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Donnerstag, 28.12.2017

Der doppelte Duljevic

Er ist Dynamos Bester, hat sich bisher aber entscheiden müssen für Defensive oder Offensive. Das wird sich nun ändern.

Von Tino Meyer

Er hat gut lachen. Haris Duljevic ist der herausragende Spieler in einer durchschnittlichen Dynamo-Hinrunde. Darüber freut sich der Bosnier und noch mehr, dass er nun erst mal nach Hause kann zum Urlaubmachen.
Er hat gut lachen. Haris Duljevic ist der herausragende Spieler in einer durchschnittlichen Dynamo-Hinrunde. Darüber freut sich der Bosnier und noch mehr, dass er nun erst mal nach Hause kann zum Urlaubmachen.

© Juergen Loesel / loesel-photogra

Dresden. Weihnachten? Ist ausgefallen, wie immer. Haris Duljevic ist Moslem und der 24. Dezember für ihn deshalb ein Tag wie jeder andere. Wobei das so nicht ganz stimmt. Die Weihnachtszeit ist in Deutschland bekanntlich eine fußballlose – und bei Dynamo Dresden sogar bis zum 2. Januar trainingsfrei. Endlich Gelegenheit also, um zu Hause in Sarajevo zu sein.

Duljevic hat diese freien Tage tatsächlich herbeigesehnt. „Ich freue mich wirklich sehr“, sagt der 24-Jährige, der – anders als mancher Mitspieler – auch nicht noch anderweitig verreist. Es ist abgesehen vom kurzen Abstecher im Oktober schließlich sein erster Heimaturlaub, und den will er intensiv nutzen zum Erholen bei Familie, Freundin und Freunden.

Das mag langweilig klingen. Doch zum einen gibt es rund um den Jahreswechsel auch in Bosniens Hauptstadt genug zu erleben, erst recht für einen der gefragtesten Fußballer des Landes, zum anderen benötigt Duljevic dringend diese Art von Winterpause. Zu aufregend sind die vergangenen Monate gewesen, anstrengend die vielen Veränderungen und herausfordernd das, was sich der offensive Mittelfeldspieler fürs neue Jahr vorgenommen hat.

Von dem Brauch der guten Vorsätze hat er schon gehört, und bei ihm ist die Sache einfach wie kompliziert. „Mein Ziel ist, mit Dynamo in der ersten Liga zu spielen“, wiederholt Duljevic das, was er bereits bei seiner Vorstellung im August gesagt hat. Oder besser: von Dynamos Torwarttrainer Branislav Arsenovic übersetzen lässt.

Eingelebt hat sich Duljevic in Dresden schneller als erwartet, wie er meint. An der Sprachmisere hat sich jedoch nichts geändert, und das ist unter anderem auch der Grund für Duljevics Freude auf die Zeit Zuhause. Denn nur wer mal längere Ausland lebt, wird verstehen können, wie anstrengend es ist, wenig bis nichts zu verstehen. „Die Sprache ist schwierig, doch im Spiel komme ich irgendwie klar“, sagt er. Einige Fachbegriffe hat der junge Mann inzwischen drauf, die zwei Deutschstunden pro Woche zahlen sich aus.

Für eine richtige Unterhaltung reicht es allerdings noch nicht, was nicht zuletzt mit Duljevics Zurückhaltung zu tun hat. Offensiv auf andere Menschen zugehen, einfach loslegen – das klappt nur auf dem Rasen, dort aber herausragend gut.

Der Neuzugang, den Sportdirektor Ralf Minge lange auf dem Zettel hatte und nach zähen Verhandlungen mit einem Drei-Jahres-Vertrag ausstatten konnte, ist Dynamos Bester in der Hinrunde – und das mit Abstand. Öfters wird der Begriff Unterschiedspieler verwendet, bei Duljevic trifft es zu.

Uwe Neuhaus, der sich mit der Einzelkritik ansonsten deutlich zurückhält, kürt ihn gar zum Spieler der Hinrunde, wenn auch etwas verklausuliert. „Wenn ich jetzt einen heraushebe, würde ich anderen vielleicht Unrecht tun“, sagt der Trainer, und nennt dann doch: „Haris Duljevic.“ Seine Begründung: „Ich finde schon, dass er mit seiner Spielweise, mit seinem Zug zum Tor der Mannschaft deutlich hilft.“ Und auch in Sarajevo sind sie wahnsinnig stolz auf ihn. „Ohne die Unterstützung meiner Familie hätte ich es nie bis hierhin geschafft“, sagt Duljevic über die erste Auslandsstation, die in Bosnien genau verfolgt wird. Pay-TV macht’s möglich.

Der für alle sichtbare Höhepunkt ist der Treffer beim 3:1-Erfolg in Düsseldorf, wo er nach einem für ihn typischen Sololauf genau Maß nimmt und den Ball im rechten oberen Torwinkel versenkt. Das bringt ihm die Nominierung für das „Tor des Monats“ der ARD-Sportschau ein. Und auch wenn es in der Abstimmung nur zum vierten Platz reicht, für Duljevic ist es so etwas wie ein endgültiger Durchbruch, die perfekte Verbindung von unwiderstehlichem Tempodribbling und gefährlichem Torschuss.

Duljevic grinst – und hält dagegen, in den bisherigen Spielen längst nicht seine Bestform erreicht zu haben. „Ich bin nie zufrieden, und ich weiß, dass ich noch mehr kann. Ich will den nächsten Schritt in meiner Entwicklung machen“, sagt er. Die Tonlage und seine weit aufgerissenen Augen machen deutlich, wie ernst es Duljevic mit seiner Ansage meint.

Die größte Umstellung für den Unterschiedspieler ist bei diesem Vorhaben, dass er nicht mehr nur offensiv aktiv sein kann. Was in Bosnien, wo er sich bei FK Sarajevo von der Nachwuchshoffnung bis zum Nationalspieler entwickelte, oft genügt hat für den Unterschied, ist nun viel zu wenig. Er muss auch defensiv arbeiten. Nur, gesteht Duljevic, reicht die Luft dann nicht mehr für offensive Akzente. „Das geht nur, wenn ich topfit bin und über zehn Kilometer pro Spiel laufen kann“, erklärt er. Konsequenz: Bei 16 Einsätzen hat ihn der Trainer bislang zehnmal ausgewechselt.

Das darf, das soll sich nun ebenfalls ändern, wenn er anders als im Sommer die gesamte Vorbereitung mit der Mannschaft absolviert. Top motiviert ist Duljevic jedenfalls, verspricht er. Denn der nächste Heimaturlaub kommt bestimmt.

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