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Montag, 09.07.2012

Chemnitz darf Roten Turm besteigen

Der Rote Turm ist Wahrzeichen, ältestes Gebäude - und für viele ein bekannter Unbekannter. Jahrelang stand er verschlossen. Pläne für eine Ausstellung scheiterten jüngst. Jetzt dürfen die Chemnitzer wieder hinein.

Von Mandy Schneider

Türmerin Monika Rührold geleitete gestern fünf Chemnitzer gemächlich die 110 engen Stufen hinauf und im Sauseschritt durch fast 900 Jahre Geschichte: „Als die Stadtmauer 1264 gebaut wurde, stand der Rote Turm schon über hundert Jahre, gebaut an der Kreuzung zweier Handelsstraßen.“ Die Aussicht auf ein Fernhandelsprivileg hatte scharenweise Menschen in die Wildnis zum „Locus Kamenicz“ gelockt. „Das war wie eine Steuerbefreiung“, so die Türmerin. Besucher Reiner Knoll (50) ergänzt schmunzelnd: „Ein Konjunkturprogramm im Mittelalter.“

Seinen Namen verdankt der Turm nicht nur dem roten Porphyrtuff aus dem Zeisigwald, sondern auch der Blutgerichtsbarkeit, die hier vollstreckt wurde. Monika Rührold: „Wer im zwölf Meter tiefen Verlies landete, den erwarteten schreckliche Strafen.“ Die prominentesten Insassen im Laufe der Jahrhunderte waren Karl Stülpner und August Bebel.

Auf seine heutige Höhe von 37,40 Meter wuchs der Rote Turm erst 1555, als ihm mit Backstein ein weiteres Geschoss und eine Haube in Form einer Bischofsmütze aufgesetzt wurden. „Darauf und auf den Wiederaufbau 1958 verweisen die beiden Jahreszahlen auf der Wetterfahne“, erzählt die Türmerin und verblüfft die Gäste mit einer wenig bekannten Anekdote: „Nach dem Krieg legten die Chemnitzer Kleingärten rund um den Turm an.“ Selbst Ur-Chemnitzerin Renate Kalup (74) wunderte sich: „Das ist mir neu. Dabei habe ich als Kind in der Bretgasse gewohnt. Aber ich war ja auch heute zum ersten Mal bis ganz oben im Roten Turm. Schön, dass das jetzt möglich ist.“

Die Führungen finden am Wochenende mit maximal zwölf Personen statt, kosten 5 Euro. Reservierung unter Telefon: 0371/69 06 80.