erweiterte Suche
Montag, 04.01.2016

Brutaler Angriff auf Flüchtling

Unbekannte verletzen in Pirna einen 25-jährigen Syrer am Haltepunkt Copitz-Nord. Der Hergang ist aber völlig unklar.

Bild 1 von 3

Am Sonntagabend untersuchte die Polizei den Haltepunkt Copitz-Nord an und sicherte Spuren.
Am Sonntagabend untersuchte die Polizei den Haltepunkt Copitz-Nord an und sicherte Spuren.

© SZ

  • Am Sonntagabend untersuchte die Polizei den Haltepunkt Copitz-Nord an und sicherte Spuren.
    Am Sonntagabend untersuchte die Polizei den Haltepunkt Copitz-Nord an und sicherte Spuren.
  • Der verletzte Flüchtling wurde von seinen Freunden vom Tatort abgeholt. Sie schossen daraufhin ein Foto von dem Verletzten.
    Der verletzte Flüchtling wurde von seinen Freunden vom Tatort abgeholt. Sie schossen daraufhin ein Foto von dem Verletzten.
  • Die Beamten entdeckten unter anderem eine Flasche, mit der möglicherweise der 20-Jährige am Kopf verletzt wurde.
    Die Beamten entdeckten unter anderem eine Flasche, mit der möglicherweise der 20-Jährige am Kopf verletzt wurde.

Pirna. Trotz eisigen Windes und einer Lufttemperatur von minus fünf Grad hält es kaum einen drinnen. Fast alle Asylbewerber, die derzeit in der Turnhalle des Beruflichen Schulzentrums (BSZ) in Pirna-Copitz untergebracht sind, stehen in der kaltklaren Sonntagnacht draußen, manche vor der Halle, manche auch vor dem Zaun. Eine Gruppe von vielleicht 25 jungen Männern diskutiert und gestikuliert aufgeregt auf der Liebethaler Straße, ein am Mobiltelefon zugeschalteter Dolmetscher aus Dresden übersetzt die Gesprächsfetzen vom Arabischen ins Deutsche und umgekehrt. Schnell wird klar, dass Angst und Ungewissheit die Flüchtlinge auf die Straße trieben. Sie alle eint die Sorge um ihren Freund Ahmed M., der wenige Stunden zuvor am Haltepunkt Copitz-Nord von Unbekannten überfallen worden sein soll.

Die Tat

Nach Angaben der Polizei soll sich der Überfall auf Ahmed M. am Sonntagabend gegen 19 Uhr ereignet haben. Der 25-jährige Syrer, so die Ermittler, sei von Unbekannten angegriffen und geschlagen worden. Dabei wurde er leicht verletzt und danach im Krankenhaus ambulant behandelt. Laut Polizeisprecher Marko Laske sei der genaue Tathergang aber noch unklar. Freunde von Ahmed schildern allerdings noch Sonntagnacht die Tat schon etwas genauer. So soll der 25-Jährige am Haltepunkt Copitz-Nord auf den Zug gewartet haben.

Gegen 19 Uhr seien plötzlich fünf Unbekannte aufgetaucht. Die mutmaßlichen Täter hätten den Syrer ans Ende des Bahnsteiges gedrängt. Einer aus ihrer Mitte habe eine Bierflasche zerschlagen und mit dem abgeschlagenen Flaschenhals dem Flüchtling Schnittwunden im Gesicht zugefügt. Dann sollen die Unbekannten den Syrer geschubst und getreten haben, vor allem auf den linken Arm und die linke Hand. Erst als Ahmed M. mehrfach laut um Hilfe schrie, hätten die Unbekannten von ihm abgelassen. Laut einiger Bekannter sei der 25-Jährige kurz bewusstlos gewesen, habe dann aber über den Mobiltelefon-Kurznachrichtendienst Whatsapp einen Freund informieren können. Andere Flüchtlinge brachten den Verletzten in die Halle, unterrichteten den Sicherheitsdienst und riefen den Rettungswagen. Allerdings kennen die Erzähler den vermeintlichen Tathergang nur vom Hörensagen, dabei war keiner von ihnen. Ahmed M. war allein auf dem Bahnsteig, als der Überfall geschah.

Der Tatort

Die Polizei gibt den Tatort mit „Pirna, Liebethaler Straße, Haltepunkt Copitz-Nord“ an. Möglicherweise ereignete sich der mutmaßliche Überfall auf Ahmed M. am hinteren Ende des Bahnsteiges. Die Bahnsteigkante wird dort von einem Geländer begrenzt. Auf dem Bahnsteig liegen gegen 22 Uhr am Sonntag noch eine Menge Glasscherben. Auf dem hinteren Geländer-Handlauf liegen der abgeschlagene Hals einer Bierflasche sowie kleine Scherben. Auf dem Boden und auf dem Geländer finden sich rote Tropfen, die aussehen wie Blut. Auch auf dem Flaschenhals ist verschmiertes Rot zu sehen. Wenige Meter neben dem vermeintlichen Tatort steht eine große Laterne, die die Umgebung in fahles gelbes Licht taucht, ringsum ist alles dunkel.

Der Verletzte

Laut seinen Freunden ist Ahmed M. ein aus Syrien stammender Kurde. Er sei vor dem Krieg in seiner Heimat nach Deutschland geflohen, er war zunächst im Heidenauer Erstaufnahmelager und kam am 16. November in die Pirnaer BSZ-Halle. Nach Schilderung seiner Mitbewohner habe der 25-Jährige am Sonntagabend am Haltepunkt auf den Zug gewartet, um Freunde in Dresden zu besuchen. Dabei brach der Syrer aber offensichtlich mit einer ungeschriebenen Regel: Unter Flüchtlingen gibt es den Rat, die Unterkunft besser zu zweit oder zu dritt, aber niemals allein zu verlassen. Ahmed aber war allein. Fotos, aufgenommen kurz nach dem mutmaßlichen Überfall, zeigen den Syrer, wie er mit schmerzverzerrtem Gesicht auf Matratzen und Kissen liegt. Blut rinnt aus Wunden im Gesicht, sein linker Arm ist notdürftig verbunden. Später im Krankenhaus ist bereits Grind auf den Rissen im Gesicht, der Arm ist besser verbunden. Allerdings wirkt der Syrer in der Notaufnahme – etwa drei Stunden nach der Tat – noch sehr benommen, er kann nur mühsam gehen, Freunde müssen ihn stützen. Laut der Polizei sei der Verletzte nach einer ambulanten Behandlung im Pirnaer Klinikum in der Nacht wieder in die Asylunterkunft zurückgekehrt.

Die Ermittlungen

Die Polizei nahm den Vorfall am Sonntagabend zunächst auf. Als Flüchtlinge später am Abend das mutmaßliche Tatwerkzeug – die zerschlagene Bierflasche – am Bahnsteig entdeckten, riefen sie erneut die Polizei. Ermittler untersuchten das Ende des Bahnsteiges, fotografierten den mutmaßlichen Tatort. Ein Beamter lässt die Bemerkung fallen, dass es eher untypisch sei, dass jemand einen anderen mit einer zerschlagenen Flasche angreife. In einer Papiertüte tragen die Ermittler Beweisstücke davon, dann verlassen sie das Gelände.

Laut Polizeisprecher Marko Laske untersucht nun die Kriminalpolizei den genauen Tathergang. Ermittelt werde in alle Richtungen, dabei werde auch geprüft, ob möglicherweise eine politisch motivierte Tat vorliegt. Zudem soll sich in Kürze entscheiden, ob das Operative Abwehrzentrum (OAZ) in Leipzig oder der Staatsschutz die weiteren Ermittlungen in dieser Angelegenheit übernimmt.