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Mittwoch, 13.09.2017

Der Aussteiger

18 Jahren saß Falk Neubert im Sächsischen Landtag. Politiker zu sein, war für ihn ein Privileg. Das hat er nun, vorerst, aufgegeben.

Orte der Begegnung, wie sie der Verein Treibhaus in Döbeln mit dem Café Courage geschaffen hat, seien enorm wichtig. Trotzdem gebe es davon noch zu wenige, sagt Falk Neubert, Direktkandidat der Linken für die Bundestagswahl.
Orte der Begegnung, wie sie der Verein Treibhaus in Döbeln mit dem Café Courage geschaffen hat, seien enorm wichtig. Trotzdem gebe es davon noch zu wenige, sagt Falk Neubert, Direktkandidat der Linken für die Bundestagswahl.

© André Braun

Döbeln. Mit Turnschuhen und Kapuzenpulli zog Falk Neubert 1999 in den Sächsischen Landtag ein. Eine junger, politischer Durchstarter. Denn zu dem Zeitpunkt war der gebürtige Dresdener gerade einmal 25 Jahre jung. Gemeinsam mit Katja Kipping, die heute neben Bernd Riexinger Vorsitzende der Partei Die Linke ist und seit 2005 im Bundestag sitzt, legte Neubert damals los. „Wir waren die jüngsten Abgeordneten im Parlament“, sagt Neubert.

Nun ist für den 43-Jährigen, der inzwischen in Mittweida lebt, Schluss mit Landtag. Wie vor einigen Wochen trat er seinen neuen Job im Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie beworben. Als Leiter des Referats für Öffentlichkeitsarbeit und Strategie hat der Direktkandidat der Linken Mittelsachsen für die Bundestagswahl Anfang September beruflich einen Neuanfang gewagt. „Und zwar unabhängig von der Kandidatur“, betont der gelernte Koch. Denn wollen die Wähler, dass er in den Bundestag einzieht, so werde er das Mandat mit der hohen Verantwortung für die Region auch annehmen.

Der Wechsel aus der Politik in einen Job mit Festanstellung ist für Neubert nichts Ungewöhnliches. „Das Mandat war mir sehr, sehr wichtig. Ich war 18 Jahre lang Mitglied im Landtag. Das ist eine lange Zeit“, schildert der Politiker. Es sei nie sein Ziel gewesen, das Amt bis zur Rente auszuüben. „Ich bin jetzt Anfang 40 und würde beruflich gern einen Schritt weiter gehen“, begründet er seine Entscheidung.

Seine politischen Anfänge liegen noch vor der Wendezeit. Er war Mitglied in der Freien Deutschen Jugend (FDJ). „Schon zu der Zeit habe ich für die Interessen der Leute und für meine Werte gekämpft“, sagt Neubert. Das sei sein Grundmotiv bis heute. Nach der Wende wurde Neubert Klassensprecher. 1994 trat er in die damalige PDS ein. Dass er sich politisch eher links einordnet, habe auch familiäre Gründe. So seien seine Eltern politisch interessiert gewesen. Die beiden Urgroßväter gehörten der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an. „Sie wurden 1933 verhaftet und kamen in die KZ Hohenstein und Sachsenburg“, erzählt Neubert. Das habe die Familiengeschichte geprägt. Sie hoffte auf ein besseres Leben in der DDR. Doch diese brachte das nur bedingt mit sich, macht Neubert deutlich. „Eine Gesellschaft unter Abwesenheit demokratischer Grundfreiheiten ist keine freie Gesellschaft“, fasst er seine Meinung über den sozialistischen Staat zusammen.

Wie kleinkariert die DDR-Führung gewesen sei, sei ihm vor allem im November 1988 klar geworden, als die SED die sowjetische Zeitschrift Sputnik verbieten ließ. „Ich war damals in der achten Klasse. Das Verbot wurde stark kritisiert, hat die Gesellschaft aus den Fugen gehoben“, blickt Neubert zurück. Massive Repressionen habe er am eigenen Leib zu DDR-Zeiten nicht erfahren. Für Neubert ist heute Freiheit und Sozialismus untrennbar miteinander verbunden.

Die Wende selbst war für Neubert nicht nur politisch und gesellschaftlich eine aufwühlende Zeit. In sie fällt auch das Ende seiner Schulzeit an der Polytechnischen Oberschule in Dresden. Er entschied sich dafür, zunächst Koch zu lernen. „Die Gastronomie war damals ein attraktives Feld. Essen wollte schließlich jeder gern“, begründet er den Berufswunsch. In Dresden habe er die Chance gehabt, den Facharbeiter mit Abitur abzulegen. Doch die Perspektive, dass diese Ausbildungsform aufgrund der unsicheren Lage im Land auch bis zum Abschluss aufrechterhalten bleibt, war unklar. Daher ging Neubert für eine Ausbildung ohne Abitur in den Schwarzwald. „Die drei Jahre dort waren eine totale Bereicherung sowie eine gute und harte Schule fürs Leben“, so Neubert. In der Küche habe mitunter ein rauer Ton geherrscht, vor allem, wenn um die Mittagszeit etwa 100 Essen zugleich fertig sein mussten. Dass er einmal Koch gelernt hat, nutzt er auch heute noch im Wahlkampf. Mit selbst gekochtem Essen und Schürze lockt er Wähler an seine Stände. Nach drei Jahren kehrte Neubert nach Dresden zurück, um am beruflichen Gymnasium für Gastgewerbe sein Abitur nachzuholen.

Dann begann er, sich auch beruflich mit Politik zu beschäftigen. Erste Schritte ging er dabei mit Heiko Hilker, dem damaligen Landtagsabgeordneten der Linken aus der Region Döbeln. Durch ihn kannte er die Arbeit im Landtag bereits, als er 1999 dorthin wechselte. Selbst Abgeordneter zu sein, sei noch einmal etwas ganz anderes gewesen, schildert er. „Es ist ein großes Privileg, sich als Politiker für die Werte der Partei einsetzen zu dürfen und dafür auch noch bezahlt zu werden“, meint der ehemalige Landtagsabgeordnete.

Etwa zwei Jahre blieb Neubert als Landtagsabgeordneter seinem legeren Kleidungsstil treu. „Ich wollte authentisch sein mit den Dingen, die ich anziehe“, begründet er. Dann legte er sich doch ein Jackett zu. Als Kandidat für die Landratswahlen im ehemaligen Weißeritzkreis 2001 sei er es leid gewesen, bei jedem Termin erst eine halbe Stunde seine Kompetenz unter Beweis zu stellen. Allein das Jackett habe dies geändert. Inzwischen trägt auch Neubert Anzug. Aber: „Ich verkleide mich damit nicht. Das ist für mich jetzt authentisch.“ Zum Landrat reichten die Stimmen nicht. „Mit 27 war ich eigentlich auch zu jung dafür“, gibt Neubert zu. Trotzdem versuchte er es 2008 erneut. „Ich erhielt 20 Prozent der Stimmen. Damit war ich absolut zufrieden“, so der Politiker, der vier Jahre lang im Kreistag des Weißeritzkreises saß.

Sechs Fragen an: Falk Neubert (Die Linke)

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Was wollten Sie einmal werden, als Sie noch ein Kind waren?

Das kann ich nicht sagen. Entweder ist es schon zu lange her, oder es hat keinen Traumberuf gegeben. Auf den Beruf des Kochs habe ich mich gefreut.

Wer ist Ihr größtes Vorbild?

Auch damit tue ich mich schwer. Das ist mir zu reduziert. Und birgt immer die Gefahr, enttäuscht zu werden. Es gibt nicht das eine, dem ich nacheifere. Ich bewerte die Menschen ständig neu, nehme ihre Schwächen und Stärken wahr und bewundere das, was ich gut finde.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich glaube, immer noch sehr stark im politischen Kontext.

Welches sind Ihre drei besten Eigenschaften?

Ich kann gut zuhören. Das ist relativ wichtig, wenn man Politik macht. Die Sorgen und Bedürfnisse der Menschen wahrnehmen und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Ich bleibe an Dingen dran. Ich werbe für einen differenzierten Blick.

Und was sind Ihre drei schlechtesten Eigenschaften?

Das ist mir einfach zu schwarz-weiß, diese Frage.

Wenn Sie sich in einem Satz beschreiben müssten…

... ein kochender Kommunikationswissenschaftler.

Aus politischen Gründen zog Neubert 2009 nach Mittweida. Die Linke hatte nach einem Ersatz für den zweiten Abgeordneten im Landkreis gesucht, der aufgehört hatte. „Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich diese politische Verantwortung übernehme“, gibt Neubert zu. Mit Jana Pinka betreut er nun den Kreis. Seine Region ist Mittweida, sie ist für Freiberg zuständig. Beide kümmern sich um Döbeln.

Drei Jahre später geriet Neubert aufgrund der Aufhebung seiner Immunität in die Schlagzeilen. Grund ist seine Teilnahme an der Blockade einer Nazi-Demo am 11. Februar 2011 in Dresden. Bilder zeigen ihn damals im Schneidersitz neben dem jetzigen Wirtschaftsminister Sachsens Martin Dulig (SPD). Neubert wurde dafür im Mai 2014 vom Amtsgericht Dresden zu einer Geldstrafe von 1 500 Euro verurteilt. „Stellvertretend für die anderen Beteiligten, wir haben uns dort abgesprochen, habe ich dagegen Klage eingereicht“, so Neubert. Das Bundesverfassungsgericht habe diese jedoch zurückgewiesen.

Aktuell hat Neubert mit einigen Mitgliedern der Kreistagsfraktion beim Oberverwaltungsgericht (OVG) ein Normenkontrollverfahren gegen Bestimmungen der Geschäftsordnung des Landratsamtes laufen. Der Hintergrund: Die Linke wollen nicht akzeptieren, dass vor Kreistagssitzungen die Beschlussvorlagen nicht mehr öffentlich diskutiert werden dürfen. Das Verfahren läuft derzeit noch.

Zur Person

1974 Falk Neubert wird am 27. Januar in Dresden geboren. In der Landeshauptstadt wächst er auch auf.

1990 Mit 16 macht er seinen Abschluss an der polytechnischen Oberschule „Hans Grundig“ in Dresden.

1993 Drei Jahre lang geht Neubert für seine Berufsausbildung zum Koch nach Bad Peterstal-Griesbach in den Schwarzwald.

1996 Nach der Lehre geht er drei Jahre auf das Berufliche Gymnasium in Dresden und macht Abi.

1994 Neubert tritt in die damalige Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) ein, aus der 2007 im Zusammenschluss mit der WASG Die Linke wurde.

1994 bis 1999 Neubert arbeitet bei Heiko Hilker, der bis 2009 für Die Linke aus Döbeln im Sächsischen Landtag saß.

1999 Neubert schafft selbst den Sprung in den Landtag, mit gerade einmal 25 Jahren.

2000 bis 2008 Ein Jahr später entschließt er sich zu einem Magisterstudium in den Fächern Soziologie und Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden.

2001 Neubert will mit 27 Jahren Landrat im Weißeritzkreis werden. Drei Jahre später zieht er in den Kreistag dort ein.

2008 Bei der Landratswahl im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge erreicht er 20 Prozent der Stimmen.

2009 Der einstige Dresdener zieht nach Mittweida.

2016 Die Linke Mittelsachsen wählt Neubert zum Direktkandidaten für die Bundestagswahl.