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Bündnis weist den Weg durch die Bürokratie

Die Flüchtlingskultur hat sich verändert. Beratungen sollen dazu beitragen, dass sich die Menschen selbst helfen können.

05.10.2017
Von Cathrin Reichelt

eist den Weg durch die Bürokratie
Seit eineinhalb Jahren bietet das Bündnis „Willkommen in Döbeln“ Flüchtlingen in einer Migrationsberatungsstelle Unterstützung an. Bei Projektleiter Hartmut Fuchs laufen die sprichwörtlichen Fäden zusammen.

© André Braun

Döbeln. Der Syrer möchte freiwillig in sein Heimatland zurückkehren. Dafür benötigt er Papiere von der Ausländerbehörde des Landratsamtes Mittelsachsen. Dort einen Termin zu bekommen, ist nicht einfach. Nicht, weil es keine zeitnahen Termine gibt, sondern weil das Beantragen eines solchen für viele Flüchtlinge eine hohe Hürde darstellt.

„Einen Termin gibt’s ausschließlich über die Internetseite der Ausländerbehörde“, erklärt Hartmut Fuchs, Projektleiter des Bündnisses „Willkommen in Döbeln“. 18 Schritte sind dort zu vollziehen, bevor Tag und Uhrzeit feststehen, zu der der Flüchtling in Freiberg an die Tür des Bearbeiters klopfen kann. Bei Schritt 13 reserviert der Antragsteller einen Wunschtermin. Per E-Mail kommt von der Ausländerbehörde eine Identifizierungsnummer (ID) in Form einer ellenlangen Buchstaben-Zahlen-Kombination zurück. Die muss in einem bestimmten Zeitraum bestätigt werden. „Manchmal sind das nur Stunden“, so Fuchs. Erst dann erhält der Flüchtling die konkrete Zusage für den Termin.

Der Syrer hatte den Zeitpunkt für die Bestätigung der ID verpasst. Deshalb klickte sich Hartmut Fuchs noch einmal mit ihm gemeinsam durch den Antrag, in der Hoffnung, dass es diesmal klappt. Anfangs war das Formular nur auf Deutsch. Inzwischen gibt es eine arabische Erklärung. Englisch, Russisch und Farsi (Persisch) sollen folgen.

Den Kontakt zur Ausländerbehörde herzustellen, ist eine Aufgabe, der sich das Willkommensbündnis widmet. Sie ist aufwendig und kostet viel Zeit. Die Flüchtlingskultur hat sich im vergangenen Jahr verändert. „Integration ist mehr als der Gang zum Sprachkurs“, meint Fuchs, findet aber eine Aussage der Ministerin für Gleichstellung und Integration Petra Köpping noch treffender: „Integration ist keine Kurzstrecke, sondern ein Marathon.“

Nach dem Deutschlernen gibt es für die Flüchtlinge neue Herausforderungen: Praktika, Berufsausbildung, die Suche nach einem Job und einer Wohnung. Überall werden sie dabei mit der deutschen Bürokratie, Behörden, Formularen, Fristen und Terminen konfrontiert. Unterstützung finden sie in der Migrationsberatungsstelle des Willkommensbündnisses. Die gibt es seit dem vergangenen Jahr und sie wurde 2017 auf zwei Stellen erweitert, die mit je zehn Stunden pro Woche von einem Sozialarbeiter und einem Studenten der sozialen Arbeit besetzt sind. „Der Zuspruch ist enorm“, meint Hartmut Fuchs. Zwischen März 2016 und September dieses Jahres habe es knapp 500 Beratungen gegeben. Nicht selten dauere eine länger als eine Stunde.

Oft gehe es dabei um das Ausfüllen von Formularen. Um das zu erleichtern, baut Hartmut Fuchs im Internet einen Formulardienst auf. Dort können sich die bis zu 25 Mitstreiter des Bündnisses orientieren, die den Flüchtlingen als Paten zur Seite stehen und die Sozialarbeiter ehrenamtlich unterstützen. Derzeit ist das Bündnis Ansprechpartner für reichlich 320 Flüchtlinge, die in Döbeln in der Gemeinschaftsunterkunft, in Wohnungen und einem Wohnprojekt leben. „Wir sind aber keine Formularausfüllstelle“, betont Fuchs. „Wir möchten Hilfe zur Selbsthilfe geben. Wir versuchen, mit den Formularen die Hürden zu überwinden, die für die Flüchtlinge die Voraussetzung sind, um am normalen Leben teilzunehmen.“