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Mittwoch, 09.03.2016

DDR-KKW im Visier der Stasi

Vor 30 Jahren ereignete sich in Tschernobyl das bis dahin weltweit größte Reaktorunglück. Im DDR-Atommeiler Lubmin war die Stasi alarmiert. Ziel war es, Mitarbeiter und Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Geheime Havariepläne wurden erarbeitet, wie ein Historiker recherchierte.

Von Martina Rathke

Die Übersicht aus dem Jahr 1998 zeigt das Gelände des stillgelegten Kernkraftwerkes Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern.
Die Übersicht aus dem Jahr 1998 zeigt das Gelände des stillgelegten Kernkraftwerkes Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern.

© dpa

Greifswald. „Heute Tschernobyl - morgen Lubmin. Danach ist Krieg und keiner geht hin.“ Im September 1988 - zweieinhalb Jahre nach der verheerenden Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - wird der Stasi zugetragen, dass am Bahnhof Lubmin, nur einen Steinwurf vom größten Kernkraftwerk der DDR entfernt, dieser mit Bleistift geschriebene Text entdeckt wurde. Der Spruch und ein Aufnäher mit der Aufschrift „Schlechte Aussichten für die Ostsee. KKW Nord!“ gehörten zu den wenigen zaghaften Protesten nach der Reaktorkatastrophe in dem sowjetischen Kernkraftwerk nördlich von Kiew.

„Einen öffentlichen Anti-AKW-Protest als direkte Reaktion auf Tschernobyl hat es in Greifswald und Umgebung wohl nicht gegeben“, resümiert der Historiker Sebastian Stude, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde jetzt die überlieferten Akten im Zusammenhang mit der Reaktorkatastrophe durchforstet und bewertet hat. Was der Öffentlichkeit damals verborgen blieb: Unmittelbar nach dem GAU von Tschernobyl laufen bei der Stasi die Drähte heiß.

Vor nahezu 30 Jahren - am 26. April 1986 - explodiert im Kernkraftwerk Tschernobyl nördlich von Kiew der Reaktor des Blocks 4. Die Stasi, die im Zuge der Ereignisse offene Kritik an der auch auf Atomkraft setzenden Energiepolitik der DDR befürchtete, ist alarmiert. Ziel des MfS sei es gewesen, die verunsicherte Bevölkerung und die Mitarbeiter unter Kontrolle zu halten, sagt Stude. Als unmittelbare Reaktion galt für die Stasi, die im Kraftwerk Lubmin eine eigene Objektdienststelle betrieb, Sicherheitsmaßnahmen zu verschärfen und „gegnerische Angriffe und Aktivitäten“ zu unterbinden. Inoffizielle Mitarbeiter sollten benutzt werden, um Einfluss auf das Meinungsbild der Betriebsangehörigen zu nehmen.

Unter dem Decknamen „Heidewind 1“ und „Heidewind 2“ werden von der Kombinatsleitung neue Störfallmodelle erarbeitet, wie Stude aus den Stasi-Akten zitiert. Hinter „EVA - 1“ und „EVA - 2“ verbergen sich verschärfte Evakuierungspläne, in denen die Schutzzonen um das Kraftwerk von zehn auf 30 Kilometer erweitert werden sollten. Vor der Öffentlichkeit werden diese - heute hilflos wirkenden - Havariepläne geheim gehalten.

Deutlich wird aus den Recherchen Studes, dass im Havariefall die Region um Greifswald mit weniger als 500 Krankenhausbetten überfordert gewesen wäre. Ein Alarmierungsplan für leitende Angestellte lief ins Leere, weil diese keine Telefonanschlüsse hatten. Noch im September 1989 prangert der Generaldirektor des Kraftwerks diesen Missstand an.

Die Stasi konstatiert einen rückläufigen Frischgemüseverkauf allein in Ostberlin um 50 Prozent, wie Stude berichtet. Weil ostdeutsche Milchproduzenten nicht den geforderten Unbedenklichkeitsnachweis für Radioaktivitätswerte lieferten, verweigerten West-Molkereien die Annahme der Milch. Inoffizielle Mitarbeiter berichteten von verunsicherten Nachbarn und Kollegen.

Die Unsicherheit war auch deshalb groß, weil die Informationen aus Tschernobyl nur tröpfchenweise flossen. Wolfgang Witt, damals Techniker im Lubminer KKW, kann sich an die Tage nach dem GAU genau erinnern. „Wir hatten Kollegen, die in der Sowjetunion studiert hatten und das Kraftwerk in Tschernobyl kannten. Erst als deutlich wurde, dass es sich um einen anderen Reaktortyp handelte als in Lubmin, waren wir erleichtert“, erinnert sich Witt. Dennoch blieb die Verunsicherung, weil es keine genauen offiziellen Informationen über den Hergang der unkontrollierten Kettenreaktion gegeben habe.

Auch wenn es in den Wasser-Wasser-Energie-Reaktoren des Lubminer Kraftwerks nach Einschätzung der Mitarbeiter nicht zu derselben Katastrophe kommen konnte wie in den graphitmoderierten Reaktoren von Tschernobyl, waren die Defizite im DDR-Atommeiler offensichtlich. In einem Bericht vom März 1989 zog der damalige KKW-Generaldirektor ein ernüchterndes Fazit. Demnach kämen die im Bau befindlichen Reaktorblöcke 5 bis 8 dem internationalen Sicherheitsniveau zwar „ausreichend nahe“, die Blöcke 1 bis 4 entsprächen hingegen dem projektierten Sicherheitsniveau der 1960er Jahre. Statt technische Defizite auszugleichen, sei man in Ermangelung der dafür erforderlichen Ressourcen dazu übergegangen, die nukleare Sicherheit durch Disziplinierung der Arbeiter und Angestellten zu gewährleisten.

Aus den Stasi-Akten geht auch hervor, dass es in Lubmin zu mindestens drei größeren Havarien gekommen war: Im Dezember 1975 brannten 130 Kilometer Kabel im Maschinenhaus, nachdem ein Elektromonteur einen Kurzschluss ausgelöst hatte. Ende August 1976 kam es demnach zu einem nuklearen Beinahe-Unfall wegen einer ungenau formulierten Freimeldung des Reaktors 2 durch eine Reaktoroperateurin an Handwerker. Von September bis Dezember 1982 musste der Block 1 wegen Dampferzeugerschäden vom Netz genommen werden - der Schaden durch den Ausfall liegt bei knapp 70 Millionen Mark.

Das Kernkraftwerk in Lubmin war das offizielle Aushängeschild der DDR für eine saubere Energiepolitik, die sich aus der Klammer der Braunkohle lösen wollte. Im Dezember 1990, gut ein Jahr nach dem Mauerfall, wird der letzte KKW-Block wegen der konstatierten Sicherheitsrisiken abgeschaltet - für immer. (dpa)