jahrespressekonferenz des Außenministeriums erhob er am Dienstag schwere Vorwürfe gegen Deutschland. Ausführlich ging er auf den Fall der 13-jährigen Lisa F. ein. Obwohldie russische Horrordarstellung sich weitestgehend als ein Produkt der Fantasie erwies, hielt Lawrow den deutschen Behörden vor, „die Wirklichkeit aus innenpolitischen Beweggründen politisch korrekt zu übertünchen“. Die 13-Jährige sei „sicher nicht 30 Stunden freiwillig verschwunden gewesen“, sagte der Außenminister. Berlin müsse dafür sorgen, „dass sich solche Fälle wie mit unserer Lisa nicht wiederholen“.

Auch Moskaus staatliche TV-Sender verbreiten weiterhin die Falschmeldung, die ein russischer Korrespondent einer rechtslastigen Website aus der russlanddeutschen Szene entnommen hatte. Am Samstag widmete Russlands Erster Kanal fünf Minuten der Hauptnachrichtensendung einer Demonstration vor dem Bundeskanzleramt. Dort protestierten rund 700 vor allem russischsprachige Bürger gegen vermeintliche sexuelle Gewalt aus Migrantenkreisen. Der russische TV-Bericht wiederholte die alte Version. Die Proteste belegen, dass auch bei früheren Integrationsbemühungen viele Fehler begangen wurden. Die russischsprachige Diaspora ist gegen Infiltration von deutscher Seite immun. Die etwa 2,3 Millionen Menschen beziehen ihr Wissen vornehmlich aus russischen Quellen. Und so mancher Beitrag dort wirkt, als sollte eine Pogromstimmung unter den Russlanddeutschen geschürt werden.

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Verbreitung von Falschmeldungen und bewusste Fehlinterpretationen haben unterdessen System. Sie verfolgen nach Ansicht von Russlandkennern das Ziel, Deutschland und die EU zu destabilisieren. Seit zwei Jahren bastelt der Kreml an einer antieuropäischen „Internationale der Reaktion“. So ist es auch kein Zufall, dass sich im Umfeld der Proteste viele Parteigänger von Pegida und Anhänger der NPD tummeln. Sie werden vom Kreml hofiert.

Spätestens seit den Übergriffen von Köln in der Silvesternacht wird Deutschland in russischen Medien als Land kurz vor dem Zusammenbruch dargestellt. „Die Ereignisse von Köln haben die Gesellschaft gespalten“, heißt es beim TV-Sender Rossija24. „Immer weniger Menschen glauben, dass die Migranten keine Gefahr darstellen.“ Bürgerwehren seien an der Tagesordnung.

Die propagandistische Botschaft der vom Kreml gesteuerten Medien: Europa ist schwach, ein unsicherer Ort, überrannt von Fremden. „Entweder die neue Völkerwanderung wird gestoppt, oder Europa muss untergehen“, sagte der nationalistische Politiker Wladimir Schirinowski dem Boulevardblatt Komsomolskaja Prawda. Verglichen damit scheint Russland unter Präsident Wladimir Putin glänzend dazustehen – auch wenn der Rubel abstürzt, die Einkommen sinken und das Land Krieg führt in Syrien und verdeckt in der Ukraine. (SZ-Korr./dpa)