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Sonntag, 07.01.2018

Das Geheimnis des Glücks

Wie machen die das nur, die Dänen? Zahlen gern viele Steuern, fahren kleinere Autos - und dennoch sind sie die zufriedensten Menschen Europas.

Von Bettina Ruczynski

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Die Dänen sind das zufriedenste Volk Europas. Was können wir von ihnen lernen?
Die Dänen sind das zufriedenste Volk Europas. Was können wir von ihnen lernen?

© Tetra images/Getty Images

Die Dänen haben es mal wieder geschafft. Sie sind auch dieses Jahr laut UN-Glücksreport die glücklichsten Menschen der Welt. Das Ranking dieses Reports ist für uns Deutsche mittelprächtig ausgefallen: Dänemark, die Schweiz und Norwegen haben die Medaillenplätze inne. Dicht gefolgt von Island, Finnland, Kanada, den Niederlanden und Schweden. Österreich folgt auf Platz zwölf. Deutschland landet – immerhin noch vor den Vereinigten Arabischen Emiraten, aber hinter Oman – auf dem 22. Platz. Da ist zwar noch viel Platz nach oben, hin zum Glück, doch wir scheinen auf einem guten Weg zu sein. Sagt jedenfalls eine neue Studie, die herausgefunden hat, dass die Menschen in den alten Bundesländern glücklicher sind als die im Osten. In den neuen Bundesländern führen die Thüringer vor den Berlinern. Die Sachsen haben den dritten Platz inne. Sachsen-Anhalt landet auf dem letzten Platz des Rankings.

Die glücklichsten Deutschen leben nicht, wie man leicht vermuten könnte, in wohlhabenden Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg, sondern auf dem platten Land im eher kargen Schleswig-Holstein. Dieses Phänomen erklärt sich nach Meinung der Experten mit der Mentalität der Norddeutschen und vor allem mit ihrer Nähe zu Dänemark. Der Freiburger Wissenschaftler Bernd Raffelhüschen meint dazu: „Es ist ein Lebensgefühl, diese Fähigkeit, es sich selbst und anderen gemütlich zu machen.“ Karlheinz Ruckriegel, Glücksforscher an der Technischen Hochschule Nürnberg, ergänzt: „Unser wichtigster Glücksfaktor sind gelingende, liebevolle, wertschätzende soziale Beziehungen.“

Mitmenschlichkeit entscheidend

Nach Auskunft des UN-Glücksreports kann eine Gesellschaft aber nur dann glücklich sein, wenn ihre Mitglieder ein hohes Maß an Mitmenschlichkeit aufbringen. Und nicht über den im Vorraum einer Bank zusammengebrochenen alten Mann hinweggehen, um ungerührt Geld am Automaten zu ziehen, wie vor einem Jahr in Essen geschehen.

Doch zurück zu den dänischen Glückspilzen. Meik Wiking, Chef des Kopenhagener Instituts für Glücksforschung und Verfasser des Bestsellers „Hygge“, der die Ursachen menschlichen Wohlbefindens erforscht, hat sich nach Hygge nun des Phänomens Lykke angenommen. Was Dänisch ist und so viel wie Glück und Wohlbefinden meint. Und ein Buch geschrieben, das die Glücksgeheimnisse seiner Landsleute offenbart. Dass es sich dabei keineswegs um Geheimnisse, sondern um ebenso einfache wie sinnstiftende Erkenntnisse handelt, über die eigentlich jeder Bescheid weiß, überrascht eher weniger. Im Gegenteil, so Wiking: „Es überrascht mich nicht besonders, dass ein friedliches Land mit umfassender, steuerfinanzierter Gesundheitsvorsorge und einem Bildungssystem, in dem deine Kinder studieren können, egal wie viel Geld du verdienst, ein Land, in dem kleine Mädchen sich vorstellen können, Ministerpräsidentin zu werden, eines der glücklichsten Länder der Welt ist.“

Starkes Gemeinschaftsgefühl

Wiking hat herausgefunden, dass das Glück drei Dimensionen hat: Eine auf den Moment bezogene; eine, die das bisherige Leben im Blick hat, und eine Dimension, die Zukunft und Ziele umfasst. Dass Geld allein nicht glücklich macht, wussten schon unsere Ahnen. Sie ahnten, was Lykke-Spezialist Wiking nun belegen kann: „Unser Wohlstand bemisst sich nicht an der Größe des Bankkontos, sondern an der Stärke unserer Bindungen. Unser Glück hat nichts mit der Größe unseres Autos zu tun, sondern mit dem Wissen, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind.“

In den Ländern, in denen ein starkes Gemeinschaftsgefühl herrscht, man sich häufig mit Freunden und Verwandten trifft, einander hilft und für andere da ist, sind die Menschen besonders glücklich. Klingt simpel, ist es auch. Man muss nur über seinen Schatten springen: Dass bereits kleine Veränderungen große Möglichkeiten eröffnen, dass große Dinge oft im Kleinen beginnen, hat wohl jeder schon erlebt.

Wie schwer kann es sein, bei den Nachbarn zu klingeln und sie auf ein Getränk oder einen Teller Nudeln einzuladen? Echt schwer, wenn man zu den eher reservierten deutschen Großstadtbewohnern gehört. Auch die Sache mit den Steuern sehen wir nicht ganz so entspannt wie unsere Nachbarn, die Dänen, die mit die höchsten Abgaben weltweit zahlen müssen. Wie können sie da auch noch so glücklich sein, wenn sie 45 Prozent und mehr an Einkommenssteuer zu zahlen haben? (Wer mehr als 61 000 Euro im Jahr verdient, wird sogar noch mal zusätzlich besteuert.) Und neun von zehn Dänen behaupten dennoch und mit Überzeugung, dass sie ihre Steuern gern bezahlen. Meik Wiking: „Wir zahlen keine Steuern, wir kaufen Lebensqualität. Wir investieren in unsere Gemeinschaft.“ Ein schöner Satz, den man all den reichen Paradise-Paper-Steuervermeidern um die Ohren hauen müsste.

Familienförderung par excellence

Die Sache mit dem Glück beginnt in Dänemark recht früh. 52 Wochen bezahlte Elternzeit pro Kind werden vom Staat gefördert; die Eltern können sich diese Zeit teilen. Das Elterngeld richtet sich nach dem Gehalt, aber auch Arbeitslose bekommen etwa 2 000 Euro staatliches Elterngeld pro Monat. Und die Kinderbetreuung wird zusätzlich mit 300 Euro pro Monat und Kind gefördert. Jeder Arbeitnehmer hat Anspruch auf mindestens fünf Wochen bezahlten Urlaub im Jahr.

„In Skandinavien ist man der Ansicht, wenn es zwei Menschen braucht, um ein Kind zu zeugen, dann sollen sich auch beide in gleicher Weise daran beteiligen, es großzuziehen. In Dänemark sind die Büros nach 17 Uhr wie ausgestorben. Zeit für Familie ist extrem wichtig“, betont Kate, eine Britin, die deshalb mit ihrem Mann Simon von London nach Kopenhagen umgezogen ist und nun mit ihrer Familie eine Work-Life-Balance genießt, wie sie in London undenkbar ist. Simon und Kate verdienen jetzt zwar weniger als in London, haben dafür aber endlich Zeit für sich und die Familie.

Gruppenarbeit statt Wettbewerb

Im dänischen Schulsystem steht nicht der Wettbewerb im Mittelpunkt, im Gegenteil. Es wird viel Wert auf Empathie und Gruppenarbeit gelegt. Man achtet auf die gesamte Entwicklung des Kindes, intellektuell, sozial und emotional. Wiking weiß: „In Dänemark werden Schüler nicht in Ranglisten gepresst. Sie bekommen auch erst ab der achten Klasse Noten. Bis dahin gibt es jährliche Gespräche zwischen Lehrern und Eltern über die intellektuelle, soziale und emotionale Entwicklung der Kinder. Obwohl sich das dänische Schulsystem auf Sozialkompetenz, Teamarbeit, Empathie und Vertrauenswürdigkeit ebenso konzentriert wie auf Mathematik und Lesefähigkeit, sind die Leistungen der Kinder gut.“ In der letzten Pisa-Studie von 2015 lagen die dänischen Kinder im Vergleich von über siebzig Ländern in Mathematik und in der Lesekompetenz auf dem ersten Platz.

Die Vermutung liegt nahe, dass aus glücklichen Kindern auch glückliche Erwachsene werden. Das könnte glücken – falls ihnen nicht die Sache mit den Statussymbolen und die hedonistische Tretmühle der Ehrgeizigen in die Quere kommen: Eine latente Unzufriedenheit, die sich immer neue Ziele sucht, immer höhere Messlatten dessen anlegt, was man angeblich unbedingt noch braucht, um irgendwann endlich glücklich zu sein. Immer nach dem „Wenn – dann“-Prinzip: „Wenn ich dieses Handy/Auto/Paar Schuhe habe, dann geht es mir gut und ich bin glücklich.“

Die Dänen tun das Gegenteil: Sie schrauben ihre Erwartungen runter, sind weniger ehrgeizig, was die Anhäufung materieller Besitztümer angeht. Sie verzichten auf Statussymbole und vergleichen sich nicht ständig mit ihren Nachbarn und Kollegen. Auch so kann Glück leichter gelingen: Nicht so viel in materielle Dinge investieren, sondern lieber in Erlebnisse, die wiederum positive Gefühle und gute Erinnerungen kreieren.

Bescheidenheit statt Luxus

Luxus ist verdächtig, so Meik Wiking. „Der Satz ‚Du sollst nicht denken, du wärest etwas Besonderes’ ist ein Grundstein der skandinavischen Kultur, und ein Grund, warum man in Dänemark nicht viele Luxusautos sieht – abgesehen von der Luxussteuer von 150 Prozent.“ Während man in den USA geradezu einen Kult um den Erfolg und den gegenseitigen Wettstreit pflegt, stellt in Skandinavien Bescheidenheit einen weit höheren Wert dar. Auf sogenannten darstellerischen Konsum, der nur dazu dient, andere beeindrucken zu wollen, wird keinerlei Wert gelegt. Er ist nahezu verpönt. Freundlicher Umgang miteinander, auch und gerade mit Menschen, die man nicht kennt, ist dagegen erste Bürgerpflicht. Wiking: „Lächle und unterhalte dich mit Fremden. Man fragt nicht, ob Leute Hilfe brauchen. Man hilft einfach.“

Ist denn so gar nichts faul im Staate Dänemark, um mit Hamlet zu sprechen? Durchaus. Denn böse Zungen und/oder sehr selbstironische Dänen haben eine völlig andere Erklärung für ihre führende Position im UN-Glücksreport parat: Der überraschende 2:0-Sieg der Dänen über die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der EM 1992. Der habe das gesamte Land in eine solche Euphorie versetzt, aus der die Dänen bis auf den heutigen Tag nicht mehr herausgefunden hätten.

Und dennoch wurde bereits 1995 die Dänische Volkspartei gegründet, eine stramm rechte Vereinigung. Seit den Wahlen 2015 ist sie mit 21 Prozent nach den Sozialdemokraten (26 Prozent) die zweitstärkste Kraft im Land. Dagegen halfen und helfen offenbar weder Hygge noch Lykke.

Meik Wiking: Lykke – Der dänische Weg zum Glück, Lübbe, 24 Euro.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Harry

    uns fehlt so vieles.Deutschland entwickelt sich immer mehr zurück.Mein Haus,mein Auto...

  2. Noch ein Grund

    In anderen Medien ist heute zu lesen, das immer mehr Asylbewerber aus Dänemark nach Deutschland einreisen. Wenn man sich so seiner Probleme entledigt, dann ist es einfach glücklich zu sein...

  3. Demokrat

    Die Aussage - ich zahle keine Steuern sondern finanziere Lebensqualität ist ein gutes Zeichen. das lässt sich aber eben auf viele Länder nicht so umsetzen. Auch auf Deutschland nicht denn die Steuern werden eben nicht in erster Linie in Lebensqualität -wie Infrastruktur ,Sicherheit modernstes Gesundheitssystem ecte ect eingesetzt. Der Deutsche ist es Leid das ein großer Teil des von ihm erarbeiteten Geldes in militärische unsinnige Auslandseinsätze fließt oder in unkontrollierte Entwicklungshilfen bei denen ein großteil des Geldes in die Taschen korrupter Politiker fließt . Auch das Problem illegaler Einwanderer welches den Steuerzahler belastet gehört dazu. Ein weiteres Problem besteht darin das der Bürger täglich sieht wie Geld verbrannt wird ,durch falsche Planungen wie BER oder Finanzierung unsinniger Gerichtsprozesse wie zb bei der Walsschlösschenbrücke ect. Auch das Rentensystem kann u.muß mehr aus Steuermittel unterstützt werden. Das könnte man so fortsetzen

  4. CMacher

    Die Dänen machen sich es mal wieder einfach, die haben ja gut reden. Was muss unser schönes Sachsen noch für Schmach über sich ergehen lassen? Wehrt euch endlich gegen sowas!

  5. Berg

    Dänemark hat ca 5,5 Mio Einwohner, nur wenig mehr als Sachsen. Man ist dort gewohnt, vom Import (Waren, Kultur usw.) aus den Nachbarn mitzuleben: keine Autoindustrie, keine chem. Ind. usw. - Diese "Zufriedenheit" wäre mir etwas zu dünn. Dann schon lieber unsere sächsischen Probleme und das Auslachen, das uns Ulbricht und Cohrs eingebrockt haben.

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