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Freitag, 12.10.2007

Ciudad Juarez–Welthauptstadt der Frauenmorde

Zwischen 1993 und 2007 wurden in der Stadt 393 Frauen ermordet. Von diesen Fällen sind 126 noch immer ungeklärt.

Von Franz Smets, Ciudad Juárez

Die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez verdankt ihre Bedeutung der Nähe zu den USA. 300 internationale Konzerne, darunter deutsche Unternehmen wie Bosch und Siemens, haben in Ciudad Juárez so genannte Maquila-Fabriken aufgebaut, Montagebetriebe, die den US-Markt mit ihren Produkten beliefern. Dass die Grenzstadt international Berühmtheit erlangte, verdankt sie jedoch der Tatsache, dass hier zwischen 1993 und 2007 393 Frauen ermordet wurden. „Welthauptstadt der Frauenmorde“istdeshalb dasImage, das der Stadt weltweit anhängt.

Darüber redet Bürgermeister Héctor Murgía Lardizàbal vor ausländischen Besuchern gar nicht gern. Er gerät lieber ins Schwärmen, wenn er über “unser geliebtes Juárez“ spricht.

Vor 40 Jahren war Juárez ein Flecken mit 20000 Einwohnern. Heute leben hier 1,6 Millionen Menschen. Gegenüber, im texanischen El Paso, sind es nur 700000. „Überall liegen wir an vorderster Stelle“, berichtet Murgía den Mitgliedern der deutsch-mexikanischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages. Die Politiker sind alle zwei Jahre in Mexiko, um den Kontakt zu den mexikanischen Kollegen zu pflegen. Dieses Mal kamen sie, um sich unter anderem über die Frauenmorde zu informieren.

Das Europäische Parlament forderte gestern Mexiko und die Staaten Mittelamerikas auf, Frauen bessergegen Gewaltzuschützen.In der gesamten Region kommen Morde an Frauen häufiger vor als anderswo auf der Welt. Das Parlament erklärte, die Länder müssten die Ungleichbehandlung der Geschlechter beenden und Gewalt gegen Frauen mit aller Härte unterbinden.

Erst vor einigen Jahren wurden die Behörden unter dem Druck der internationalen Öffentlichkeit tätig. Die neue Regierung des Staates Chihuahua unter dem Gouverneur José Reyes Baeza Terrazas begann mit der Aufklärung der brutalen Taten. Die meisten Täter liefen frei herum. Es gab in ganz Chihuahua kein einziges Polizeilabor, keine moderne Gerichtsmedizin. Auch heute noch sind 126 Fälle nicht aufgeklärt. Heute gibt es Labore und mehr professionelle Polizei- und Aufklärungsarbeit.

Unvorstellbarer Frauen-Hass

Lange hatte die Straflosigkeit dazu geführt, dass die Morde im Laufe der Zeit zunahmen, meist im familiären Umfeld, im Zusammenhang mit Drogenkriminalität und Jugendbanden. „Der Mann glaubt, er könne über seine Frau verfügen, wie über Eigentum“, erklärt Justizministerin Patricia González. „Es ist unvorstellbarer Hass und Missachtung gegenüber der Frau.“ Viele junge Frauen und Mädchen, meist aus Zuwandererfamilien aus dem Süden wurden Opfer dieser Gewalt. Ein Täter sagte, er und seine Kumpane hätten unter Rauschgifteinfluss an Wochenenden Frauen entführt, vergewaltigt und ermordet.

Die Verzweiflung der Familienangehörigen ist unvorstellbar. Bis 2004 war so gut wie keine einzige Tat aufgeklärt. Mütter, die ihre verschwundenen Töchter suchten, wurden mit der Behauptung abgefertigt, die Tochter habe sich wohl illegal in die USA abgesetzt. „Wir haben vor allem mit der Bekämpfung der Straflosigkeit begonnen, indem wir die Polizeiarbeit professionalisiert haben“, sagt González.

Heute noch herrscht in der Führung der Stadt die Meinung vor, es sei besser, das Phänomen unter den Teppich zu kehren. Leopoldo González Baeza von der staatlichen Menschenrechtskommission hält das Ganze für eine Übertreibung der Medien. „Wir haben die ganze Welt gegen uns, sogar Jennifer Lopez“, klagt er. Die US-Schauspielerin und Tochter puertoricanischer Einwanderer hat in Juárez einen Film zu dem Thema gedreht. (dpa)