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Freitag, 21.04.2017

Der Bilder-Umbrecher

Die malende Unruh des Radebeulers Dieter Beirich ist jetzt einem tiefen Frieden gewichen.

Von Peter Anderson

Der Maler Dieter Beirich ist am Ostersonntag verstorben.
Der Maler Dieter Beirich ist am Ostersonntag verstorben.

© privat

Radebeul. „Nun treten eines schönen Sonnabends ein junger, dünner Mann und seine noch dünnere Frau, seit Kurzem erst ein angetrautes Paar, in den alten Gastraum.“ So schildert der Maler Dieter Beirich in einem Beitrag für das „Zündblättchen – Überelbische Bläter für Kunst und Literatur“ seinen ersten Besuch im Oberlößnitzer Gasthaus „Zum Russen“ vor knapp 60 Jahren. Es ist der Anfang von Beirichs Jahren in Radebeul, dem er als Lebens- und Malerheimat bis zum Ende treu bleiben wird. Und so lässt es sich als Fügung verstehen, dass die Glocken der Friedenskirche und Lutherkirche am Ostersonntag dem Maler Beirich frühmorgens noch einen Abschiedsgruß schlugen, bevor er mit 82 Jahren von der Erde gewandert ist.

Doch zurück zum Anfang im „Russen“ nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Sieger hatten eine neue Gesellschaftsordnung mitgebracht. Der Dekorationsmalergeselle aus der Sächsischen Schweiz durfte zum Künstler werden. In der alten Ordnung wäre dies nicht so einfach möglich gewesen. „Interessant wird die Zeit nach dem Krieg dadurch, dass am direkten Beispiel eines Menschen sichtbar wird, wie alles gekommen ist. Wie der kindlich-naive Glaube an die neue Ordnung scheinbar geholfen hat, die Kriegsangst zu überwinden. Aber auch, wo die subjektiven Wurzeln für eine fatale ,Weltgläubigkeit‘ ihren Ursprung haben könnten.“ So wird es Dieter Beirich später einmal in einem SZ-Interview sagen.

Als die schlimmste Not der Nachkriegszeit überwunden ist, kommen Jahre, in denen es privat und beruflich vorwärts geht. Keine einfachen Jahre, das Geld bleibt knapp. Nach der Heirat mit Frau Margot erblicken nach und nach drei Kinder das Licht der Welt. Es wird studiert, probiert und schließlich ein Platz als Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Dresden gefunden. Und natürlich wird gelebt. Kaum ein Wochenende vergeht, in dem es nicht in die Sächsische Schweiz geht, durch die bizarre Sandsteinwelt und manchmal auch kletternd auf einen der Felsen hinauf. Es wird gekocht mit dem, was es so gibt, und öfters auch zu einem Frühschoppen bei einem Freund vom Theater eingekehrt. Das dünne Männlein gewinnt an Fülle.

Als Maler entwickelt Dieter Bereich seinen ganz eigenen Stil. Leicht macht er es sich nie. Blumensträuße malt er, Menschen malt er, Häuser malt er, vor allem aber Landschaften, immer wieder Landschaften. Auch wenn diese zumeist so wie auf der Leinwand nicht wirklich existieren. Den Anfang bildet bei Beirich die Skizze draußen in der Natur. Es entsteht ein erster Eindruck, schon verändert durch die Laune, die momentane Stimmung des Skizzierenden. „Meine Skizzen sind eher wie Steno, das bloß ich selbst lesen kann“, erklärt der Maler.

Zuhause geht es an die Staffelei. Völlig unentschlossen, ohne Ziel tritt er dem leeren Raum gegenüber. Bis eine der Skizzen schließlich den nötigen Anlass gibt. Dann wachsen sie aus dem Untergrund empor: hohe alte Bäume, noch höhere und noch ältere Berge. Die Farbe wird in Mischtechnik aufgespachtelt und abgetragen, immer wieder von Neuem. Arbeit ist das, Handwerk ist das. Der gelernte Beruf des Anstreichers macht sich bemerkbar, nur umgekehrt. Das Material muss nicht geglättet, sondern zu einem Bild förmlich auf- und umgebrochen werden.

Vielleicht wirkt dabei auch immer die erste Erfahrung mit der großen Kunst nach, als ein wohlwollender Lehrer seine Schüler mit dem heranwachsenden Dieter bei einem Klassenausflug vor zwei Blumenstillleben von Lovis Corinth schleppte. „Ganz dick gemalt mit viel Farbe. Und es lässt ihn nicht in Ruhe ... Da hat ihn schon mal die außerordentliche Unruhe gepackt“, heißt es in seiner autobiografischen Schrift „Eines Malers Erzählungen“. Nun hat Dieter Beirich selbst zur Ruhe gefunden, doch wird sein unruhiger Geist nachwirken und anregen, an Wänden von Stuben, Studierzimmern und Veranden, manchmal nahe und manchmal weiter entfernt gelegen vom früheren Gasthaus „Zum Russen“ in der Oberlößnitz.