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Bürger wollen kein weiteres Haus am Markt

Die Umfrage unter den Pirnaern zeigt eine deutliche Tendenz pro Lücke. Fachleute sehen das kritisch.

07.10.2017
Von Christian Eissner

llen kein weiteres Haus am Markt
Städtebauliche Wunde oder willkommener Ruheplatz? An der Baulücke am Pirnaer Markt scheiden sich die Geister.

© Andreas Weihs

Pirna. Ein so großes Bürgerinteresse bei einer städtischen Umfrage gab es zuletzt, als es um die Gestaltung des Brunnens auf dem Untermarkt ging. Aktuell fragt die Stadt nach der Baulücke gegenüber dem Canalettohaus – und hätte mit einem derartigen Ansturm auf die Fragebögen wohl selbst nicht gerechnet.

Es geht darum, ob das prominent an der Ecke Schloßstraße/Frongasse gelegene Grundstück wieder mit einem Haus bebaut werden soll. Die Idee, zunächst die Bürger zu befragen und erst dann den Stadtrat entscheiden zu lassen, hatte die Ratsfraktion SPD/Grüne. Und die kommt an. „Es sind schon rund 400 Umfragebögen ausgefüllt worden“, sagt Jekaterina Nikitin von der Pressestelle der Stadt. Die Tendenz dabei sei eindeutig. „Eine Mehrheit spricht sich bisher dafür aus, die Grünfläche und den kleinen Spielplatz zu erhalten.“

Zuletzt hatte es Kritik daran gegeben, dass sich die Umfrage leicht manipulieren lasse, denn im Bürgerbüro lag immer ein ganzer Stapel der anonym ankreuzbaren Bögen aus. Inzwischen sind die Mitarbeiter am Rathaus-Empfang angehalten, genau aufzupassen, was mit den Bögen passiert, der Stapel ist kleiner geworden und wird nach Bedarf aufgefüllt. Wer seine Meinung zur Baulücke noch kundtun möchte, kann das bis 18. Oktober tun.

Viele haben nicht einfach nur ein Kreuzchen gemacht, sondern auch ihre Gedanken zur Marktgestaltung auf den Fragebogen geschrieben. „Diese Anmerkungen werden ebenfalls erfasst und den Stadträten zur Verfügung gestellt“, sagt Jekaterina Nikitin. Unter denen, die sich Gedanken gemacht haben, ist auch Altstadtbewohner Klaus Fiedler. „Ich habe Respekt vor den Stadtarchitekten, die gern den alten Zustand wieder herstellen möchten – aber nicht um jeden Preis“, sagt Fiedler. „Der Preis wäre, dass mitten in der Innenstadt eine grüne Oase der Erholung, kombiniert mit einem Kinderspielplatz, verschwindet, und die wunderbare Giebelansicht des bilingualen Gymnasiums nicht mehr erkennbar sein wird.“ Die Grünanlage werde von Familien und Touristen gern aufgesucht, um sich eine Ruhepause zu gönnen.

Ganz ähnlich fallen auch die meisten der zahlreichen Reaktionen auf der Facebook-Seite der SZ Pirna aus, wo über die Zukunft des Grundstücks diskutiert wird. „Könnt ihr nicht mal eine kleine Grünfläche von eurem Bebauungswahn auslassen?“, fragt zum Beispiel Facebook-Nutzerin Katja Just. Ebenso sieht das Sophie Junghanß auf Facebook: „Wir sind mindestens zweimal in der Woche nachmittags auf dem Spielplatz und mein Sohn liebt ihn. Bitte denkt an unsere Kinder.“

Auch im 165 Mitglieder starken Kuratorium Altstadt hat man über die mögliche Bebauung der Lücke diskutiert. Mit anderem Ergebnis. Im Namen des Vereinsvorstands erinnert der Kuratoriumsvorsitzende Albrecht Sturm, selbst Architekt und Bauhistoriker, an die beginnende Zerstörung der Pirnaer Altstadt zum Ende der DDR-Zeit: „Die Baulücke stellt sich als eine in der DDR-Zeit im Altstadtorganismus geschlagene Wunde dar, weitere Abrisse gab es und sollten folgen.“ Das Kuratorium plädiert für eine hochwertige Wiederbebauung, die dem Denkmalcharakter des Marktplatzes Rechnung trägt. Ein Spielplatz könnte stattdessen an der Nordseite des Rathauses anstelle der Parkplätze entstehen, schlägt der Verein vor.