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Samstag, 19.08.2017

Darf man noch „Asylant“ schreiben?

Auch wenn eine Leserin aus Hoyerswerda den Begriff „Asylant“ verwendet, so sollte doch eine Zeitungsredaktion etwas sensibler damit umgehen! Der Begriff ist seit Anfang der 1990er-Jahren nach den Ausschreitungen von Rostock und Hoyerswerda verschwunden und wird nur noch von Leuten verwendet, die stigmatisieren wollen. MfG Wieland Poredda

Sehr geehrter Herr Poredda,

richtig ist: Mit Sprache sollten wir sorgsam umgehen, gerade auch in Zeiten schneller Kommentare im Internet, die oft genug alle nur möglichen Grenzen überschreiten. Allerdings bleibt die Frage, wie weit die Selbstbeschränkung gehen sollte.

Der Reihe nach: Der Begriff „Asylant“ ist tatsächlich fast ganz aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Bis in die 80er-Jahre ist er zunächst neutral verwendet worden. Mit der Zunahme der Flüchtlingszahlen in den 80er- und 90er-Jahren sowie den Überfällen auf Asylbewerberheime bekam der „Asylant“ einen negativen Klang. Begriffe wie „Asylantenheime“ und „Scheinasylanten“ trugen dazu bei. Es bildete sich - weitgehend unausgesprochen - der gesellschaftliche Konsens heraus, auf dieses Wort zu verzichten.

Dabei ist es nicht so ganz einfach, für diese Personengruppe exakte Begriffe zu finden, die zugleich frei von falschen Tönen sind. Asylbewerber ist natürlich richtig, wenn es um Menschen geht, die noch im Asylverfahren stecken. Flüchtlinge ist der weitgehend akzeptierte Oberbegriff. Einigen ist das „ling“ unangenehm, sie verwenden lieber den Begriff „Geflüchtete“, der sich in der Öffentlichkeit bisher aber nicht durchgesetzt hat. Auch diesen Aspekt gilt es zu beachten. So ist die sehr genaue Bezeichnung „Menschen mit Migrationshintergrund“ für alle in Deutschland, die aus einem anderen Kulturkreis stammen, sehr exakt - aber eben auch ziemlich umständlich. Folglich setzt sie sich schwer durch.

Wenn Sie, Herr Poredda, den Gebrauch von „Asylant“ in einem Leserbrief kritisieren, kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Leserbriefe sind Meinungsbeiträge. Die SZ toleriert bewusst ein breites Meinungsspektrum und will auch nicht als überkorrekte Sprachpolizei erscheinen. Der Begriff „Asylant“ ist nicht gut, aber auch keine Katastrophe, als dass er in einem Meinungsbeitrag ersetzt werden müsste. Erst wenn klare Grenzen überschritten werden, greift eine SZ-Redakteurin ein. Sie wird dann aber eher nicht den Begriff austauschen, sondern auf den Abdruck des Briefes verzichten.

Ihr Olaf Kittel

E-Mail an Olaf Kittel