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Montag, 02.10.2017

„Charly“ will nicht weg

Es ist Zugsaison für die Kraniche in Brandenburg: Die Vögel sammeln sich zum Abflug gen Spanien. Einen von ihnen interessiert das überhaupt nicht. Der gut sechs Monate alte Kranichjunge „Charly“ scheint nicht daran zu denken, sich seinen Artgenossen anzuschließen.

Von Jeanette Bederke

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Der junge Kranich Charly will offenbar in Brandenburg bleiben.
Der junge Kranich Charly will offenbar in Brandenburg bleiben.

© dpa

  • Der junge Kranich Charly will offenbar in Brandenburg bleiben.
    Der junge Kranich Charly will offenbar in Brandenburg bleiben.
  • Es ist Zugsaison für die Kraniche, doch Charly stolziert lieber durch das der Naturschützerin Beate Blahy.
    Es ist Zugsaison für die Kraniche, doch Charly stolziert lieber durch das der Naturschützerin Beate Blahy.
  • Beate Blahy füttert den Kranich in ihrer Küche.
    Beate Blahy füttert den Kranich in ihrer Küche.

Greiffenberg. „Charly“ hat keinerlei Berührungsängste. Mit einem stetigen Piepsen stakst der junge Kranich hinter Eberhard Henne her - egal wohin der 73-Jährige geht. Auch vor Besuchern, die das Anwesen des ehemaligen Brandenburger Umweltministers nahe Greiffenberg (Uckermark) betreten, schreckt der neugierige Vogel nicht zurück. Er beäugt Neuankömmlinge kurz, um dann neugierig mit dem Schnabel an den Fingern der Menschen zu zupfen. Das Zuhause seiner Zieheltern liegt direkt am Radweg Berlin-Usedom, und war im Sommer stark frequentiert. Der junge Kranich ist daher auch an Fremde gewöhnt.

„Charly hat quasi immer Hunger“, sagt Henne, während er in die Küche läuft, den stubenreinen Vogel unweigerlich im Schlepptau. Mehlwürmer, Schaben, Heuhüpfer und Geflügelherzen stehen auf dem Kranich-Speiseplan. Mais, den Artgenossen aufgrund seines Energiereichtums schätzen, findet der Jungvogel hingegen uninteressant. Und auch das Rufen der Kraniche, die sich auf den Feldern rings um den Hof seiner Zieheltern sammeln, um spätestens Ende Oktober nach Süden zu ziehen, ängstigen ihn eher, als dass sie ihn interessieren. „Das ist sehr bedauerlich“, sagen Henne und seine Frau Beate Blahy unisono, „wir hatten gehofft, ihn auswildern zu können, wenn er so weit ist.“

Am 10. Mai war das damals etwa 200 Gramm schwere Kranichküken in die Obhut von Blahy und Henne gekommen. Der pensionierte Tierarzt und seine Frau, die in der Verwaltung des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin arbeitet, haben schon mehrfach Kranich-Junge großgezogen, verletzte Vögel gesund gepflegt und wieder ausgewildert. Beide sind Mitglieder der Brandenburger Landesarbeitsgruppe Kranichschutz.

„Henne ist der Urvater des Kranichschutzes in Brandenburg. Wenn jemand verletzte oder junge Vögel retten und ihnen eine Chance auf ein normales Leben geben kann, dann ist er es, gemeinsam mit seiner Frau. Sie sind die absoluten Spezialisten“, sagt Ralf Donath, Sprecher der Arbeitsgruppe. Aus Tierschutz-Sicht sei eine Rettung immer einen Versuch wert, meint er.

„Charly“, wie der Findling genannt wird, verlor seine Familie in der Nähe von Brandenburg/Havel, als ein Quadfahrer durch das Brutgebiet raste. Die Altvögel nahmen Reißaus in die Luft, die Küken versteckten sich. Irgendwie verschlug es den wenige Tage alten Kranichjungen an einen Müllplatz in Charlottenhof (Potsdam-Mittelmark), wo ihn Naturschützer fanden.

„Die Suche nach den Elterntieren blieb leider erfolglos“, berichtet Anne Grohmann von der Staatlichen Vogelschutzwarte Nennhausen (Havelland). Sie ist froh, dass die beiden Kranich-Experten aus der Uckermark den Mini-Vogel übernahmen. „Ziel war natürlich, den Kranich auszuwildern, damit er mit seinen Artgenossen gen Süden fliegen kann“, erzählt Blahy.

Doch die Zeit bei den Elternvögeln war offenbar zu kurz, als dass sie das Küken geprägt hätten. „Deswegen ist er nun auf uns Menschen fixiert, er kennt quasi nichts anderes“, erläutert die Biologin. Die größte europäische Vogelart würde den Nachwuchs den ganzen Tag lang führen. Deswegen folge „Charly“ seinen menschlichen Eltern auch auf Schritt und Tritt. „Er bleibt nicht allein, einer von uns muss immer zuhause sein, sonst fliegt er uns hinterher.“

Dass das Tier so zahm werden würde, sei dennoch nicht absehbar gewesen, sagt Blahy, die nach wie vor überzeugt davon ist, dass es richtig war, dem kleinen Vogel eine Chance zu geben. „Er ist ein gutes Anschauungsobjekt für die Umweltbildung, nämlich Rücksicht zu nehmen auf die Lebensräume anderer. Sonst hat das schlimme Folgen“, glaubt sie.

Noch wirkt der inzwischen etwa drei Kilogramm schwere „Charly“ mit seinem grauen Jungvogel-Federkleid recht unscheinbar. Die prächtigen Schmuckfedern am Schwanz und das typische rote Kopfgefieder wachsen ihm erst im nächsten Jahr. Dann kommt er auch in den Stimmwechsel, das Piepsen verschwindet. Werden männliche Kraniche geschlechtsreif, verhalten sie sich zunehmend aggressiv und verteidigen ihr Revier.

Im Falle von „Charly“ wäre es das Grundstück von Henne und Blahy. Seine Zieheltern geben die Hoffnung noch nicht auf, ihn doch noch auswildern zu können. Mehrmals am Tag gehen sie mit dem Schreitvogel spazieren, um ihm natürliche Futterquellen nahe zu bringen, ihn an die Umgebung zu gewöhnen.

Mit dem Fernglas beobachten beide die sich ringsum sammelnden Kraniche, auch auf der Suche nach einem anderen ehemaligen Schützling. Im vergangenen Winter wohnte ein Kranichmädchen mit einem gebrochen Bein im Gewächshaus der beiden Naturschützer. Das Bein heilte nicht wieder zusammen, trotzdem flog „Pauline“, wie der Vogel getauft worden war, im Frühjahr wieder in die Freiheit. „Ich hoffte sie einmal wiederzusehen“, gesteht Blahy. Bisher jedoch vergeblich. (dpa)