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Mittwoch, 27.09.2017

Das Leben üben

Das Projekt „Zwischenstopp“ für Crystal-Süchtige hat schon 17 Jugendlichen geholfen. Jetzt braucht der Träger Geld.

Von Maria Fricke

Auf dem Hof Bockelwitz Nr. 3 sind die Unterkünfte für die Teilnehmer des Projektes „Zwischenstopp“. Neun Plätze gibt es.
Auf dem Hof Bockelwitz Nr. 3 sind die Unterkünfte für die Teilnehmer des Projektes „Zwischenstopp“. Neun Plätze gibt es.

© Dietmar Thomas

Hochweitzschen. Sie kommen zur Entgiftung ins Fachkrankenhaus Bethanien nach Hochweitzschen. Drei bis vier Wochen halten die von der Droge Crystal Abhängigen durch. Dann folgt die Langzeittherapie. Doch nicht alle Süchtigen erhalten dort sofort einen Platz. Vor allem die jungen Betroffenen, die noch keine zwei Jahre in die Träger der Rentenversicherung eingezahlt haben, landen erst einmal auf der Warteliste. Denn für sie muss zunächst einmal die Finanzierung der Therapie geklärt werden. Ein gefährliches Zeitfenster für die Betroffenen, das bis zu einem halben Jahr dauern kann. Denn meist kehren sie nach erfolgreicher Entgiftung dann erst einmal in ihr gewohntes Umfeld nach Hause zurück. Und landen meist wieder bei der Droge.

„Wie sie zur Tür raus gehen, so kommen sie hinten wieder rein“, schildert Matthias Gröll, Psychiatriekoordinator des Landkreises Mittelsachsen, die Situation, wie sie Dr. Ulrike Ernst am Fachkrankenhaus in Hochweitzschen regelmäßig erlebt hat. Genau an diesem Punkt greift das Projekt „Zwischenstopp“. Es ermöglicht gerade den jungen Abhängigen eine Betreuung in der Zeit zwischen der Entgiftung in der Klinik und der Langzeittherapie.

Untergebracht ist das Projekt auf einem ehemaligen Vierseithof in Bockelwitz. In der Nummer 3 stehen insgesamt neun Wohnplätze für die Betroffenen zur Verfügung, aufgeteilt in Einheiten für je drei Personen, beschreibt Thomas Richter, der Geschäftsführer der Diakonie Döbeln. Diese fungiert bei „Zwischenstopp“ als Projektträger. „Bisher haben wir aber nie alle neun Plätze mit einem Mal belegt“, sagt Richter. Höchstens sechs seien bisher zeitgleich in Bockelwitz betreut worden, so Richter.

Seit dem Beginn des Projektes haben nach Angaben von Matthias Gröll 17 Jugendliche und junge Erwachsene die Chance wahrgenommen, in Bockelwitz die Wartezeit zwischen Entzug und Langzeittherapie zu überbrücken. Einige von ihnen seien derzeit noch vor Ort. Um den Projektteilnehmern eine Tagesstruktur zu verschaffen, gehen diese werktags nach Döbeln in die Möbelbörse vom Netzwerk Mittweida arbeiten. „Sie üben das Leben“, so Richter.

Obwohl mit dem Projekt einigen bereits geholfen werden konnte, steht es nun vor einem Wandel. War ursprünglich vorgesehen, „Zwischenstopp“ nur für Patienten der Klinik in Hochweitzschen anzubieten, sei das Projekt nun auch für Patienten anderer Kliniken geöffnet worden, sagt Thomas Richter. Schließlich gibt es noch Kapazitäten. Diese ergeben sich aber auch daraus, dass der Aufenthalt in Bockelwitz freiwillig ist. Zudem komme nicht jeder Betroffene für das Projekt infrage. „Durch die Klinik in Hochweitzschen findet im Vorfeld eine Auswahl statt, ob die Leute in der Lage sind, in Bockelwitz einzuziehen“, sagt Richter. Zwei Anfragen aus Leipzig habe es bereits gegeben. Aus fachlichen Gründen seien diese jedoch abgewiesen worden.

Die Zusammenarbeit mit der Klinik sei sehr gut. Ohne diese wäre das Projekt auch nicht zu stemmen, sagt Richter. Als Geschäftsführer der Diakonie kümmert er sich um die Finanzierung von „Zwischenstopp“. Und die ist für die Zukunft noch ungewiss. Bisher wurde das Projekt mit Geldern aus der Kampagne zur Bekämpfung des Crystal-Konsums finanziert. Vonseiten des Landkreises gab es 2016 rund 15 000 Euro, 2017 über 58 000 Euro Zuschuss dazu. Der Verwaltungs- und Finanzausschuss hat nun auch für 2018 und 2019 einen maximalen Betrag in Höhe von 60 000 Euro bewilligt. „Das ist super“, freut sich Thomas Richter. Denn es gibt ihm zumindest etwas Sicherheit für das kommende Jahr. „Damit kann ich unter anderem wenigstens eine Fachkraft bezahlen“, so Richter. Drei sind in Bockelwitz mit dem Projekt betraut.

Mit den 60 000 Euro des Kreises kann Richter immerhin knapp 30 Prozent der Kosten abdecken. Die verbleibenden 70 Prozent hofft er, vom Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz zu bekommen. Dieses habe das Projekt bereits als sehr erfolgreich eingeschätzt, wurden die Mitglieder des Ausschusses informiert. Ab 2018 soll die Sächsische Aufbaubank für das Projekt zuständig sein, so Annett Hofmann, Sprecherin des Sächsischen Sozialministeriums. Zuschüsse gibt es dann nach der Richtlinie Psychiatrie und Suchthilfe.

Das Geld für 2018 könne Thomas Richter noch bis Ende Oktober beantragen. Doch ob noch in diesem Jahr eine Rückmeldung von der Fördergeldstelle kommt, sei offen. „Was soll ich meinen Mitarbeitern sagen?“, fragt Richter sich. Sowohl für den Projektträger als auch für das Personal sei die Situation sehr unbefriedigend. „Aber das Projekt darf nicht abreißen. Es muss weitergehen“, macht Richter deutlich.