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Freitag, 10.06.2016

Denkmal für einen Diktator?

Vor fast 60 Jahren besuchte Vietnams Präsident Ho Chi Minh in Moritzburg lebende Kinder seines Landes. Der Gedenkort an dieses Ereignis soll erneuert werden. Das sorgt für Protest.

Von Sven Görner

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Der Botschafter der SR Vietnam Doan Xuan Hung (li.) und der vietnamesische Geschäftsmann Vo Van Long bei ihrem Besuch in Moritzburg an dem nun heftig diskutierten Erinnerungsort.
Der Botschafter der SR Vietnam Doan Xuan Hung (li.) und der vietnamesische Geschäftsmann Vo Van Long bei ihrem Besuch in Moritzburg an dem nun heftig diskutierten Erinnerungsort.

© Anne Hübschmann

  • Der Botschafter der SR Vietnam Doan Xuan Hung (li.) und der vietnamesische Geschäftsmann Vo Van Long bei ihrem Besuch in Moritzburg an dem nun heftig diskutierten Erinnerungsort.
    Der Botschafter der SR Vietnam Doan Xuan Hung (li.) und der vietnamesische Geschäftsmann Vo Van Long bei ihrem Besuch in Moritzburg an dem nun heftig diskutierten Erinnerungsort.
  • Der Erinnerungsort.
    Der Erinnerungsort.

Moritzburg. Die beiden vietnamesischen Geschäftsleute, die sich seit dem vergangenen Jahr um die Reaktivierung des Erinnerungsortes auf dem Gelände des Moritzburger Diakonenhauses bemühen, hatten an alles gedacht. Als Doan Xuan Hung, der Botschafter der Sozialistischen Republik Vietnam, vor drei Wochen Moritzburg besuchte, konnte er nicht nur das sanierte Areal in Augenschein nehmen. Auch Blumen waren zur Stelle, die vor einer an eine Granitsäule gelehnte Fototafel abgelegt werden konnten. Die Reproduktion eines alten Fotos zeigte Ho Chi Minh beim Besuch der vietnamesischen Kinder, die Ende der 1950er-Jahre für vier Jahre in Moritzburg lebten und lernten.

Im Gespräch mit dem Bürgermeister und dem Verwaltungsleiter des Diakonenhauses hatte der in Berlin lebende Geschäftsmann Vo Van Long dann auch den Wunsch geäußert, den Gedenkort nicht nur langfristig zu pachten, sondern auch erweitern zu wollen. Zum Beispiel mit einem Miniatur-Pfahlhaus von Onkel Ho, in dem auch Dokumente vom Aufenthalt der vietnamesischen Kinder in Moritzburg gezeigt werden könnten. Und der Botschafter versprach, dass wenn der Gedenkort verbessert werde, nicht nur die ehemaligen Moritzburger – die sich noch heute so nennen – sondern noch mehr Vietnamesen in die Gemeinde kommen würden.

Dass diese Idee möglicherweise Widerspruch hervorrufen würde, war zu erwarten. Schließlich sind unter den in der Bundesrepublik lebenden Vietnamesen auch viele Flüchtlinge. In einem der Redaktion vorliegenden Brief an die Gemeinde Moritzburg schreibt Dr. Hong-An Duong, Koordinator des Forums Vietnam 21: „Während die Sächsische Zeitung (Auf den Spuren von Onkel Ho, vom 19.05.2016) lediglich vom Wunsch des vietnamesischen Botschafters und des Berliner Geschäftsmannes Vo Van Long berichtete, den Gedenkort für die Moritzburger Kinder aus Vietnam auf dem Gelände des Diakonenhauses in Moritzburg wiederherzustellen und zu erweitern, sprachen die vietnamesische Internetzeitung nguoiviet.de und zahlreiche andere vietnamesische Internetseiten bereits zwei Tage später von dem Projekt Gedenkstätte für Onkel Ho wird in Moritzburg gebaut.“ Dabei sei der Eindruck entstanden, dass die Einrichtung einer Gedenkstätte für Ho Chi Minh in Moritzburg schon eine beschlossene Sache sei.

In dem Brief heißt es weiter: „Der Artikel von nguoiviet.de hat für Irritationen, Aufregung und Ärger unter den Vietnamesen in der Bundesrepublik gesorgt. Insbesondere die ehemaligen vietnamesischen Flüchtlinge protestieren gegen das Vorhaben. Sie haben Protestbriefe und eine Petition an den Bundestagsabgeordneten Andreas Lämmel geschrieben.“ Der Dresdner CDU-Bundestagsabgeordnete hatte nach einem Treffen mit einer Gruppe „Moritzburger“ in Vietnam im April den neuen Botschafter der SR Vietnam zu einem Besuch von Moritzburg eingeladen.

Hong-An Duong schreibt in seinem Brief an den Bürgermeister und den Moritzburger Gemeinderat auch, dass Ho Chi Minh keinesfalls, wie oft behauptet, von der breiten Masse der Vietnamesen verehrt werde. Viele würden ihn für die Millionen von Kriegstoten verantwortlich machen. „Ein uns bekannter ehemaliger Moritzburger Schüler hat seine ablehnende Haltung gegen die Errichtung eines Gedenkortes für Ho Chi Minh bekundet.“ Und weiter: „Wir sehen daher keine berechtigte Veranlassung für ein Denkmal für Ho Chi Minh in Moritzburg. Andererseits halten wir es für vertretbar, wenn in Moritzburg an die ehemaligen SchülerInnen aus Vietnam erinnert wird.“

Kritisch äußert sich auch die Moritzburger AfD-Landtagsabgeordnete Kirsten Muster: „Hier wird offenbar ernsthaft erwogen, einen DDR-Erinnerungsort mit staatlicher Hilfe aus Vietnam geschichtspolitisch einseitig neu aufzubauen. Selbstverständlich ist eine Erinnerung an die in den Fünfziger Jahren aufgenommenen und ausgebildeten vietnamesischen Kinder im Sinne der Völkerverständigung durchaus lobenswert. Das geplante Projekt deutet jedoch auf die Errichtung einer Kultstätte für den Kommunistenführer Ho Chi Minh hin, durch die ein völlig unkritisches Bild eines tatsächlich äußerst umstrittenen Politikers gezeichnet werden könnte.“

Der Vorstand des CDU-Gemeindeverbands formulierte ebenfalls eine Stellungnahme, in der es unter anderem heißt: „Soll ausgerechnet auf dem Gelände einer christlichen Einrichtung ein Diktator gelobt werden und freundlich der sozialistischen vietnamesischen Republik gedacht werden, in der heute christliche Gottesdienste (circa 6,5 Mio. Christen leben in Vietnam) einer staatlichen Genehmigung bedürfen. Wollen wir uns in Moritzburg staatlich verordnete Kinderlandverschickung als Völkerverständigung verkaufen lassen?“

In der Sitzung des Verwaltungsausschusses des Moritzburger Gemeinderats in dieser Woche nahm Bürgermeister Jörg Hänisch (parteilos) zu dem Thema Stellung: „Dass unsere Gemeinde für eine Zeit schutzsuchenden Kindern Schutz gegeben hat, daran erinnert dieser Ort im Gelände des ehemaligen Kinder- und Jugendheims. Es ist kein Denkmal für eine Ideologie, es ist kein Denkmal für eine Person, es ist für mich als Bürgermeister ein Ort, der anregen soll zum Nachdenken über Verbrechen, die an Kindern damals und heute verübt wurden und werden.“

Das Ansinnen zur Reaktivierung des Erinnerungsorts in Moritzburg rühre aus dem an Andreas Lämmel herangetragenen Wunsch ehemaliger Kinder des Moritzburger Heimes, einen Ort der Erinnerung zu schaffen. Diesen Ort habe es bereits in der Vergangenheit gegeben, jedoch sei er in den letzten Jahren immer mehr dem Verfall preisgegeben worden. „Herrn Lämmels und meine Bemühungen als Bürgermeister gehen dahin, die deutsch-vietnamesischen Beziehungen in den Bereichen Wirtschaft, Bildung und für unsere Gemeinde insbesondere für den Tourismus zu verbessern und damit einen Beitrag zum Austausch zwischen unseren Völkern zu leisten“, erklärte Jörg Hänisch.

„Ich werde die Mitglieder des Gemeinderats nach der Sommerpause zu einem gesonderten Gespräch und zu einem Vororttermin einladen. Dann wird Gelegenheit sein, mit den Unterstützern des Projekts ins Gespräch zu kommen, über die geplante Gestaltung zu beraten, aber auch die kritischen Stimmen zum Projekt in die Betrachtungen mit hineinzunehmen“, versprach der Bürgermeister. „Gerade wir hier in Moritzburg haben in der Zeit der friedlichen Revolution gelernt, dass Geschichte nicht nur schwarz oder weiß ist.“