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Donnerstag, 27.12.2012

Computer sollen Stasi-Akten rekonstruieren

Wie ein gigantisches Puzzle sollen per Computertechnik Millionen Schnipsel von Stasi-Dokumenten zusammengesetzt werden. Das Projekt ist hoch kompliziert. Jetzt kommt der entscheidende Schritt.

Von Jutta Schütz

Bisher wurden Schnipsel von Stasi-Akten mühevoll in Handarbeit zusammengesetzt (Archivbild).
Bisher wurden Schnipsel von Stasi-Akten mühevoll in Handarbeit zusammengesetzt (Archivbild).

© dpa

Berlin. Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall soll voraussichtlich 2013 die groß angelegte Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen per Computer beginnen. „Wir hoffen, dass die Entwicklung der schwierigen Technik abgeschlossen wird und die Testphase beginnt“, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. „Die digital zusammengefügten Dokumente werden die Aufarbeitung voranbringen.“ An der weltweit einmaligen Technologie arbeitet das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) seit 2007.

Nach dem Mauerfall hatte die Stasi massenhaft Unterlagen vernichten wollen. Offiziere zerrissen zum Schluss Akten per Hand, weil die Reißwölfe heiß liefen. In Stasi-Befehlen hieß es, dass „belastendes Material zu vernichten und Inoffizielle Mitarbeiter (IM) zu schützen“ seien. Bürgerrechtler retteten aber zahlreiche Dokumente. 15.000 Säcke mit Millionen Schnipseln lagern in Depots.

Bislang wurden per Hand anderthalb Millionen Blätter wiederhergestellt. Laut Fraunhofer Institut bräuchten 30 Leute für das manuelle Zusammenfügen aller Schnipsel 600 bis 800 Jahre. Mit speziellen Scannern und einer weltweit einzigartigen E-Puzzler-Software sollen künftig per Computer Risskanten, Schrift und Papier zugeordnet und die Fetzen zusammengefügt werden. Mehr als acht Millionen Euro flossen schon in das Projekt.

Aufklärung über Geheimpolizei erhofft

In der Testphase solle der Inhalt von 400 Säcken entschlüsselt werden, so Jahn. Darunter seien auch 90 aus der Spionage-Abteilung (HVA) des einstigen Stasi-Ministeriums. „Mit den rekonstruierten Akten kann es einen Schub geben bei der Aufklärung über das Wirken des DDR-Geheimpolizei“, sagte der frühere DDR-Oppositionelle. Gerade zur Arbeit der Stasi im Westen gebe es große Lücken in den Akten. Vieles sei vernichtet worden. Auch zur Verfolgung von Oppositionellen in der DDR würden neue Erkenntnisse erhofft.

Nach den Vorstellungen von Jahn soll die Innovation auch der Öffentlichkeit gezeigt werden. „Dem Fraunhofer-Institut schwebt eine gläserne Rekonstruktion in Haus 18 des früheren Stasi-Ministeriums vor - wenn die Testphase erfolgreich ist.“ Das riesige Gelände an der Berliner Normannenstraße könne sich so zu einem Campus der Demokratie, zu einem Ort des Lernens am authentischen Ort entwickeln.

Zu sehen sind hier auch das original erhaltene Büro des Chefs der Staatssicherheit, Erich Mielke, im Stasi-Museum sowie das Archiv mit geretteten und vollständig erhaltenen Stasi-Akten. Bereits Mitte 2013 sollen Teile des Bildungszentrums der Behörde in die einstige Stasi-Machtzentrale umziehen, folgen solle die Forschungsabteilung der Bundesbehörde, sagte Jahn. Ende 2014 laufe der Mietvertrag für den jetzigen Standort am Alexanderplatz aus. Auch der Umzug aller Mitarbeiter sei im Gespräch.

Zur Zukunft der Behörde sagte der 59-Jährige: „Egal, welches Türschild künftig angebracht wird, die Aufarbeitung geht weiter.“ Bislang wird davon ausgegangen, dass die Aufarbeitungsbehörde bis mindestens 2019, dem 30. Jahrestag des Mauerfalls, bestehen bleibt. Eine Überführung der Akten ins Bundesarchiv wird diskutiert.

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