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Mittwoch, 01.06.2016

DDR-Faltboote leben länger

Nach der Insolvenz geht Pouch mit einem neuen Investor aus der Region an den Start.

Von Sven Heitkamp

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Die Faltboote der Firma Pouch sind ein Klassiker im Osten. Doch die kleine Manufaktur kämpft ums Überleben.
Die Faltboote der Firma Pouch sind ein Klassiker im Osten. Doch die kleine Manufaktur kämpft ums Überleben.

© dpa

Pouch. Sie gehören zur Ost-Tradition wie der Trabi und Rotkäppchen: Faltboote aus Pouch sind seit mehr als 60 Jahren der Klassiker auf Flüssen und Kanälen in Ostdeutschland. Manchen Paddlern bedeuteten die liebevollen Konstruktionen aus Holz und Baumwolle ein kleines Stück Freiheit in der DDR, auch wenn sie oft schwer zu bekommen waren. Doch die Traditionswerft bei Bitterfeld, die 1953 ihre ersten Faltboote zu Wasser ließ und 1991 den Neuanfang meisterte, geriet Ende vorigen Jahres in einen Strudel: Zu hohe Kosten, zu geringe Umsätze. Geschäftsführer Ingolf Nitschke, 66 Jahre alt und seit 1990 am Steuer des Unternehmens, meldete Ende November Insolvenz an, auch, um einen neuen Investor zu gewinnen.

Jetzt ist er gefunden: Insolvenzverwalter Nikolaus M. Schmidt aus Halle, der seit Februar im Einsatz war, präsentierte am Mittwoch den Bitterfelder Unternehmer Ingo Jung als neuen Eigentümer. Als Geschäftsführer der Goitzsche Tourismus GmbH, einer Immobilienfirma und Betreiber eines Wassersportparks, ist Jung seit Jahren im Naherholungsgebiet am Goitzsche-See mit Tourismus, Gastronomie und Ferienhäusern im Geschäft.

Unter seiner Führung soll nun die Produktion am alten Standort fortgeführt und modernisiert werden. Die acht Beschäftigten werden übernommen. Mehr noch: Fünf Kollegen sollen neu eingestellt werden, kündigte Nitschke vor Journalisten an. Über den Kaufpreis wurde indes Stillschweigen vereinbart.

Unter mehreren Interessenten sei Jung der beste Investor gewesen, sagte Schmidt. Jung wolle die Poucher Manufaktur nicht zerschlagen, sondern modernisieren und mit der Tischlerei Synergieeffekte für seine anderen Unternehmungen nutzen. Er setze auf die Zukunft und den Fortbestand der neuen „Poucher Faltboot GmbH“, so Schmidt. Die Produktion des Bootsgestänges aus Eschen- und Birkenholz soll indes teilweise ausgelagert werden, um Kosten zu senken. Bisher wurden alle Leisten in Handarbeit gefertigt. Mit dem Neustart will sich die Werft außerdem weniger auf Messen und mehr auf Testevents in Leipzig, Senftenberg oder Chemnitz präsentieren, kündigte Nitschke an. Auch ein Faltboot-Zentrum soll auf der Poucher Halbinsel entstehen. Mehr Geld soll die Firma zudem mit maßgeschneiderten Sonnensegeln und Poolauskleidungen verdienen.

Ein Boot für 3 600 Euro

Produktion und Reparatur aller Faltboote erfolgen weiter in der Tischlerei und der Näherei in Pouch. Sie liegt auf einem schmalen Landstreifen zwischen Goitzsche und dem Muldestausee und ist eine von nur noch zwei Faltboot-Manufakturen in Deutschland, die zweite ist die Firma Klepper im bayrischen Rosenheim. Voriges Jahr wurden in Pouch rund 300 Boote produziert, der Jahresumsatz lag zuletzt zwischen 400 000 und 500 000 Euro. In diesem Jahr könnten es schon deutlich mehr Boote werden. Die Nachfrage auch von Firmen wie Radeberger sei „exorbitant hoch“, so Nitschke. Die Wartezeit für die Boote, die einzeln auf Kundenwunsch angefertigt werden, beträgt mehrere Wochen.

Die Firma war 1953 als „VEB Kunststoff- und Textilverarbeitungswerk Pouch“ gestartet, hieß bald darauf „VEB Wassersport- und Campingbedarf“. Zwischenzeitlich arbeiteten dort 180 Beschäftigte und bauten im Jahr 7 000 Boote, aber auch Zelte und andere Campingartikel. Seit 1996 wurden fast jährlich Neuentwicklungen präsentiert. Auch ein Modell mit Carbon-Gestänge wurde zwischenzeitlich entwickelt, erwies sich aber als zu teuer. Die Preise für die hochwertigen, langlebigen Boote aus Handarbeit sind ohnehin nicht gering: Sie liegen bei 2 400 Euro für den Tagesflitzer „CR 12“ oder den Urlaubsklassiker „RZ 85“, bei 3 300 Euro für den Familien-Zweier FZ 13 und 3 600 Euro für den schnellen Zweisitzer „Phönix 11“. Zurzeit fertigt der Betrieb sechs verschiedene Varianten. Zudem werden gebrauchte Boote aus Pouch und von anderen Herstellern repariert.

„Faltboote haben den Vorteil, dass sie keinen Liegeplatz brauchen und gut transportiert werden können“, sagt Geschäftsführer Nitschke. Er kenne Paddler, die mit Poucher Booten auf dem Yukon in Kanada unterwegs waren. Dank der robusten Fahreigenschaften würden sich die Boote insbesondere für junge Familien mit Kind eignen. Die Boote halten oft über Jahrzehnte – in den Werkstätten ist ein kleines Museum vieler alter Modelle zu sehen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Uwe Pierskalla

    Endlich mal wieder ein wirklich positives Zeichen aus D! Diese Faltboote waren und sind wahrscheinlich das beste was seit ueber 40 Jahren u.a. ueber maerkische Gewaesser "schippert"! Schoener und entspannter kann man(n) & Familie Deutschland vom wasser aus nicht erkunden! Dem neuen & dem alten Firmenchef wuensche ich alles erdenklich Gute, vorallem ein erfolgreiches Marketing und "gesunde" Zahlen in der Zukunft! Und,.. immer eine handbreit.....!!!

  2. Pauli

    Den man tau....Anker hoch, Kurs setzen auf erstmal 1000 Boote/Jahr und dann volle Fahrt! Gute Reise!

  3. BesseresMarketingWichtig

    Die Marke ist nicht so bekannt in der Allgemeinheit. Bei den vielen neu hinzugekommenen Seen, sollte das sächsische Kultur-und Tourismusmanagement eine integrierte Strategie für derartige Produzenten mit anbieten. Auf jeden Fall sollte es einen Onlinehandel der Boote geben-natürlich mit vorheriger Bonitätsprüfung und Zahlung per Vorkasse/Nachnahme. Einige Flüsse Sachsens wären sicherlich mit Bootsverleihen als Nebenerwerb der Hotels attraktiver. Geförderte Vereinsaktivitäten im Sportbereich könnten auch den Umsatz dieses Unternehmens steigern. Auch als Sportvertiefungsrichtung an den Schulen wäre dieser Sport und damit diese Bootsfirma förderfähig-auch als kulturelles Erbe. Übrigens könnte Meißner Porzellan auch Porzellankunstkurse als Nebenerwerbsquelle für talentierte Schüler und Schülerinnen ausrichten als Schulfach.

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