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Freitag, 07.07.2017

Das Schloss spiegelt sich jeden Tag anders

Kutscher Bernd Haase fährt seit fast 20 Jahren Touristen oder Hochzeitspaare durch Moritzburg. Für ihn ist das wie Urlaub.

Kutscher Bernd Haase vor dem Fasanenschlösschen, nebenan hat er seine Ställe. Die kostbare Innenausstattung des Schlösschens ist sachsenweit einzigartig.
Kutscher Bernd Haase vor dem Fasanenschlösschen, nebenan hat er seine Ställe. Die kostbare Innenausstattung des Schlösschens ist sachsenweit einzigartig.

© Norbert Millauer

Moritzburg. Sehen Sie, was für ein herrlicher Blick auf das Schloss, wie schön das hier ist, sehen Sie mal das Licht, schwärmt Kutscher Bernd Haase während der einstündigen Fahrt durch Moritzburg, wo er sein ganzes Leben lang wohnt und schon seit 1998 Kutschfahrten anbietet. Und sein Schwärmen wirkt ehrlich. Auf dem Kutschbock sitzt einer, der es liebt, Gästen die schönsten Seiten seiner Heimat zu zeigen. Für ihn sei das wie Urlaub. Arbeit ist nur das Drumherum wie Ställe ausmisten.

Was gibt es in Moritzburg zu sehen?

„Komm, mein Kleiner, hopp“, treibt der Kutscher seine Pferde an. Die beiden Schimmel traben gehorsam los, vorbei an der Koppel, wo ihre Kollegen grasen. Noch vor zwei Jahren hat Bernd Haase selbst gezüchtet, schwere Warmblüter. Mittlerweile konzentriert er sich auf die Kutschfahrten. Und ist des Anblicks von Schloss, Fasanenschlösschen und Co. auch nach all den Jahren nicht überdrüssig. „Das sieht ja auch immer anders aus, mal spiegelt sich das Schloss im Teich, mal gibt es Wellen.“ Und Haase weiß auch ganz genau Bescheid, was sich in Moritzburg über die Jahre geändert hat. „Der Fasanenzüchter ist nicht mehr da, das ist schade“, sagt er. Auch Falkner Hans-Peter Schaaf hat Moritzburg verlassen und ist nach Bad Schandau gezogen.

Doch nicht nur seine menschlichen Nachbarn kennt der 58-Jährige mit dem grau melierten Bart gut. Ein paar klappernde Hufschritte weiter zeigt er auf einen langen Pfahl mit Nest. „Dort ist der Storch.“ Er zeigt hinauf. „Wenn der Storch kommt, kann man das allen erzählen.“ Er weiß auch noch genau, wann das in diesem Jahr war, am 8. April. Mittlerweile säßen zwei Jungtiere im Nest.

Schon seit 1929 ist seine Familie an der Fasanerie 6 ansässig. Das Land haben sie damals von Prinz Heinrich gepachtet. Vielleicht hat er deswegen seine ganz eigene Art, über die Geschichte von Moritzburg zu erzählen. Etwa über das Schloss. „Dem August hat das dann nicht gefallen, da hat er das umbauen lassen“, sagt er, verschmitzt lächelnd. Auch der Bau des Fasanenschlösschens klingt bei ihm, als habe sich der Nachfolger von August dem Starken, Kurfürst August der III., damit vor allem selbst verwirklichen wollen.

Beim Kutscher gibt es statt Geschichtsstunde mit vielen Jahreszahlen jede Menge Anekdoten. Seit drei Jahren müssen die Pferde Säcke für die Pferdeäpfel mit sich herumtragen, so Haase, weil zu viele davon auf der Straße herumlagen. Doch gerade jetzt im Sommer verjagen die Pferde mit ihrem Schweif Fliegen und Mücken und fegen dabei auch durch den Sack mit Pferdeäpfeln:„Da kriegt auch schon mal jemand was ab.“

Am Fasanenschlösschen geht es vorbei und entlang des Kanals Richtung Schloss. Haase zeigt nach rechts, hinter Wiesen liegen alte Mauern. „Damit hat man früher das Wild eingefangen“, erklärt er. „Die kamen rein, aber nicht wieder raus.“ Und gleich im nächsten Moment lenkt er den Blick nach links, zum Kanal, der vor Kurzem ausgebaggert wurde. „Das da vorne ist Krebsschere, die steht auf der Roten Liste.“ Er zeigt ins Wasser auf eine recht unscheinbare grüne Pflanze mit langen Blättern.

Unterwegs trifft man hier auch wochentags immer mal wieder Spaziergänger. „Wenn die Leute die Gespanne sehen, lächeln die einen an“, sagt Haase. Das sei das Schöne an seinem Beruf, dass er immer mit glücklichen Menschen unterwegs sei. Egal, ob das Touristen oder Brautpaare sind. Die schenken ihm dann auch schon mal Andenken, erzählt er und kramt unter seinem Kutschbock ein kleines Buch mit Hochzeitsfotos hervor.

Aber es ist auch nicht alles rosig. Kurz vorm Schloss muss die Kutsche ein kurzes Stück auf der Straße fahren. Bevor er darauf einbiegt, guckt er ganz genau, ob ein Fahrzeug kommt. „Wir sind ja Exoten auf der Straße“, sagt er. „Wie lange man braucht, um über eine Straße zu kommen, da muss man gut aufpassen.“ Der zunehmende Verkehr macht ihm Sorgen.“ Die Landmaschinen werden immer größer, für die Pferde ist das ungeheuer.“ Die erschrecken relativ schnell, auch auf dieser Fahrt einmal kurz aus nicht ersichtlichem Grund. „Da wird man dann wach“, sagt Haase, nur halb schmunzelnd.

Die Anspannung fällt sichtlich wieder ab, als die Pferde auf dem Weg ums Schloss wieder auf einen Waldweg einbiegen. „Jetzt fahr’n wir übern See, übern See, jetzt fahr’n wir übern See“, fängt der Kutscher an zu singen. An Schwänen und Graugänsen vorbei geht es einmal rund um Schloss und Schlossteich. Seit den 70ern leben die Gänse auf den Moritzburger Teichen, erzählt er. Damals seien deren Eier den Schwänen untergeschmuggelt worden. Warum? Das weiß sogar er nicht. Mittlerweile sind die Gänse gegenüber den Schwänen stark in der Überzahl. „Das hätte keiner gedacht, dass die sich so verbreiten.“

Vor dem Schloss angekommen, grüßt Haase seine Kutscherkollegen, die dort auf Kundschaft warten. Er kennt hier jeden, hat selber vier Vollzeit-Mitarbeiter, am Wochenende helfen auch noch ein paar Rentner aus. Das Geschäft geht gut, auch wenn die Kosten für Versicherung, Futter und Schmied gestiegen sind und die Kutschfahrt deswegen teurer wird.

Wahrscheinlich ist es das Gefühl der Entschleunigung, das sich unterwegs einstellt, was die Kutschfahrt durch die Wälder attraktiv macht. Das Tempo wird rausgenommen, die Geschichte erscheint greifbarer. Und nach einer Stunde steigt der Kutschgast erholt ab – und ist um einige Moritzburger Anekdoten reicher.