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Samstag, 25.10.2003

Das neue Leben der Regina Zindler

Sie war Kult. Sie war ein Star. Doch es ist ruhig geworden um die Frau vom „Maschendroahtzaun“. Stefan Raab hatte sie über Nacht bekannt gemacht - mit dem Hit vom Zaun. Regina Zindler (56) aus Auerbach im Vogtland. Der Rummel wurde ihr zu groß. Sie tauchte unter - wir fanden sie wieder. Morgenpost-Redakteur Thomas Fischer und Fotograf Uwe Meinhold trafen Regina Zindler in Berlin. Der Morgenpost zeigt sie exklusiv ihre neue Heimatstadt.

Es ist kalt. Null Grad. Wir begleiten Regina Zindler beim Nachmittagsspaziergang durch die Drei-Millionen-Metropole.Familie Zindler wohnt in einem grauen 10-Geschosser in Berlin-Lichtenberg. Nicht die allerbeste Wohngegend. In der vierten Etage, Mitte: ihre Wohnung. 83 Quadratmeter, Balkon. Frau Zindler wohnt im Osten der Stadt. Der Tierpark ist ganz in der Nähe - dorthin kann sie zu Fuß laufen. Wir warten. Es ist kurz vor 14 Uhr. Regina Zindler kommt aus dem Haus.

Sie läuft so schnell, als hätte sie es eilig. Sie geht zu ihrem Zeitungshändler. „Kleinkauf - aktuell und schnell“ - steht an der Tür. Sie geht hinein, kommt nach einer Minute wieder heraus. Nur ein Schwätzchen - sie hat heute nichts gekauft. Dann läuft sie 100 Meter weiter zu „Lämmchen’s Blumeneck“. Dort das selbe: Sie geht hinein, kommt wieder heraus. Gekauft hat sie wieder nichts. Vor dem Laden bleibt sie noch mal stehen, starrt ein Grabgesteck aus Tannenzweigen an. Was geht ihr durch den Kopf?

Viel kann es nicht gewesen sein, denn schon spurtet sie Richtung S-Bahn, schaut beim Laufen auf die Uhr. Es ist 14.10 Uhr. Plötzlich stoppt sie abrupt, nimmt einen Brief aus ihrer braunen Handtasche.

Ab damit in den gelben Post-Briefkasten an der Zobtener Straße. Sie läuft weiter, die Treppe runter zur S-Bahn, steht auf dem Betriebshof Berlin-Rummelsburg. Hier fährt die Linie 3 Richtung Alexanderplatz. Regina Zindler steigt in den gelbroten Wagen, hat dabei ein Lächeln auf den Lippen. Sie steht, setzt sich nicht hin. Obwohl die S-Bahn fast leer ist. Sie schaut aus dem Fenster, die Stadt rauscht rasend schnell an ihr vorbei. Überall Kräne, Baustellen. Plötzlich ächzte es aus dem Lautsprecher: „Bombensprengung am Bahnhof Friedrichstraße. Dieser Zug endet am Ostbahnhof.“ Regina Zindler hört mit einem Ohr hin, bleibt ganz ruhig. Sie scheint sich auszukennen, steigt aus und gleich wieder ein - in die Linie1 Richtung Potsdamer Platz.

Auf der Straße bleibt sie an fast jeder Ecke stehen und staunt. Es scheint, als käme sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie wirkt, wie ein kleines Kind vom Land ganz allein im ach so großen Berlin. Dabei wohnt sie doch schon seit mehr als einem Jahr hier.

Hier und da wird Regina Zindler erkannt - von Touristen hauptsächlich. „Das ist doch die vom Maschendrahtzaun. Die mit dem rosa Jogginganzug“, sagt eine etwa 50-jährige Frau zu ihrem Ehemann, bleibt stehen und dreht sich nach ihr um. Keine Reaktion der Erkannten. Das passiert ihr auch heute noch oft.

Nebenbei kleidet sich Regina Zindler heute stilvoller: Sie trägt einen schwarzen Bundfaltenrock. Einen weißen Rollkragen-Pullover mit länglichen Streifen. Darüber eine dunkelblaue Windjacke. Darauf sind die Umrisse der Kontinente gedruckt. Regina Zindler verkleidet als Welt-Karte.

Eine Berlin-Karte hat sie aber nicht in ihrer Handtasche. Sie weiß, wo sie hin will: Zum Rostbratwurst-Stand vor der Thüringischen Landesvertretung im Kanzlerviertel. Heimweh hat sie also. Sie kauft sich eine Wurst, zahlt 1,80 Euro. Genüsslich beißt sie hinein. Sie kaut langsam, braucht fast 15 Minuten für die kleine Wurst. Denn sie füttert nebenbei eine zutrauliche Nebelkrähe auf dem Bistro-Tisch.

Jetzt endlich sieht sie uns, kommt auf die Morgenpost-Reporter zu. Wir stehen auf dem Potsdamer Platz. Das Gesicht von Regina Zindler ist blass. Der Wind weht ihr entgegen. Ihr Haar ist zerzaust, Dauerwelle und Rot-Tönung sind herausgewachsen. Graues Haar kommt zum Vorschein. Ihre Fingernägel sind auffällig kurz - bis aufs Fleisch. Kurz, aber nicht abgekaut. Sie gibt mir die Hand.

„Guten Tag Frau Zindler. Schön sie zu sehen. Was verschlägt sie nach Berlin?“, frage ich. „Der Streit wegen des Maschen-droahtzauns ging mir auf die Nerven. Deshalb wollte ich nur noch weg. Vor einem Jahr im August sind wir umgezogen“, erzählt Regina Zindler uns.

Wir laufen weiter. Sehen das Sony-Center, von weiten den Fernsehturm am „Alex“ und das Kanzleramt. Eine Digitaluhr an einem Glaspalast zeigt 15:00 Uhr.

„Warum ausgerechnet Berlin?“, frage ich. „Die Stadt hat mir schon früher gefallen. Ich liebe Großstädte, war schon oft hier. Ich brauche den Trubel. Auerbach ist ja nur ’ne Provinzstadt“, sagt sie.

Wir stehen an einer Ampel, gehen über die Straße. Ich lade Frau Zindler auf einen Kaffee ein. Ihr erste Reaktion: „Ich zahle aber meinen Kaffee selbst.“ Anständig, denke ich, so wie es sich bei einem ersten „Date“ gehört.

Wir setzen uns direkt ans Fenster. Sie bestellt sich aber kein „Schälchen Heeßen“. In der Karte, bei den heißen Getränken, entdeckt sie Milchkaffee. Sie bestellt einen. Ich nehm‘ Latte Macchiato.

Wir reden über Gott und die Welt: Warum sie von einem Haus auf dem Land, in die Großstadt, in die Platte gezogen ist, wollte ich wissen. Ob sie für immer in Berlin bleiben will oder ob sie irgendwann wegziehen möchte? Sie ist offen, macht keine großen Worte drum herum. „Wir sind geflüchtet und brauchten schnell eine neue Wohnung. Das Angebot war günstig, deshalb haben wir sie genommen. Irgendwann werden wir aber wegziehen. Wir müssen nur eine neue Wohnung finden.“

Die Zeit vergeht. Wir sitzen schon über eine Stunde zusammen. Sie muss nach Hause. Denn ihr Mann kommt gleich heim. Hans-Joachim Zindler (53) hat im Bezirk eine ABM-Stelle. Was er macht, will ich wissen. Sie sagt nur: „Dies und das.“ Sie selbst ist erwerbsunfähig, bezieht Rente.

„Zusammen bitte“, sage ich zur Kellnerin. Ich zahle selbstverständlich. „Adieu Frau Zindler“, wünsche ich. „Einen schönen Abend.“

Morgen lesen Sie: Wovon Regina Zindler insgeheim träumt. Ihre Zukunftspläne. Was sie heute von ihrem Nachbarn Gerd Trommer, Richterin Barbera Salesch und TV-Komiker Stefan Raab hält - das große Exklusiv-Interview in Ihrer MORGENPOST AM SONNTAG.