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Das Geheimnis des Feuilletons

Nach Scharnagl kam mit Fratzscher erneut ein namhafter Autor zu Wort, der ohne Scheu ein brennendes Problem entgegen dem Mainstream klar anspricht und seine Auffassung überzeugend begründet. Danke, SZ!!! Unklar bleibt mir die Einordnung des Beitrages im „Feuilleton“ – es ist wohl das Geheimnis der Redaktion. MfG Heiko Schmidt

02.09.2016

Sehr geehrter Herr Schmidt,

dann wollen wir das Geheimnis mal lüften. Gestatten Sie mir, dass ich dazu ein wenig aushole. Die Sächsische Zeitung druckt schon seit Jahren Texte von kompetenten und interessanten Autoren zu aktuellen Themen, die unsere Leser besonders bewegen. Zuletzt haben die Texte von Scharnagl und Reitschuster über Wladimir Putin für große Resonanz gesorgt. Das war auf dieser Seite nachzulesen. Die beiden Texte vertraten sehr verschiedene Positionen – und so war das auch gewollt. Solche Beiträge sollen zum Nachdenken anregen, zum Reiben an den Positionen, zur Überprüfung der eigenen Ansichten.

Bis zum vergangenen Jahr fanden SZ-Leser solche Texte vorwiegend im Politik-Teil. Bis der neue Kulturchef Marcus Thielking sein Konzept vorstellte. Er hatte sich vorgenommen, aus dem Kulturteil der SZ einen Feuilletonteil zu entwickeln, wie er – wesentlich umfangreicher – etwa bei der Frankfurter Allgemeinen oder der Süddeutschen Zeitung gepflegt wird. Der Unterschied zum klassischen Kulturteil auf einen Nenner gebracht: Neben traditionellen Beiträgen über das Kulturleben und Rezensionen von Veranstaltungen aller Art werden eben solche Debattenbeiträge zu spannenden Themen der Zeit gedruckt. Da kann dann auch eine Auseinandersetzung über die Impfplicht für Kinder dabei sein, wie kürzlich zu lesen. Den Kollegen des Ressorts gelingt es immer besser, interessante Autoren mit unterschiedlichen Positionen zu gewinnen und so den Debattencharakter des Feuilletons zu stärken.

Diese Feuilleton-Tradition stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zugleich passt sie zu den Veränderungen, die Tageszeitungen den Informationsbedürfnissen der Gegenwart anpassen sollen. Nicht die allerletzte schnelle Information steht mehr im Vordergrund – da ist das Internet sowieso schneller –, sondern der interessante Hintergrund, die spannende Reportage, das ausführliche Gespräch, die kontroverse Debatte. Erfreulicher Nebeneffekt: Die Leser der SZ honorieren diese Entwicklung mit sehr guten Lesewerten.

Ihr Olaf Kittel

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