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Donnerstag, 20.04.2017

„Der DDR-Sport war nicht kriminell“

Um die Nominierung des Radsportidols Gustav-Adolf Schur für die Hall of Fame des deutschen Sports gibt es Diskussion. Jetzt meldet sich der 86-Jährige zu Wort - und verharmlost die DDR-Doping-Geschichte.

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Der ehemalige Radsportler Gustav-Adolf „Täve“ Schur soll in die Ruhmeshalle des deutschen Sports aufgenommen werden.
Der ehemalige Radsportler Gustav-Adolf „Täve“ Schur soll in die Ruhmeshalle des deutschen Sports aufgenommen werden.

© dpa

Er verklärt den DDR-Sport, verharmlost die Doping-Geschichte und verhöhnt damit die Opfer. So lauten zumindest viele der Reaktionen. Radsport-Idol Gustav-Adolf Schur hat mit einem Interview für Entsetzen gesorgt. Die ohnehin schon hitzige Diskussion über die Nominierung von Täve für die Hall of Fame des deutschen Sports erreichte umgehend neue Dimensionen.

Die Stiftung Deutsche Sporthilfe, einer der drei Träger der virtuellen Ruhmeshalle, distanzierte sich von Schur. Ein Rückzug der Nominierung blieb jedoch aus – auch weil der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), von dem die erneute Nominierung des DDR-Vorzeigesportlers ausging, auffallend zurückhaltend reagierte.

„Der DDR-Sport war nicht kriminell, sondern vorzüglich aufgebaut: Der Aufbau der sportlichen Gesundheit der Bevölkerung aus den Kindergärten heraus über den Schulsport bis hin zu den Leistungssporteinrichtungen war einmalig“, hatte Schur der Zeitung Neues Deutschland gesagt. Der Sport in der DDR sei „gut“ gewesen, so der 86-Jährige – weil er „beispielhaft den Aufbau der Gesundheit vorantrieb und dabei auch noch international erfolgreich war“. Er kenne „diese Berichte“ über Minderjährigendoping in der DDR, ergänzte Schur, ging aber nicht weiter darauf ein.

Die Frage sei, „was wir denn noch vom Westdoping in Erfahrung bringen können“, entgegnete er und meinte: „Nur soviel: Wir hatten in der DDR keine Dopingtoten, anders als im Westen.“ Er erwähnte in diesem Zusammenhang den Tod der Leichtathletin Birgit Dressel vor 30 Jahren. Die Kritik an seiner Nominierung für die Hall of Fame bezeichnete Schur als „gezielte Provokation“.

Ines Geipel, Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe, protestiert vehement gegen die Aufnahme vor allem von Schur, mit der man „die Ehrenhalle implodieren“ lassen würde. „Es beschädigt die Fair-Play-Sportler, die schon drin sind“, sagte sie und reagierte auf das Interview mit Empörung. „Schur blendet historische Wahrheiten nicht einfach aus, sondern lügt besseren Wissens. Das hat was Scheußliches, ist aber seit langem bekannt. Seine Nominierung für die Hall of Fame ist mehr denn je untragbar“, betonte Geipel.

Hall-of-Fame-Mitglied Henner Misersky, der als Skilanglauftrainer in der DDR Dopinggaben verweigert hat, warnte, dass der deutsche Sport mit diesen Auszeichnungen „seine Lebenslüge“ weiter zementiere.

Schur, unter anderem Weltmeister von 1958 und 1959 sowie von 1958 bis 1990 Abgeordneter der DDR-Volkskammer, kultiviert laut Misersky bis heute seine Treue zum Unrechtsstaat DDR. Die einstige Weitspringerin und ebenfalls nominierte Heike Drechsler, Olympiasiegerin 1992 und 2000, sei durch Doping sowie Stasi-Mitarbeit disqualifiziert, meinte Misersky.

Schwierig, etwas zu hinterfragen

Drechsler wies die Vorwürfe stets zurück. „Mit zwölf Jahren wohnte man im Internat, hatte seine Sportmedizin vor Ort, ging da zum Arzt. Da dachtest du ja, es ist alles richtig. Wenn man mit einer rosaroten Brille erzogen wurde und sah nichts anderes rechts und links, war es natürlich schwierig, etwas kritisch zu hinterfragen“, sagte sie vergangenen Oktober in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung.

Sporthilfe-Chef Michael Ilgner meinte, dass zu den Sporthilfe-Werten Leistung, Fair Play, Miteinander das Bestreben gehöre, „Brücken zu bauen, dabei aber auch notwendige Kontroversen auszuhalten“. Schurs jüngste Aussagen „passen jedoch nicht zu unserem Werte-Leitbild“.

In diesem Punkt äußerte sich der DOSB nahezu wortgleich, verzichtete auf dem sportpolitischen Minenfeld aber auf Kritik. „Eine Hall of Fame ist eine besondere Herausforderung und muss auch Widersprüchlichkeiten wie gesellschaftliche Brüche aushalten. Dadurch trägt sie zur Diskussion über kritische Themen im Sport bei“, heißt es in einer Erklärung. Angeblich hat der Dachverband Schur auf Druck zahlreicher ostdeutscher Mitglieder nominiert. Bereits 2011 gehörte Schur zu den Anwärtern auf die Hall of Fame, wurde aber von der Jury-Mehrheit abgelehnt.

Gut möglich, dass dies nun wieder passiert. Derzeit sind insgesamt 93 Juroren stimmberechtigt, darunter die noch lebenden Mitglieder der Ruhmeshalle. Für eine Aufnahme muss mindestens die Hälfte der abstimmenden Mitglieder mit „Ja“ stimmen. Die Wahl läuft bereits, einen konkreten Stichtag für das Ende gibt es derzeit nicht. (sid, mit SZ, dpa)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 11 Kommentare

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  1. uwe

    Wie so oft werden bei solch einem Thema alle Dinge in den Ring geworfen. Thema Sport in der DDR. Als 76 geborener kann ich zum Glück beide Schulsportsysteme direkt vergleichen. Keine Frage die Wende kam für meine Generation genau zum richtigen Zeitpunkt. Auch im Sport wurde gewendet. Weg von strukturierter und fundierter Sporterziehung mit Leistungsanspruch, hin zu reinem Zeitvertreib bei dem es ausreicht den Ball aufheben zu können. Ich profitiere heute noch von dem Sport der DDR. Thema Kritiker: Was haben bei einer Aussage zum Sportsystem im Allgemeinen, die Repressalien für 1% der Bevölkerung für einen Zusammenhang? Das ist genau so, wie wenn ich sage, der sportliche Erfolg von Schalke 04 ist gepflastert mit unzähligen Opfern für die Öl-und Gasversorgung der Bundesrepublik. Interessiert das jemanden? Und was das Doping anbelangt. Wir von drüben wurden jahrelang am Nasenring durch die Arena geführt. Ist es schlimm nun auch mal auf die in den Businessseats zu zeigen?

  2. Müller

    Ja genau, in der DDR wurde weder gedopt, noch gab es die Stasi, die Mauer und politische Gefangene. Und die Erde ist eine Scheibe...

  3. Ali B.

    @2 Wenn uns einer so blöde kommt dann: in der DDR wurde nicht gedopt, es gab keine Staatssicherheit, es gab keine Mauer und es gab erst recht keine politischen Gefangen. Allerdings ist die Erde doch kein Scheibe.

  4. Fritz

    Dann dürfen aber die Westsportler auch nicht aufgenommen werden..........

  5. Berg

    G.-A. Schur ist nun schon das 27. Jahr nach der Wende der bekanntste und beliebteste Radsportler Ostdeutschlands geblieben - ganz und gar ohne in einer Ruhmeshalle aufgenommen zu sein. Meint Ihr nicht, dass das auch zukünftig so bleibt?

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