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Sonntag, 06.03.2016

Der Angst ins Auge sehen

Die Furcht vor der Zahnbehandlung ist eine der häufigsten Ängste überhaupt. Zwei Experten des Dresdner Uniklinikums erklären die Hintergründe und zeigen Wege aus dem Dilemma.

Von Benjamin Jakob

Die meisten Menschen gehen ungern zum Zahnarzt, einige entwickeln jedoch sogar eine ernstzunehmende Angst vor der Behandlung.
Die meisten Menschen gehen ungern zum Zahnarzt, einige entwickeln jedoch sogar eine ernstzunehmende Angst vor der Behandlung.

© DAK/Schläger

Es riecht nach Desinfektionsmittel, grelles Licht blendet die Augen, und der Bohrer pfeift – den meisten Menschen ist ein Zahnarztbesuch unangenehm. Je nach Studie fürchten sich bis zu 79 Prozent der Bevölkerung vor der Behandlung. 15 Prozent der Menschen empfinden sogar mehr: starke Angstzustände. Drei Prozent vermeiden den Zahnarztbesuch gar komplett.

„Angst ist ein natürlicher Gefühlszustand. Er schützt uns vor Gefahren, indem er unsere Aufmerksamkeit steigert und uns auf Flucht oder Kampf vorbereitet“, erklärt Dr. Maria Lenk. Problematischwird es, wenn Menschen

starke Furcht in eigentlichungefährlichen Situationen empfinden und deshalb versuchen, diese zu vermeiden. Dann kann eine krankhafte Angst, eine Phobie, vorliegen. Im Extremfall entwickelt sich die Furcht vor der Zahnbehandlung zu einer behandlungsbedürftigen Erkrankung. Egal, ob es bei einem Unbehagen bleibt oder sich starke Angstgefühle entfalten – Auslöser sind zumeist schlechte Erfahrungen bei einer früheren Behandlung. „Ein Teufelskreis“, sagt Prof. Christian Hannig. „Angstpatienten sehen wir oft erst im Notdienst, wenn die Beschwerden unerträglich geworden sind. Haben sich bereits Entzündungen ausgebildet, können wir nicht mehr in jedem Fall schmerzfrei behandeln.“ Zwangsläufig machen die Patienten erneut negative Erfahrungen. Letzter Ausweg bei solchen Notfällen ist die Zahnsanierung in Narkose. Doch sie löst das Problem des Patienten nicht dauerhaft. Deshalb empfehlen Dr. Lenk und Prof. Hannig, die Narkosesanierung als Neuanfang zu begreifen und eine Angsttherapie zu beginnen.

Schrittweise Annäherung an die gefürchteten Situationen

Auch diejenigen, die immer erst bei Schmerzen eine Praxis aufsuchen, sollten etwas gegen dieses Dilemma unternehmen. Einige Verhaltenstipps können helfen, wieder ohne größeres Unbehagen regelmäßig zum ahnarzt zu gehen. Ausgangspunkt ist ein Phänomen, das Psychotherapeuten bei der Behandlung von Phobien nutzen: „Angst lässt nach, wenn man sich den gefürchteten Situationen wiederholt und längere Zeit aussetzt“, erklärt Dr. Lenk: „Beginnen sollten Betroffene mit Situationen, die ihnen am wenigsten Angst machen. Danach sollten sie sich Stufe für Stufe steigern.“ Um möglichen Schmerzen zuvorzukommen, sollte deshalb rechtzeitig der erste Schritt erfolgen und danach nicht zu viel Zeit bis zum nächsten Termin vergehen.

Zuerst gilt es jedoch, einen Zahnarzt zu finden, dem man sich ohne Scham anvertrauen kann. Hier hilft es, sich in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis umzuhören. Auch Betroffene in Selbsthilfeforen wissen oft Rat. Ist dann ein Termin vereinbart, sollte es nicht gleich ums Ganze gehen: „In der ersten Sitzung ist es ratsam, erst einmal nur das Gebiss zu kontrollieren. Auch eine Zahnreinigung kann ein guter Start sein, um die Patienten langfristig an eine Behandlung mit einer normale Füllungstherapie heranzuführen“, so Prof. Hannig. Steht die erste Behandlung an, empfiehlt Dr. Lenk, sich jeden Schritt erklären zu lassen. „Patienten sollten mit ihrem Zahnarzt Signale vereinbaren, um die Behandlung unterbrechen zu können. Denn es ist wichtig, dass sie die Kontrolle über die Behandlung haben und zu jedem Zeitpunkt wissen, was geschieht.Entscheidend ist auch, sich die Erfolge bewusst zu machen. Ein Tagebuch kann helfen, das Erreichte immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.“

Wenn dann die positive Erinnerung überwiegt, muss auch niemand mehr eine Gänsehaut bekommen, wenn der Bohrer anfängt zu pfeifen.