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Montag, 26.02.2007

Bußgürtel im Klassenraum?

Der umstrittene Orden „Opus Dei“ will in Potsdam ein Gymnasium eröffnen und sorgt damit für viel Aufregung.

Von Matthias Benirschke

Es wird wieder mehr Latein gesprochen in Potsdam. „Opus Dei“ heißt „Werk Gottes“ – und „ante portas“, also vor der Tür, steht die Gründung eines katholischen Jungengymnasiums in der brandenburgischen Hauptstadt. Bis zum Sommer muss das Bildungsministerium über den Antrag einer Elterninitiative entscheiden. Es ist nur einer von landesweit 44Anträgen von Privatschulen. Doch unter den 20 Aktiven der Elterninitiative sind sieben Mitglieder der umstrittenen, streng konservativen katholischen Priester- und Laienorganisation Opus Dei.

Gequältes Lächeln

So mancher wähnt nun eine geheimnisumwitterte Gemeinschaft vor den Toren der Stadt, wie sie etwa der Schriftsteller Dan Brown in seinem millionenfach verkauften Thriller „Sakrileg“ beschreibt.

Rund 85 000 Mitglieder hat Opus Dei weltweit. Knapp 600 sind es in ganz Deutschland, kaum mehr als der Potsdamer Fußball-Oberligist Babelsberg 03. Dennoch ist die Unruhe groß in der Stadt mit ihren rund 150 000 Einwohnern– darunter etwa 5000 Katholiken.

Offiziell wird über Koedukation oder ein drohendes Überangebot an Privatschulen debattiert. „Ich bin Protestant und Ostdeutscher und darum des Katholischen nicht so mächtig“, stellt sich ein Mann beim Informationsabend der Elterninitiative im Saal der Babelsberger St.-Antonius-Gemeinde vor. Er hat gezielte Fragen: Wie es denn Opus Dei halten wolle an der Schule mit der Freiheit, der Homosexualität, und er habe von Bußgürteln und Selbstgeißelung als gängige Praxis bei der Gemeinschaft gehört.

Über die Gesichter der Männer auf dem Podium huscht ein etwas gequältes Lächeln. Diese Fragen kennen sie. Die rund 20 Zuhörer sind gespannt. „Das hat nichts mit unserer Schule zu tun“, versichert Wolfgang Weber, Opus-Dei-Priester und möglicher Seelsorger und Religionslehrer eines Knabengymnasiums. „Es gibt einige wenige bei uns, die einen Bußgürtel tragen. Das ist eine Marginalie.“ Entscheidend sei das Motiv. Es gehe auch um das Aufrütteln. Gerade jetzt sei man in der vorösterlichen Bußzeit. „Und hat nicht fast jeder von uns schon mal ein Bußgeld zahlen müssen?“ Verhaltenes Lachen im Saal.

Horst Hennert, Leiter der Opus Dei Zentrale in Berlin, erklärt, dass nur einige wenige der Opus-Dei-Anhänger, die sogenannten Numerarier, derartige Bußübungen absolvierten. Hennert ist auch Geschäftsführer der Fördergemeinschaft für Schulen in freier Trägerschaft in Köln, wo Opus Dei seine deutsche Zentrale hat. Der Verein ist seit 35 Jahren Träger des Mädchengymnasiums in Jülich und wird von Opus-Dei-Mitgliedern geleitet. Er soll auch der Träger des Jungengymnasiums werden.

Skepsis auch im Erzbistum

In Nordrhein-Westfalen sorgt das keineswegs für Unruhe. Von dieser Gelassenheit sind die Potsdamer Politiker weit entfernt. Im Gemeindesaal geraten CDU und SPD aneinander. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Steven Breetz sagt: „Ich entschuldige mich für meine Stadt.“ Es sei beschämend, dass die PDS der Stadt und ihren Gesellschaften jegliche Verhandlungen mit der Initiative untersagen wolle.

Unterdessen hat das Knabengymnasium überraschend Konkurrenz aus dem eigenen Lager bekommen: Das Erzbistum Berlin will nun selbst ein katholisches Gymnasium in Potsdam errichten, jedoch für Jungen und Mädchen. Darum wird die für diesen Sommer geplante Eröffnung einer katholischen Grundschule – prominentester Unterstützer ist TV-Moderator Günther Jauch – ein Jahr verschoben.

Die Opus-Dei-Initiative scheint selbst den Katholiken vom Erzbistum suspekt zu sein. „Es gibt keine Zusammenarbeit“, betont der Potsdamer Propst Klaus-Günter Müller. Der Vorsitzende der Elterninitiative und Opus-Dei-Angehörige Christoph Rüssel ist überrascht. Bisher hatte es das Erzbistum mit Verweis auf leere Kasse abgelehnt, als Träger des rund 20 Millionen Euro teuren Knabengymnasiums aufzutreten. Ein unfreundlicher Akt des Erzbistums? Unumwunden räumt Rüssel ein: „Das ist richtig.“ (dpa)