erweiterte Suche
Samstag, 15.11.2014

Das Leben in Tausend bunten Bildern

Comic-Künstler aus Frankreich kreierten fürs Internet eine Daily-Soap. Eine Stilkunde des aktuellen Savoir Vivre.

Von Birgit Holzer, SZ-Korrespondentin in Paris

Bild 1 von 3

Das Cover des modernen Märchens, die taffe Hauptakteurin Mathilde und ihr Erfinder Thomas Cadene.
Das Cover des modernen Märchens, die taffe Hauptakteurin Mathilde und ihr Erfinder Thomas Cadene.

© schreiberundleser

  • Das Cover des modernen Märchens, die taffe Hauptakteurin Mathilde und ihr Erfinder Thomas Cadene.
    Das Cover des modernen Märchens, die taffe Hauptakteurin Mathilde und ihr Erfinder Thomas Cadene.
  • Die taffe Hauptakteurin Mathilde. .
    Die taffe Hauptakteurin Mathilde. .
  • Der Erfinder Thomas Cadene
    Der Erfinder Thomas Cadene

Eigentlich führt Mathilde das unbeschwerte Leben einer normalen 22-jährigen Jurastudentin in Paris, die zwischen dem Aufreißer Arnaud und dem hoffnungslos in sie verliebten Streber Emanuel steht. Wenn sie sich manchmal Sorgen macht, dann um ihren Vater, einen ebenso idealistischen wie cholerischen Altkommunisten, oder ihren Bruder Romain, der seinen Bürojob verliert, politisch stock-konservativ ist, aber zugleich mit einem Mann zusammenlebt, der noch dazu Migrationshintergrund hat.

Dann aber begegnet Mathilde dem steinreichen Hippolyt, der aus Langeweile einen Lottoschein ausfüllt, sie dabei um Hilfe bittet, ihr die Hälfte des eventuellen Gewinns verspricht – und Wort hält. Plötzlich steht sie mit 30 Millionen Euro und existenziellen Fragen da: Was soll sie mit dem Geld machen, was aus ihrem Leben?

Das ist das erzählerische Grundgerüst eines Projektes des französischen Comicautors Thomas Cadène, das in seiner Heimat seit Frühjahr 2010 ein Überraschungserfolg und inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Es handelt sich um eine gezeichnete Fortsetzungsserie mit den Zutaten einer Seifenoper, wie man sie aus dem Fernsehen kennt: große Gefühle, immer neue auftauchende, skurrile Charaktere, überraschende Wendungen.

„Sechs aus 49“ heißt das in sechs Staffeln aufgeteilte Graphic-Novela-Projekt gegenüber dem französischen Titel „Les autres gens“ („Die anderen Leute“). „Mich ergreift eine Art Schwindel, wenn ich abends in die beleuchteten Fenster der Häuser in dieser Millionenstadt Paris blicke und mir überlege, wie viel Leben sich dahinter abspielt“, beschreibt Cadène seine Inspirationsquelle. In seinen Protagonisten können sich die Leser leicht wiederfinden, gerade auch durch ihre Widersprüche und Unzulänglichkeiten.

Der 38-jährige Cadène schrieb das Szenario, holte sich zum Zeichnen aber Verstärkung von anderen Illustratoren, unter ihnen Szene-Stars wie Bastien Vivès, die große stilistische Vielfalt garantieren. Und weil er zunächst keinen Verlag fand, schuf er ein neuartiges Wirtschaftsmodell: Abonnenten konnten sich täglich per Email beliefern lassen, um mit Mathilde und den anderen mitzuleiden und „süchtig“ nach der Fortsetzung ihrer Abenteuer zu werden. „Die Idee kam genau zum rechten Zeitpunkt“, erklärt Cadène. „Denn alle Verlagshäuser schlugen sich gerade mit der Frage herum, wie man mit dem Internet umgehen soll.“

Und er schien eine Antwort gefunden zu haben mit seiner Serie, die schnell eine Fangemeinde im Netz fand und mit 200 000 Besuchern und drei Millionen Seitenaufrufen pro Monat so erfolgreich wurde, dass sie schließlich doch auch in Buchform erschien. Zeichneten zunächst 15 Illustratoren, so wurden es mit der Zeit mehr als 100, die einen Querschnitt der französischen Comiczeichner-Szene darstellen.

In Deutschland ging das Projekt einen umgekehrten Weg: Nach und nach bringt der Comicverlag „Schreiber und Leser“ die Serie in Buchform heraus, die parallel auf dem eigens dafür geschaffenen Internet-Auftritt „www.sechsaus49.de“ und der Homepage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien, wo sie täglich mehrere Tausend Leser aufrufen. Warum sie im Gegensatz zum französischen Original gratis zugänglich ist, erklärt Verlagsleiter Philipp Schreiber: „Eine Bezahlschranke hätte bei uns eine abschreckende Wirkung.“ Angesichts der geringer ausgeprägten Comic-Tradition in Deutschland ging es darum, auch außerhalb der bestehenden Nische von Liebhabern sichtbar zu werden.

„Die tägliche Episode, die nur rund drei Minuten Lesezeit in Anspruch nimmt, passt perfekt zum Verhalten der Internetnutzer, die sich morgens vor der Arbeit oder in der Mittagspause durch das Netz klicken.“ Und die zu ihrem Kaffee einen Happen aus Mathildes banalem und zugleich aufregendem Leben zu sich nehmen, das Teil ihres Alltags wird, so wie es das Prinzip der Seifenoper vorsieht.

Mehr Informationen unter www.sechsaus49.de.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.