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Das vertuschte Massaker

Vor 50 Jahren richteten US-Soldaten im vietnamesischen Dorf My Lai ein Blutbad an.

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© imago/United Archives Internatio

Von Martin Bialecki und Christoph Sator, My Lai

Als das Grauen über sein Dorf kam, in der Gestalt von US-Soldaten, war Pham Thanh Cong ein kleiner Junge. Ein Schüler von elf Jahren, der zusammen mit seinen Eltern, drei Schwestern und einem Bruder in My Lai wohnte. Den Namen des Dorfes kannte schon ein paar Kilometer weiter niemand mehr. Dann kam der 16. März 1968. Am Ende des Tages waren mehr als 500 Menschen tot. Alles Vietnamesen. Alles Zivilisten. Alle massakriert von Angehörigen der US-Armee.

Heute, 50 Jahre später, ist My Lai ein Name, den man in der ganzen Welt kennt: Sinnbild für schlimmste Kriegsverbrechen. Von der Familie Cong überlebten nur der kleine Pham und sein Vater, der während des Überfalls auf dem Feld war. „Vergessen kann ich nicht“, sagt Pham heute, mit 61. „Aber wir versuchen, den Amerikanern zu verzeihen und in die Zukunft zu schauen.“

Seit Mitte der 1950er-Jahre war Vietnam geteilt, in einen kommunistischen Norden und einen autoritär regierten Süden, den die USA in ihrer Angst vor einem Sieg des Kommunismus unterstützten. 1968 standen mehr als 400 000 US-Soldaten im Land. 200 von ihnen wurden an jenem Morgen mit Hubschraubern in der Nähe der Küste abgesetzt, ein paar hundert Meter landeinwärts. Offizieller Befehl: ein Kampfbataillon der Vietcong-Guerilla aufzuspüren. Das Kommando führt ein Mann namens William Calley Jr., der 1964 noch wegen eines Gehördefekts von der Army abgelehnt worden war.

Bei ihrer Ankunft in My Lai stoßen die Amerikaner allerdings auf keinen einzigen Bewaffneten. Vom Vietcong nirgends eine Spur. Was sie finden: alte Männer – die meisten jungen sind bei der Feldarbeit –, Frauen, Schwangere, Kinder und Babys. Und sie begehen Grausamkeiten, die man sich kaum vorstellen kann. Die Leute werden erschossen, erschlagen, erstochen.

Handgranate ins Erdloch

Die Congs flüchten in einen Unterschlupf, den der Vater im Garten gegraben hat: ein Loch im Boden, mit Bambus abgestützt und dann wieder mit Erde bedeckt. Eine Weile lang hält ihr Versteck, aber dann werden auch sie entdeckt. Erst holen die Amerikaner die Familie heraus, dann schicken sie sie wieder zurück. Als alle drin sind, wirft ein Soldat eine Handgranate hinein.

Pham, der ganz hinten sitzt, ist der Einzige, der überlebt. Bis sein Vater vom Feld zurückkommt, wird es Nachmittag. So lange muss er es in dem Loch mit der toten Mutter und den toten Geschwistern aushalten. Der Vater gräbt dann ein notdürftiges Grab, nimmt den Sohn auf den Rücken und rennt davon. Ein paar Monate später stirbt auch er. Pham ist jetzt der Einzige.

Vier Stunden dauert es, bis der Blutrausch von My Lai vorbei ist. Am Ende, so steht es heute in den Büchern, sind 504 Menschen tot. Auf die US-Soldaten wird kein einziger Schuss abgegeben. Bis heute ist nicht endgültig geklärt, was die Amerikaner zu dem Verbrechen getrieben hat. Als entnervt werden sie beschrieben, als anhaltend gepiesackt vom Vietcong, begierig auf Bestätigung und Ruhm.

Unmittelbar vor My Lai erging vom US-Oberkommando der Befehl, den Feind „unnachgiebig“ unter Druck zu setzen. General William Westmooreland hob den Schutz von Zivilisten vorübergehend auf. Historiker interpretierten das als Einladung zu nackter Willkür. Auf die Frage, ob Frauen und Kinder nun tatsächlich Feinde seien, gibt es nur eine unklare Antwort. Damit, so heißt es heute, wurde dem Massaker Tür und Tor geöffnet.

Zunächst weiß kaum jemand etwas von dem Grauen. Es dauert eineinhalb Jahre, bis die Öffentlichkeit von dem Massaker erfährt. Entscheidend sind Briefe des Hubschrauber-Bordschützen Ronald Ridenhour an US-Politiker. Und die Arbeit des US-Journalisten Seymour Hersh.

In der öffentlichen Wahrnehmung in den USA ist das ein Wendepunkt. Mit My Lai beginnt das Bild der eigenen Truppen als Kämpfer für das Gute zusammenzubrechen: US-Soldaten als Schlächter, als Kriegsverbrecher, als entfesselte Soldateska. Aber erst mit dem Abzug aus Saigon (heute: Ho-Chi-Minh-Stadt) 1975 ist der Vietnam-Krieg für die USA vorbei.

Wegen des Massakers erhebt die US- Justiz 24 Anklagen. Verurteilt wird nur Calley. Nach dreieinhalb Jahren Hausarrest kommt er frei. Mehr als 40 Jahre wird es dauern, bis Calley sich entschuldigt. Im Jahr 2009 sagt er, es vergehe kein Tag, an dem er das Geschehen von My Lai nicht bereue. Pham Thanh Cong, der Vietnamese, meint dazu: „Die Soldaten haben Unmenschliches getan. Ich weiß nicht, warum.“ Viele Jahre lang setzte er sich als Direktor des Museums von My Lai dafür ein, dass die Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten. (dpa)