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Freitag, 10.10.2014

Der Daten-Tüftler

Paul Balzer hat einmal Fahrzeugtechnik studiert. Jetzt erforscht er, wie Städte autofrei werden können.

Von Eva Weber

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Immerhin sitzt er beim stundenlangen Programmieren auch mal im Grünen. An den Gießcomputer in seinem Schrebergarten will Paul Balzer als nächstes ran.
Immerhin sitzt er beim stundenlangen Programmieren auch mal im Grünen. An den Gießcomputer in seinem Schrebergarten will Paul Balzer als nächstes ran.

© Thomas Schlorke

  • Immerhin sitzt er beim stundenlangen Programmieren auch mal im Grünen. An den Gießcomputer in seinem Schrebergarten will Paul Balzer als nächstes ran.
    Immerhin sitzt er beim stundenlangen Programmieren auch mal im Grünen. An den Gießcomputer in seinem Schrebergarten will Paul Balzer als nächstes ran.

Paul Balzer schwärmt von Daten. Wenn er darüber spricht, klingt das nach einem wertvollen Schatz, den es nur noch zu heben gilt. Und so sieht er es auch.

Die Leidenschaft des 32-jährigen Dresdners ist die Visualisierung dieser Daten, also das Sichtbarmachen von Fakten, die sich hinter Zahlen verstecken. ÖPNV-Fahrzeit-Heatmap, so nennt er seine neueste Idee. Das Prinzip einer Heatmap funktioniert wie ein Wärmebild, die Skala der Temperaturen – oder eben anderer Daten – wird nach Farben geordnet. Was sich hinter dem sperrigen Namen von Paul Balzers Heatmap verbirgt: Die Karte erleichtert das Leben, indem sie verrät, wie viel Zeit man mit Bus und Bahn von A nach B braucht.

Doch wozu ist das gut? „Zum Beispiel für die Suche nach dem am besten angebundenen Hotel in einer Stadt“, sagt Paul Balzer. „Oder nach dem Baugrundstück, von dem aus man am wenigsten Zeit zur Arbeit braucht.“ Letzten Endes, fährt er fort, seien solche Karten dafür da, unsere Städte zu verändern. „Städte sind für Menschen da – nicht für Autos.“

Die Zeit zurückgewinnen

Es ist erstaunlich, dass diese Sätze ein studierter Fahrzeugtechniker spricht, der zurzeit zur Fahrzeugumfeldsensorik promoviert. „Ich fahre sehr gerne mit dem Auto. Aber das kostet, und zwar vor allem im täglichen Berufsverkehr, Zeit.“ Die möchte er zurückerobern, für sich und für andere.

Als Paul Balzer vor einigen Jahren zum Studium von Cottbus nach Dresden zog, kaufte er sich eine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel und war bald enttäuscht. „Das könnte alles besser sein“, dachte er sich, als er nach einem Besuch bei Freunden nachts irgendwo im Verkehrsnetz-Nirgendwo gestrandet ist. Der Gedanke bleibt jedoch nur kurz – bis er 2013 plötzlich zurückkehrt. In dem Jahr erscheint der sogenannte Prognos Zukunftsatlas, der regelmäßig die Zukunftschancen aller Städte und Kreise in Deutschland analysiert und vergleicht. Darin steht schwarz auf weiß: In Sachen Innovation liegt Balzers Heimatstadt Cottbus deutschlandweit auf Platz 402 – von 402 teilnehmenden Städten. „Ganz ehrlich: Da war ich irgendwie in meinem Stolz gekränkt“, erinnert sich der 32-Jährige heute. Damals nahm er sich vor, diese Nuss zu knacken. Und die Nuss heißt: mehr Innovation für Cottbus.

Gerade hat sich der Vater einer Tocher die Programmiersprache Python beigebracht, und er ist „heiß darauf, sie auszuprobieren“. Die Inspiration kommt, als er im Internet ein Video über Singapur sieht – und begeistert davon ist, wie dort Daten visualisiert werden, beispielsweise über freie Taxen. Was wäre, wenn man das mit den Daten von Bus und Bahn machen würde? Balzer recherchiert. Und siehe da: Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg hat seit 2013 seine Daten maschinenlesbar freigegeben. Paul Balzers Ehrgeiz ist geweckt.

Tagelang sitzt er neben seiner Freundin auf dem Sofa und programmiert. „Als es endlich geklappt hat, war das Freude pur.“ An seinen Feierabenden hat der Fahrzeugtechniker so mal eben eine Heatmap für Cottbus entworfen. Die zeigt auf einen Blick, wie gut oder schlecht jeder Ort mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Je blauer, desto kürzer ist die Reise; je roter, desto länger.

Er probiert dasselbe für andere Städte aus und stellt fest: Im Hinblick auf die Erreichbarkeit verschiedener Regionen kommt es nicht auf die Größe einer Stadt an, sondern ausschließlich auf die Qualität des Verkehrsnetzes. Für Dresden und Umgebung fällt etwa sofort auf: Von Heidenau oder Freital aus ist man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln genauso schnell im Dresdner Stadtzentrum wie von so manchem nähergelegenen Stadtteil aus.

Nächstes Projekt: Gießcomputer

Bei seiner Entwicklung geht es Paul Balzer nicht um Geld, sondern um seine Vision: dass Städte endlich autofreie Zonen werden, und dass seine Idee dafür einen wichtigen Grundstein legt. Momentan allerdings wartet er. Wenn in den kommenden Jahren in Sachsen Fahrplandaten freigegeben werden, will er in Dresden den nächsten Versuch starten, Menschen von seiner Idee zu überzeugen. Und davon, dass diese Idee in ihrem Sinn ist und dem heiß diskutierten Datenschutz nicht entgegensteht.

Denn: Bei „Open Data“ – und damit arbeitet Balzers Idee – geht es ausschließlich um Daten, die ohnehin schon öffentlich sind, wie etwa die Fahrzeiten für Bus und Bahn. „Die hängen an jeder Haltestelle aus. Mir geht es nur darum, sie auch maschinenlesbar zu machen, damit ein Computerprogramm damit umgehen kann“, sagt er. „Offene Daten schaffen neue Dienstleistungen und neue Märkte.“

Bis es so weit ist, widmet er sich dem Gießcomputer in seinem Striesener Schrebergarten. Er will ihn mit dem Online-Wetterbericht verbinden, damit er nur noch gießt, wenn es auch wirklich nötig ist. Paul Balzer strahlt. Daten, die das Leben vereinfachen, kann er nur gut finden.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 11 Kommentare

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  1. Lars

    Der Rest von Singapur läßt sich aber auch auf Dresden übertragen wie beispielsweise die Größe,die kontrastreiche moderne Architektur mit unterschiedlichsten Haustypen und die vielen,vielen bunten Hochhäuser inmitten dieser bunten,quirligen,facettenreichen und lebendigen,urbanen,hochverdichteten und vor allem leuchtenden Stadt voller fröhlicher und freundlicher Menschen. Singapur ist ein Beispiel für Dresdens Planung für die Zukunft im Jahr 2030 und darüber hinaus. Auch nach Moskau,Sankt Petersburg oder Nowosibirsk im ferneren Osten sollte Dresden blicken,denn dort sieht man anschaulich wie Städte sich weiterentwickeln und die Post abgeht. Dresden muß raus aus seinem selbstverordneten Dornröschen-Dasein. Dresden hat das Zeug zu einer der LEUCHTENDEN modernsten Städte in Europa und auf der Welt,zu einem der bedeutendsten LEUCHTENDEN Touristischen Magnete auf dem Planeten als "New Dresden City":Autofrei versteht sich und mit modernstem ÖPNV.Als Motor für die ganze Region !

  2. Didi

    Meine Meinung hier im Forum mag zwar extrem unpopulär sein, aber ich brauche keine Heatmap um zu wissen, dass man mit dem ÖPNV von A nach B meistens (deutlich) länger als mit dem Auto braucht. Und wie er darauf kommt, dass der tägliche Berufsverkehr Zeit kostet? Ich kann zwar nur von mir sprechen, aber mit ÖPNV brauche ich für meinen Arbeitsweg doppelt so lange (und nein, ich will nicht nach Dresden ziehen), als mit dem Auto. Wenn ich an einen Kollegen denke und wo der wohnt, der würde mit ÖPNV vermutlich drei bis vier mal so lange brauchen als mit dem Auto. Das mann aus Freital mit der Bahn (Fahrzeit ca. 8 - 15 Minnute je nach Zustieg in Freital) schneller im Zentrum ist, als mit dem Auto, kann ich im Prinzip bestätigen, wenn man nur die Fahrzeit bis Hauptbahnhof annimmt, aber alles, was darüber hinausgeht, kann man im Prinzip vergessen. Besonders ätzend dabei finde ich, dass die Linie A nur noch aller 15 Min. fährt anstatt aller 10 Min. wie früher. Zwar nur 5 Min mehr, aber trotzde

  3. Didi

    Ergänzen muss ich auch noch, dass man es von der Centrum Galerie nach Freital-Hainsberg auch nur dann in unter 30 Minuten schafft, wenn man die S3 nicht verpasst und die Straßenbahn recht knapp nimmt. Sonst muss man nämlich wieder 30 Minuten warten. Oder man fährt dann mit der 7 bis Tharandter und von da mit der A (die ja nur noch aller 15 Minuten verkehrt und wie oft habe ich aus der 7 die A schon wegfahren sehen..). Zur Rushhour mag die S3 ja in so einem merkwürdigen Pseudo-15-Minutentakt verkehren, aber die paar Extrafahrten kann man bei der Betrachtung im Prinzip vernachlässigen. Außerdem frage ich mich jedesmal, warum die Züge der S3, die dann als RB nach Chemnitz und Zwickau weiterverkehren, nur mit zwei Wagen fahren...

  4. Didi

    Erst mal noch ein dritter Beitrag von mir: Was ich mal vorschlagen würde bzw. gut finden würde, wäre die Einrichtung eines Eilbusses im Dresdner Stadtgebiet der z. B. sternförmig vom Hauptbahnhof nach Norden (z. B. Flughafen), Süden, Westen (z. B. Radebeul) und Osten (z. B. Heidenau/Pirna) fährt und dabei nicht an jeder Haltestelle anhält. Der Bus nach Norden könnte als Beispiel am Hbf starten und dann am Albertplatz halten, Stauffenbergalle, bei Infineon und am Flughafen.

  5. Juliane

    Würde ich das Auto stehen lassen, würde sich meine Fahrzeit auf Arbeit mehr als verdoppeln. Wo ich jetzt 35 min. von Haustür zu Haustür brauche, bräuchte ich mit ÖPNV 50 min. länger. Das wären am Tag 1 Stunde 40 Minuten mehr Zeitaufwand, Stau, Unfälle usw. nicht eingerechnet, ebenso wenig Verspätungen am Morgen / Zustätkommen auf Arbeit, Verspätungen zum Feierabend / sinnlose Warterei bei jeglichem Wetter. Da wo ich arbeite, fährt zudem nur einmal stündlich ein Bus. Wo mir das nun mehr Zeit wiedergeben soll, das müsste Paule mir mal erklären. Vielleicht aber macht er seine Studie für den kleinen Prozentsatz Menschen, die lediglich von Mickten nach Trachenberge oder von Striesen zum Straßenburger Platz pendeln.

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