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Dienstag, 21.02.2017

Das Altern: eine Herausforderung für die Psyche

Die Enkel kommen zu Besuch – normalerweise ein Grund großer Freude. Doch es gibt Menschen, die mit steigendem Alter trotz intakter Familienverhältnisse diese Freude nicht mehr spüren können. Wenn die Freudfähigkeit im Alter abnimmt, kann dies ein Anzeichen für eine Altersdepression sein.

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  • Ein intaktes soziales Netzwerk ist ein wirksamer Schutz gegen das Entwickeln einer Depression.
    Ein intaktes soziales Netzwerk ist ein wirksamer Schutz gegen das Entwickeln einer Depression.

Mit steigendem Alter werden sich Senioren ihrer eigenen Vergänglichkeit bewusst und oft mit Verlusten konfrontiert. Diese und weitere Belastungen können in Traurigkeit münden, die, wenn sie Wochen und Monate anhält, auf eine Altersdepression hinweisen kann. „Trotz dieser besonderen Herausforderungen treten schwere Depressionen im Alter nicht häufiger auf als in anderen Lebensphasen“, sagt der Psychologe Dr. Dirk Ritter von der Poliklinik der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Dresden. „Im Alter werden Symptome wie Freud- und Antriebslosigkeit jedoch oft als Folge normaler altersbedingter Veränderungen verkannt, sodass Patienten lange Zeit unbemerkt unter einer Depression leiden.“

Die Diagnose ist schon bei jungen Menschen nicht einfach zu stellen, da sich das Krankheitsbild aus einer Vielzahl an Faktoren zusammensetzt. Mithilfe des klinischen Eindrucks und anhand bestimmter Kriterien definieren Psychiater bei einem ersten Termin die Schwere der Depression und fragen gezielt Symptome ab. Doch das Krankheitsbild ist unter Senioren unpopulär: „Die jetzige Seniorengeneration ist für das Thema der psychischen Erkrankungen nur wenig sensibilisiert. In den Gesprächen mit dem Hausarzt kommen so oftmals nur körperliche Beschwerden zur Sprache – seelische Probleme werden ausgeblendet. Dabei bestehen hier erhebliche Gefahren“, warnt Dr. Ritter.

Depressionen nicht auf die leichte Schulter nehmen

Ein Blick auf die Symptome zeigt, dass Altersdepressionen nicht auf die leichte Schulter genommen werden dürfen. Je nach Ausprägung können diese von Antriebslosigkeit über Schlafstörungen und Konzentrationsmangel bis zu einem Zustand der Lebensmüdigkeit, der von Suizid-Gedanken begleitet wird, reichen. Das Ausbleiben von Glücksgefühlen bei freudigen Ereignissen ist oft ein erster Anhaltspunkt für die Betroffenen und ihr soziales Umfeld. „Die Depression ist kein gewöhnlicher Zustand der Trauer, der insbesondere nach Schicksalsschlägen auch länger anhalten kann. Vielmehr schränken Altersdepressionen die Funktionsfähigkeit im Alltag deutlich ein“, fasst Dr. Ritter zusammen.

Obwohl grundsätzlich mehr Frauen als Männer unter Depressionen leiden, schweben auch diese in erheblicher Gefahr: Das liegt vor allem daran, dass sich Männer im Alter stärker aus ihrem sozialen Umfeld zurückziehen. Doch gerade ein intaktes soziales Netzwerk ist ein wirksamer Schutz gegen das Entwickeln einer Depression. Dies gilt insbesondere für Senioren, die Verwandte mit einer Depressionserkrankung haben oder im Laufe ihres Lebens schon einmal unter einer Depression litten. Die Gefahr der Krankheit liegt aber nicht nur in den unmittelbaren Symptomen, sondern auch in den mittelbar zu erwartenden Folgeerkrankungen. So ist die Wahrscheinlichkeit einer Herzerkrankung für Patienten mit Depression fünfmal höher als für gesunde Menschen im gleichen Alter.

Stimmungsänderungen können auch Anzeichen einer Demenz sein

Für Ärzte wie Prof. Markus Donix, Leiter der Universitäts-Gedächtnisambulanz des Uniklinikums Dresden, besteht bei der Diagnose von Altersdepressionen zudem noch eine weitere Herausforderung: Stimmungsänderungen im Alter gehen nicht zwangsläufig auf eine Depression zurück. Sie können ebenso erstes Anzeichen einer sich ankündigenden Demenz sein. „Ungefähr 40 Prozent aller Demenzpatienten zeigen bei Untersuchungen Stimmungsveränderungen – umgekehrt zeigt jedoch auch die gleiche Anzahl von Depressionspatienten Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit etwa in der Aufmerksamkeit oder dem Gedächtnis“, erklärt der Experte. Ein Termin in einer entsprechenden Fachambulanz – in dessen Rahmen auch körperliche Beschwerden bewertet werden – kann helfen, eine beginnende Demenz von depressiven Störungen abzugrenzen.

Die unterschiedlichen Ausprägungen der Altersdepression sowie die Überschneidung von Symptomen mit Demenzerkrankungen können dafür sorgen, dass die Diagnose der Krankheit mit mehreren Untersuchungen einhergeht. Doch einmal identifiziert, lässt sich die Depression mit etablierten Therapiemethoden oft sehr gut behandeln. Die Therapieplanung erfolgt dabei direkt mit dem Patienten, wird individuell auf die Ausprägung der Depression abgestimmt und setzt sich beispielsweise aus Psychotherapie und medikamentöser Behandlung zusammen. „Wichtig ist, dass die Betroffenen sich nicht scheuen, ihre Probleme beim Hausarzt anzusprechen. Depressionen sind auch im Alter gut behandel- und heilbar“, betonen Prof. Donix und Dr. Ritter gleichermaßen. Mit der richtigen Therapie ist dann auch ein erfülltes Altwerden möglich. Felix Koopmann