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Mittwoch, 04.10.2017

„Das Oberlausitzer Rollen ist schwer zu erklären“

Der Germanist Peter Porsch über den Ursprung der lausitzischen Mundarten und Unterschiede zum Sächsischen.

Von Anja Beutler

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Peter Porsch war an der Uni Leipzig Professor für Dialektologie und Soziolinguistik. Viele kennen ihn auch als Linken-Politiker.
Peter Porsch war an der Uni Leipzig Professor für Dialektologie und Soziolinguistik. Viele kennen ihn auch als Linken-Politiker.

© Porsch

  • Peter Porsch war an der Uni Leipzig Professor für Dialektologie und Soziolinguistik. Viele kennen ihn auch als Linken-Politiker.
    Peter Porsch war an der Uni Leipzig Professor für Dialektologie und Soziolinguistik. Viele kennen ihn auch als Linken-Politiker.

Herr Porsch, im Süden des Kreises Görlitz sagen viele, sie sprechen Oberlausitzer Dialekt, in Görlitz heißt es, man spreche Schlesisch. Im Alltag klingt es aber kaum anders. Warum?

Was wir im Alltag hören, nennt man in der Fachsprache Regiolekt. Das ist eine regionale Umgangssprache, die von den örtlichen Mundarten beeinflusst ist. Generell gehören die Dialekte bei Ihnen zu den ostmitteldeutschen Mundarten, zu denen man fünf lausitzische Dialekte zählt, dazu gehören das Oberlausitzische zwischen Steinigtwolmsdorf und Zittau und das Ostlausitzische um Görlitz. Wie alle sächsischen Mundarten sind sie durch Kolonialisierung entstanden.

Das Oberlausitzische ist sozusagen nichts Urtümliches?

Diese ostmitteldeutschen Mundarten haben ihren Ausgangspunkt um 900, als Siedler von jenseits der Elbe in diese Gebiete kamen. Die Dialekte, die sie aus ihren Herkunftsregionen mitbrachten, haben sich hier miteinander gemischt und einander angeglichen. Luther fand damit zu Lebzeiten eine Sprache vor, die alle verstanden. Daraus hat sich auch durch die Bibelübersetzung die Standardsprache entwickelt.

Aber es klingt doch in Dresden völlig anders als in der Oberlausitz!

Ja, die Aussprache weicht voneinander ab. Aber die Grammatik und der Wortschatz dieser Region sind die Basis für die Standardsprache. Das merken Sie daran, dass man sächsische Sprecher in Filmen nicht untertiteln muss – die verstehen alle.

Erklärt sich mit Blick auf die Mundarten auch, dass es in der Oberlausitz – vor allem in Görlitz – vergleichsweise viele Callcenter gibt?

Ein Grund ist sicher, dass die Menschen hier in Grammatik und Wortschatz recht nah am Standarddeutsch sind. Und sie haben eben in der Regel keine so ausgeprägt abweichende Aussprache.

Aber wie kommen die hörbaren Unterschiede zustande? In der Oberlausitz wird das R vielerorts gerollt.

Aussprachegewohnheiten hängen durchaus davon ab, wo die Leute um 900 hergekommen sind, die sich in den neuen Gebieten niederließen. Wo das Rollen der Oberlausitzer nun genau herkommt, kann man leider schwer erklären. Solche Besonderheiten rühren in vielen Fällen daher, dass man sich an Vorbildern orientiert hat, die hohes Prestige genießen. Aber das ist für die Oberlausitz so nicht belegt.

Wer sächselt, wird oft verlacht. Das ist bei den Oberlausitzern nicht so, oder?

Das Lausitzische genießt in der Tat bei den Sprechern – aber auch generell – hohes Ansehen. Das ist auch mit den Mundarten im Erzgebirge und im Vogtland so. Die Sprecher schämen sich nicht, so zu reden. Deshalb wird die Mundart ernsthaft gepflegt – gewissermaßen als ein Stück Widerstand gegen die Globalisierung. Gelacht wird übrigens über das Dresdnerisch-Meißnische und das Osterländische, was man rund um Leipzig spricht. Sie gelten als das prototypische Sächsisch, und das ist stigmatisiert.

Görlitz zählt sich historisch zu Niederschlesien – hört man das am Dialekt?

Rund um Görlitz könnte man dialektgeografisch schlesisches Gebiet einzeichnen. Vielleicht ist das aber auch ein bisschen gewagt, denn es ist ein Randgebiet und damit schwierig einzuordnen, weil hier Dialekte ineinander übergehen. Hinzu kommt der Sonderfall, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Schlesier umgesiedelt wurden. Dennoch – auch wenn das mancher vielleicht nicht gern hört – gehört das Schlesische auch zum Ostlausitzischen und damit sind Niederschlesisch und Oberlausitzisch einander näher als dem prototypisch Sächsischen. Erfahrungsgemäß nehmen die Menschen in einer Region ein, zwei kleinere Unterschiede sehr stark wahr. Eine richtige Sprachgrenze ist es deshalb noch nicht. Da muss ein ganzes Bündel an Unterschieden zusammenkommen.

Sterben Mundarten mit der Globalisierung eigentlich aus?

Diese Angst gibt es seit der Erfindung der Eisenbahn – weil die Welt seither in die Dörfer kommt. Aber das ist nicht passiert. Es findet sicher ein Ausgleich statt. Aber, dass die Mundarten aussterben, das glaube ich nicht. Sie werden ja durchaus ernsthaft gepflegt – auch in der Oberlausitz.

Mundartpflege ist nicht einfach, oft sind sich selbst die Sprecher nicht mehr sicher, wie es eigentlich korrekt heißen müsste. Warum?

Das liegt am Austausch der Menschen untereinander und der ist umso stärker, je weniger Verkehrsschranken es für die Menschen vor Ort gibt. Das kann man gut in Gebirgsregionen sehen: Wenn die Menschen ein Leben lang in ihrem Tal oder auf dem Berg geblieben sind, hat sich auch ihre Mundart gut erhalten. Hinzu kommt, dass es bei Mundarten keine normativen Regeln gibt – wie den Duden bei der Standardsprache. Das, was wir darüber wissen, wissen wir aus Beschreibungen, aus Beispielen.

Wo und wann lernt man denn das Mundartsprechen?

Die Menschen, die einen vor allem in der Kindheit umgeben, beeinflussen einen stark. Ich hatte in Wien einen Schulfreund. Seine Eltern waren aus Reichenberg, dem heutigen Liberec, umgesiedelt und sprachen auch so, wie es dort üblich war. Ihr Sohn aber nicht – der sprach wienerisch.