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Montag, 12.02.2018

„Das Leben ist nicht perfekt“

Das sagt Julia Ressel aus Niesky. Ihre Erfahrungen und Tipps gibt sie im Internet weiter und hilft damit anderen Müttern.

Von Steffen Gerhardt

Jutta Ressel kann sich jeden Tag selbst auf dem Monitor sehen – in ihren Videos auf Youtube. Darin gibt die Nieskyerin aus ihrem eigenen Leben anderen Müttern Ratschläge und ihre Erfahrungen als zweifache Mutter mit auf den virtuellen Weg.
Jutta Ressel kann sich jeden Tag selbst auf dem Monitor sehen – in ihren Videos auf Youtube. Darin gibt die Nieskyerin aus ihrem eigenen Leben anderen Müttern Ratschläge und ihre Erfahrungen als zweifache Mutter mit auf den virtuellen Weg.

© Jens Trenkler

Niesky. Der Arbeitsplatz von Julia Ressel ist der Computer zu Hause im Wohnzimmer. Von hier aus hilft sie jungen Frauen, ihren Alltag als Mutter zu meistern. Sie nennt es „Mama-Coaching“ und ist damit in den sozialen Netzwerken präsent. Auf die Idee gekommen, andere Mütter an ihrem Leben teilhaben zu lassen, ist sie durch die eigenen Kinder: der Sohn vier und die Tochter fast zwei Jahre jung. „Ich war in der Anfangsphase so auf mein Mutterdasein fixiert, dass ich alles andere Lebens- und Liebenswerte um mich vernachlässigte. Oft fühlte ich mich überfordert, alles auf die Reihe zu bekommen, um meinen Kindern eine gute Mutter zu sein. Das war für mich wie ein angelegtes Korsett, aus dem ich mich befreien musste“, berichtet die 28-Jährige. Das tat sie im Alleingang. Heute sagt sie: „Das muss nicht sein, nachdem ich merkte, dass es vielen Müttern genauso oder ähnlich ergeht. Also biete ich ihnen meine Erfahrung an und gebe Ratschläge.“

Dazu hat sich die Nieskyerin vor sechs Jahren auf Youtube einen eigenen Kanal eingerichtet, der inzwischen 4215 Abonnenten zählt. Regelmäßig stellt sie kleine Filme dort ein, in denen sie über Kinder, Familie, Freizeit, Gesundheit und weitere Dinge aus dem Alltag erzählt. Diese „Mütter-Ratgeber“ sind aufgenommen mit dem Camcorder in der eigenen Wohnstube.

Julia Ressel ist seit Geburt an Nieskyerin. Nur für das Studium hat sie die Heimatstadt für ein paar Jahre verlassen. Eventmanagerin, das war ihr Berufsziel, denn Organisieren und mit anderen Menschen zusammenarbeiten, das war schon immer ihr Wunsch. „Aber ich merkte schnell, dass man in diesem Beruf kaum Chancen auf eine Anstellung in unserer Region hat. Die wenigen Stellen sind besetzt und es ist schwer, Fuß zu fassen.“

Also rutschte die junge Frau zunächst für ein Jahr in die Arbeitslosigkeit. Da sie seit ihrer Jugend schon in den sozialen Netzwerken im Internet unterwegs ist, kam ihr der Gedanke, warum das nicht so ausbauen, dass man damit auch Geld verdienen kann. Dabei reichte ihr der Auftritt bei Youtube allein nicht aus. Dort will sie sich in erster Linie bekannt machen. Die eigentliche Beschäftigung ist für sie die Telefonberatung, das „individuelle Mama-Coaching“, wie es Julia Ressel nennt. Darauf gekommen ist sie durch Selbsterfahrung: „Bei den Treffs zur Schwangerenberatung oder den Mütter-Kinder-Treffs merkte ich schnell, dass kaum eine Mutter über ihre wirklichen Probleme im Kreis mehrere Leute spricht. Mir ging es da genauso. Ich fühlte mich gehemmt, mich zu offenbaren.“ Deshalb sucht Julia Ressel das persönliche Gespräch und führt es nur mit einer Klientin.

Inzwischen steht sie im Kontakt mit vielen Müttern nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und der Schweiz. „Für viele ist der Gedankenaustausch wichtig. Und um zu hören, dass ihre geschilderten Probleme auch die von anderen Müttern sind und sie damit nicht allein dastehen. Es sind Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, die die Telefonnummer der Nieskyerin wählen.

Wenn Julia Ressel ihren Computer einschaltet und sich das Headset aufsetzt, dann ist sie in der Regel allein in der Wohnung. „Es ist wichtig, dass man sich auf seine Gesprächspartnerin konzentrieren kann und Zeit nur für sie hat.“ Das ist der Fall, wenn die Kinder in der Kita sind und ihr Mann auf Arbeit. „Mein Mann ist auch auf der sozialen Schiene beschäftigt, er arbeitet als Krankenpfleger in Görlitz“, sagt die Ehefrau. Denn Verständnis und Unterstützung vom Lebenspartner ist nicht nur bei der Kindeserziehung gefragt, sondern ebenso bei ihrer Beschäftigung. Julia Ressel hat einen Mann. Aber ihre Klientinnen sind mitunter alleinstehend und haben niemanden der sie unterstützt.

Aber nicht nur im Internet „coacht“ die Julia Ressel junge Mütter. An der Volkshochschule hat sie einen Kurs über Soziale Medien gegeben und sich in einem weiteren Kurs einer ganz anderen Altersgruppe zugewandt – den Senioren. „Ihnen habe ich alles über den Nachrichtendienst ,WhatsApp’ beigebracht und ich merkte, dass das Interesse auch bei den alten Leuten da ist.“ So gesehen ist Frau Farbenfroh, wie sich Julia Ressel im Internet nennt, in vielen Bereichen unterwegs. „Meine Tätigkeiten sind wie mein Leben: Es besteht nicht nur aus einer Farbe, beides ist farbenfroh“, betont sie.

www.youtube.com/user/Ostschnitte7