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Freitag, 08.04.2005

Bruch mit einer alten Tradition

Von Frank Grubitzsch

Dieser Tag wird in Benins Geschichte eingehen. Das westafrikanische Land will am morgigen Sonnabend endgültig mit einer jahrtausendealten Tradition brechen. Die Stadt Natitingou richtet ein großes nationales Fest aus, zu dem neben Präsident Mathieu Kerekou auch Minister, Botschafter und ausländische Staatsgäste erwartet werden. Gefeiert wird das Ende eines blutigen Rituals: der weiblichen Beschneidung, der sich auch in Benin Jahr für Jahr zehntausende Mädchen und junge Frauen unterziehen mussten.

In 28 Staaten Afrikas sowie einigen Ländern Asiens und des Nahen Ostens gehört diese Praxis zum Alltag. Experten schätzen, dass an den Folgen der Prozedur weltweit rund 130 Millionen Frauen leiden. Am gestrigen Weltgesundheitstag wies Unicef darauf hin, dass afrikanische Einwanderer die Tradition auch nach Europa bringen.

Der Begriff „Beschneidung“ klingt in den Ohren der Kritiker verharmlosend. Sie sprechen von „Genitalverstümmelung“. Das kommt der Wahrheit näher. Die Beschneiderinnen benutzen für den Eingriff primitive Werkzeuge: Messer, Rasierklingen, Nadeln, mitunter sogar Glasscherben. Die Mädchen müssen nicht nur die unmittelbaren Schmerzen ertragen, sondern auch Spätfolgen. Viele klagen über chronischen Entzündungen, andere erleben bei der Entbindung ihrer Kinder lebensgefährliche Komplikationen. Psychologen wissen, dass die schmerzhaften Schnitte nicht nur den Körper, sondern auch die Seele dauerhaft verletzen können.

Seit Jahren setzen sich zahlreiche Hilfsorganisationen und Menschenrechtsgruppen dafür ein, diese blutige Tradition zurückzudrängen. Dazu gehört in Deutschland die Organisation (I)ntact, die 1996 gegründet worden war. Dass man tiefverwurzelten Traditionen nicht mit Verboten oder Strafen begegnen kann, war der Organsation (I)ntact und ihren Partnern klar. Sie setzten stattdessen auf Aufklärung. Mit ihrer Kampagne erreichten sie mehr als 1 000 Dörfer, wo sich mitunter hartnäckiger Widerstand hielt. Selbst wenn Mütter davon überzeugt waren, ihren Töchtern die Beschneidung zu ersparen, bestanden „traditionsbewusste“ Verwandte auf dem Ritual – heimlich und ohne Wissen der Eltern. Auch Fetischpriester weigerten sich lange, auf das Ritual zu verzichten.

Dennoch hatten die Bemühungen von (I)ntact und ihrer Partnerorganisationen Erfolg. Innerhalb von nur fünf Jahren gaben landesweit 216 Beschneider ihr blutiges Handwerk auf. Kleinkredite von (I)ntact halfen ihnen, sich eine neue Existenz aufzubauen – als Baumwollbauer oder Viehzüchter.

Ähnliches wird auch in anderen Ländern versucht, in denen die Beschneidungspraxis noch zum Alltag gehört. Projekte in Burkina Faso, Mali und Guinea erhalten Unterstützung vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. „Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass weibliche Genitalverstümmelung nach wie vor in viel zu vielen Ländern verkommt“, sagt Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), die zu den Feiern nach Benin reist.